26.01.2005 · Die Holocaustforschung steht vor einem großen Schritt. Eine umfassende Quellenedition in sechzehn Bänden ist in Arbeit, die den Blick auf die Vorgeschichte der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik lenkt.
Von Lorenz JägerEs war eine zweischneidige Entwicklung, die zur Ersetzung der Namen von Auschwitz, Kulmhof, Dachau und Buchenwald durch die Begriffe „Holocaust“ und „Schoa“ geführt hat.
Die Namen gaben die Vorstellung eines Konkreten, man wußte von den Tätern aus dem Frankfurter Auschwitz-Prozeß, aus Peter Weiss' Theaterstück „Die Ermittlung“, und bis heute können wir den unheimlichen Eindruck nicht loswerden, den schon die Namen der in Frankfurt angeklagten Klehr und Mulka damals auf uns machten.
Wie im Falle des Wortes „Kristallnacht“, das den Eindruck vom Morgen nach den Zerstörungen des 9. November 1938 in großer Intensität festhielt, heute aber als verharmlosend gilt und durch „Reichspogromnacht“ ersetzt wurde, steht es mit Auschwitz. An seine Stelle sind zwei Fremdworte getreten, von denen das eine, Holocaust, einen hierher nicht passenden Bezug zu religiösen Brandopfern nahelegt, während das andere, Schoa, den Eindruck einer nicht mehr deutschen, sondern exotisch-fremden Sache mit sich bringt.
Die Täter waren nicht nur Primitive
Andererseits ist das gesamte Ausmaß der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik mit dem einen Wort „Auschwitz“ in der Tat nicht zureichend beschrieben. Ausgeblendet bleiben dabei die Einsatzgruppen, die 1941 und 1942 unmittelbar hinter der Front ihrem grausamen Werk nachgingen. Schon Raul Hilberg hat darauf hingewiesen, wie sehr sich unsere Vorstellung von den Tätern ändert, wenn wir in ihnen nicht mehr die Primitiven aus den Wachmannschaften der Lager sehen, sondern die hocheffizienten „Intellektuellen“, für die insbesondere der Chef der Einsatzgruppe D, Otto Ohlendorf, repräsentativ war.
Raul Hilberg hat in einem heroischen Forscherleben den Gesamtumfang der Untaten, von Griechenland bis Norwegen, von Frankreich bis zur Krim, darzustellen versucht. Sein Buch „Die Vernichtung der europäischen Juden“, dem anfangs kaum ein Verlag eine Chance geben wollte, wuchs von Auflage zu Auflage. Zugleich aber ging und geht von Hilberg eine bleibende Irritation aus.
Hilberg scheut die Trivialisierung
Die Frage nach den Motiven der Täter, überhaupt jede historisch-psychologische Deutung des Geschehens hat er mit grimmiger Sachlichkeit in sich verschlossen. Sie mag ihm überflüssig oder frivol erschienen sein angesichts des Gewichts dessen, was sein Studium der Akten ans Licht brachte. Die These Daniel Jonah Goldhagens von einem „eliminatorischen Antisemitismus“ in der deutschen Volksseele jedenfalls teilt er nicht. So gibt es von ihm auch keine „Lehren“, die aus dem Holocaust zu ziehen wären: Er, der am meisten zu sagen hätte, scheut die zeitgeistnahe Trivialisierung, und diese Haltung ist es, die ihm über die Jahre eine große Autorität eingebracht hat.
Schon in Hilbergs Werk aber, das sich nicht selten mit internen Problemen der NS-Bürokratie befaßt, etwa den Memoranden der Versicherungsgesellschaften angesichts der Zerstörungen des 9. November 1938, ist dann doch ein Kontext erkennbar, den Götz Aly im vergangenen Jahrzehnt in den Vordergrund gestellt hat. Aly war es, der in seinem 1995 erschienenen Buch über „Die Endlösung“ einen wesentlichen Beitrag zur Forschung leistete, indem er die Fragen nach der „Intention“ oder dem bis heute nicht gefundenen Führerbefehl auflöste in eine Untersuchung des Prozesses selbst, der in die Vernichtungspolitik führte.
Einer der kühlsten Erforscher
Seine Befunde legen es nahe, einen sich kumulierenden Vorgang anzunehmen, bei dem zunächst die Siedlungs- und Volkstumspolitik eine entscheidende Rolle spielte. Mag sein, daß Alys Herkunft aus der Studentenbewegung die Frage nach der „ökonomischen Basis“ nahelegte. Jedenfalls konnte er plausibel machen, daß eine Trennung zwischen Deportationen und Gettobildung einerseits und der Um- und Ansiedlung von Volksdeutschen den wirklichen Vorgang verkennt. Wie denn Aly überhaupt die sozialpolitischen Aspekte des Nationalsozialismus, die Umverteilung von enteignetem Vermögen also, ernster nimmt als mancher Forscher vor ihm. Er ist nicht nur einer der kompetentesten, sondern auch einer der kühlsten und vorurteilslosesten Erforscher der Vernichtungspolitik.
So darf man an die umfassende Quellenedition, die Aly zusammen mit dem Freiburger Historiker Ulrich Herbert, dem Bundesarchiv und dem Institut für Zeitgeschichte plant, die höchsten Erwartungen haben. Der Arbeitstitel lautet „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945“, innerhalb von acht Jahren hofft man die Arbeit an den ins Auge gefaßten sechzehn Bänden fertigstellen zu können. Die Forschung steht damit vor einem neuen großen Schritt; erstmals wären die deutschen Quellen in ihrem ganzen Umfang zugänglich. Und es mag sein, daß hier und da aus diesen Quellen etwas hervorspringt, was den anvisierten Zeitrahmen 1933 bis 1945 sprengt und den Blick auf die Vorgeschichte der Vernichtungspolitik lenkt.
Hohe Zahl von Hilfskräften
Aly selbst zitiert in einer früheren Arbeit einmal eine Quelle zur Umsiedlung der Volksdeutschen, nach der in der baltendeutschen Bevölkerung die Erinnerung an das bolschewistische Massaker, verübt in Riga an baltendeutschen Geiseln im Frühjahr 1919, noch 1939 in lebhafter Erinnerung war. Auch erwähnt er die „antisemitische Interpretation“ der sowjetischen Besatzung der baltischen Staaten und des Ostteils von Polen sowie von Teilen Rumäniens als einen der Schlüssel, wenn man die - im Vergleich etwa mit Dänemark oder Belgien - ungewöhnlich hohe Zahl von lokalen Hilfskräften der Vernichtungspolitik erhellen will.
Sicher wurde die Beteiligung der osteuropäischen Mittäter von deutschen Stellen gefordert und gefördert, die ein Interesse daran haben mußten, möglichst viele in die Untaten hineinzuziehen, aber zugleich müssen diese entfesselt-grausamen Vorgänge einen Vorlauf gehabt haben, der in der jüngeren Geschichte dieser Länder, mithin in den Zuständen unter der sowjetischen Besatzung, zu suchen ist. Der Historiker Bogdan Musial hat zeigen können, daß zwischen Massenmorden, die das sowjetische NKWD während des Rückzugs 1941 beging, und der Pogrombereitschaft der jeweiligen lokalen Bevölkerungen offenbar ein Zusammenhang bestand.
Eine hervorragende Ergänzung
Raul Hilberg hat der geplanten Quellenedition seinen Segen gegeben, indem er bei seinem jüngsten Besuch in Frankfurt gemeinsam mit Götz Aly auftrat, der hier derzeit für vier Semester die Gastprofessur für interdisziplinäre Holocaustforschung bekleidet. Tatsächlich wird die von Aly angeregte Sammlung eine hervorragende Ergänzung zum Werk von Hilberg bedeuten.
Sicher ist diese Darstellung nichts für den Geschmack einer breiteren Leserschaft, aber man möchte doch wünschen, daß anstelle der romantischen Belletristik, etwa über die Liebe im Lager, die Sache selbst die ihr gebührende Aufmerksamkeit findet. Dazu gehört auch etwas, dessen Ausblendung man Hilberg wiederholt vorgeworfen hat: der jüdische Widerstand. Wiederum aus der Feder von Bogdan Musial stammt die kürzlich erschienene, eindrucksvolle Schilderung des Partisanenkampfes in Weißrußland, bei dem jüdische Einheiten eine nicht unbedeutende Rolle spielten.