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Aus Prag und den Provinzen : Die tschechische Komödie

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Glücklich, wer sich Tscheche nennen darf, denn er verfügt über die nötige Ironie. Das bewies das Olympiateam des Landes beim Gummistiefel-Einmarsch in London. Bild: dpa

Immer öfter schummeln wir ganz elegant Fördergelder aus europäischen Fonds in unser Land herüber und spielen im Geiste Schwejks beim Krisentheater bestens mit: Ein Sittenbild aus dem Nachbarland.

          Nirgendwo haben Hollywood-Produzenten größere Konkurrenz als hier bei uns in Tschechien. Und auch die größten Filmstars müssen sich zuweilen hinter den normalen Tschechen mit ihren Bierbäuchen verstecken, weil die bei uns mit viel Erfolg in Geschichten aus dem ganz gewöhnlichen Leben mitspielen. Kritiker dieser oft tragikomischen Filme rümpfen manchmal die Nase, weil sie ihnen langweilig und hinterwäldlerisch vorkommen.

          Die Leute bei uns lieben diese Komödien aber oft mehr als amerikanische Kassenknüller - wohl weil sie sich wiedererkennen. Bei uns spielen sich eher die undramatischen Geschichten ab, über die man jenseits der Grenzen kaum etwas mitbekommt. Mir kommt es aber so vor, dass in Böhmen und Mähren gerade eine Komödie gedreht wird, die auch anderswo in Europa die Menschen interessieren könnte.

          Einen bestimmten Drehbuchautor gibt es nicht; wir schreiben alle kollektiv am Skript, und das klappt ganz vorzüglich. Die genialsten Tschechen sind nämlich schon längst keine „Putzflecken“ mehr, die sich wie der brave Soldat Schwejk in Haseks Roman mit dem Verkauf geklauter Hunde ernähren.

          Keine Angst vor Deutschland

          Nein, wir haben jetzt endlich einen eigenen Staat, in dem wir in aller Freiheit leben können. Wir haben uns entwickelt und emanzipiert. Und nicht einmal vor Deutschland haben wir mehr Angst, schließlich sind wir mit unseren westlichen Nachbarn ökonomisch eng zusammengewachsen. Und unseren eigenen, vertriebenen Deutschen bauen wir gerade sogar ein Museum in Ústí nad Labem/Aussig an der Elbe.

          Wir haben auch schnell herausbekommen, wie die Dinge im Ausland laufen. Immer öfter schummeln wir ganz elegant Fördergelder aus europäischen Fonds in unser Land herüber. Wir können bereits teurere Autobahnen bauen als die Deutschen, obwohl unsere Bauarbeiter viel weniger verdienen. Wir haben es gelernt, unsere Rechnungen so zu formulieren, dass das gar nicht auffällt. Ebensowenig wie das Bestechungsgeld, das wir mit großem Sachverstand umleiten können - zur Not aufs Konto von unseren Mütterchen.

          Einige von uns können sogar fiktive Firmen auf Tropeninseln gründen, damit die Finanzbehörden das viele Geld nicht finden. Und unser schönes Pilsen ist nicht mehr nur berühmt für das Bier, sondern für seine juristische Fakultät, wo man einen Doktortitel in einem halben Jahr erwerben konnte. Einige Glückspilze mit guten Kontakten haben es sogar schneller geschafft. In den wenigen Jahren, die uns zur Verfügung standen, haben wir ganze Landschaften rund um unsere Großstädte mit grauen Würfeln von Lagerhäusern und Logistik-Centern zubetoniert.

          Die Übertschechen in ihren Schlössern

          Wir wissen, dass die Politik, die so etwas möglich macht, einem Versteckspiel gleicht. Wir bewundern die Leute im Hintergrund, die die Marionetten bewegen und auf gut bewachten Schlössern im Grünen leben. Das sind die Übertschechen.

          Was Europa anbelangt, sind wir immer noch genauso zerrissen wie die Kameraden von unserem Schwejk im Ersten Weltkrieg - etliche kämpften für Österreich-Ungarn, etliche dagegen. Das war keine üble Arbeitsteilung, denn so standen wir in jedem Fall auf der Seite der Sieger.

          Nach derselben Methode haben wir uns ein proeuropäisches Parlament gewählt, während unser Präsident der berühmteste Anti-Europäer überhaupt ist. Ansonsten interessieren wir uns hauptsächlich für den eigenen Bauch, und Europa dient uns als Geldquelle. Wenn es aber um Solidarität geht, verschwinden wir in unsere Wälder und sammeln Pilze. Wir mögen es einfach nicht, wenn uns jemand in unser Heimwerkerleben hereinredet.

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