http://www.faz.net/-gqz-7ew91
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 09.08.2013, 06:24 Uhr

Verschlüsselung Angriff auf die Anonymität im Netz

Seit Edward Snowdens Enthüllungen bemühen sich viele Netznutzer um die Verschleierung ihrer Identität. Eine Hilfe dabei ist das Anonymisierungsnetzwerk „Tor“. Doch dagegen fährt das FBI schweres Geschütz auf.

von Constanze Kurz
© UPI/laif Das Recht gilt seiner Behörde nicht mehr viel: NSA-Chef Keith Alexander

Man muss zwar weiterhin beklagen, dass die Snowden-Enthüllungen bisher kaum politische Änderungen bewirkt haben, doch immer mehr Menschen greifen zur Selbsthilfe. Umdenken setzt ein: Technologien zum Schutz der Privatsphäre erleben messbaren Aufwind. Die Zahl derjenigen, die sich ein Verschlüsselungsprogramm für ihre E-Mails zulegen, ist erheblich gestiegen: Seit dem Bekanntwerden der Geheimdienstskandale hat sich die Anzahl der Schlüssel verdreifacht, die man dafür benötigt und die jeden Tag auf bereitstehende Server hochgeladen werden.

Ebenfalls gestiegener Beliebtheit erfreuen sich Techniken zur Anonymisierung des Surfverhaltens. Angesichts der Tatsache, dass ein Großteil der weltweiten Kommunikation weiterhin im rechtsfreien Raum der Dienste gesammelt und analysiert werden, entdecken Netznutzer das angenehme Gefühl, unbeobachtet kommunizieren zu können.

Angriff mit Schadsoftware

Eine Technologie, die Diensten und Strafverfolgern ein besonderer Dorn im Auge ist, gewinnt zunehmend Anhänger: das Anonymisierungsnetzwerk Tor. Mit Tor kann auch ein technisch wenig versierter Nutzer seine Spuren im Netz verschleiern. Der Datenverkehr wird über eine Kette von Knoten verschlüsselt weitergeleitet, so dass die eigene IP-Adresse nicht mehr nachvollziehbar ist.

Basierend auf dieser Technologie ist es möglich, auch Server im Netz zu betreiben, deren Standort nicht zu ermitteln ist. Die Technik heißt „hidden services“ - verborgene Angebote. Benutzt wird das Verfahren von allerlei privatsphärenbedürftigen Projekten: Whistleblower-Briefkästen von Zeitungen, Menschenrechtsorganisationen, von Inkriminierung bedrohte Informationsangebote in aller Welt, allerdings natürlich auch von Anbietern semi- und illegaler Dienste.

In der vergangenen Woche holte das amerikanische FBI - wahrscheinlich unterstützt von der NSA - nun zum Gegenschlag aus. Der Anbieter mit dem Namen Freedom Hosting, bei dem viele dieser „hidden services“ ihre verborgenen Server stehen hatten, ging für eine Weile offline. Als die Webseiten wieder erreichbar waren, lieferten sie eine kleine, aber heimtückische Schadsoftware aus.

Das Recht gilt dem FBI nichts mehr

Über eine erst jüngst behobene Lücke im Firefox-Webbrowser baute das winzige untergeschobene Programm heimlich eine Verbindung zu einem Server auf, der eindeutig dem amerikanischen Geheimdienstkomplex zugeordnet werden kann. Sobald ein Nutzer über das Tor-Netz eine der Webseiten bei Freedom Hosting zu erreichen versuchte, landete diese Information direkt beim FBI. Dadurch wurde die IP-Adresse des Nutzers an der anonymisierten Verbindung über Tor vorbei an den Registrierungs-Server übermittelt: Der betroffene Nutzer war enttarnt.

Das Vorgehen ist ein Präzedenzfall. Das FBI hat offenbar mit einem Schrotflinten-Ansatz die Computer zehntausender Anonymisierungs-Nutzer weltweit mit einer behördlichen Schadsoftware gehackt, um sie identifizieren zu können. Eine anwendbare Rechtsgrundlage gibt es dafür nicht, der Zweck heiligte die Mittel: Ein Vorgehen jenseits des Rechtsrahmens scheint im Netz langsam Usus zu werden.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Digitalisierung Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag

Die Potentiale der Digitalisierung sind enorm. Wenn wir jedoch Vertrauen und Sicherheit im Internet erhalten wollen, brauchen wir ein neues Regelsystem. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Carl Bildt

22.06.2016, 11:29 Uhr | Politik
Giganten aus Stahl Skulpturen von Bernar Venet

Er zählt zu den international herausragenden Bildhauern der Gegenwart: Der Franzose Bernar Venet. Seine Stahlskulpturen zieren die Metropolen rund um den Globus. Sein neustes Werk wurde gerade in Bonn enthüllt. Mehr

13.06.2016, 11:26 Uhr | Feuilleton
WWDC 2016 Apple erneuert – aber erfindet nicht neu

Persönlichere Apps und mehr Schnittstellen zwischen den Geräten: Auf der Apple-Entwicklerkonferenz bleibt die Revolution aus. Einige Neuerungen machen das Leben jedoch komfortabler. Mehr Von Anna Steiner

13.06.2016, 22:24 Uhr | Wirtschaft
Videografik Schusswaffen in den Vereinigten Staaten

Der Anschlag von Orlando mit dutzenden Todesopfern wirft erneut ein Schlaglicht auf das liberale Waffenrecht in Amerika. Das Recht auf Waffenbesitz ist in der Verfassung der Vereinigten Staaten verankert, im Schnitt besitzt jeder Amerikaner eine Schusswaffe. Immer wieder kommt es zu tödlichen Schießereien. Mehr

16.06.2016, 17:44 Uhr | Politik
Recht auf Wahrheit Versessen auf Vergessen?

Am 24. März 1980 war der Erzbischof von San Salvador, Óscar Romero, während einer Messe in einer Krankenhauskapelle von Militärs erschossen worden. Seither hat die internationale Diskussion über ein Recht auf Wahrheit erkennbar an Dynamik gewonnen. Mehr Von Holger Thünemann

13.06.2016, 09:55 Uhr | Politik
Glosse

Armer WDR!

Von Rose-Maria Gropp

Institution mit „Schwerpunkt auf Information und Kultur“? Wie der WDR, der einst verfemte Kunst rehabilitieren und ihr an einem öffentlichen Ort Raum geben sollte, sich selbst ad absurdum führt. Mehr 1 24