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Veröffentlicht: 06.10.2016, 15:16 Uhr

Kolumne „Aus dem Maschinenraum“ Das Internet wird einfach abgehakt

Bei einem der wichtigsten Themen liefert die amerikanische Wahldebatte nur leeres Geplänkel. Dabei könnte das den Wahlsieg kosten.

von Constanze Kurz
© AFP Bei dem TV-Duell zwischen Donald Trump und Hilary Clinton hatte niemand eine Antwort auf die Probleme der Vernetzung.

Mehr als ein Jahr läuft die tägliche Kandidaten-Seifenoper schon, die endlich in den Tag des ersten Fernsehduells zwischen Hillary Clinton und Donald Trump mündete. Nach Angaben von Google sollen zwei Millionen Menschen den Youtube-Stream des Schlagabtausches gesehen haben. Im Vergleich zu den 84 Millionen Fernsehzuschauern ist das eine erstaunlich geringe Schar. Dabei war das Netz selbst ein Thema bei den Aspiranten auf den politischen Thron der Vereinigten Staaten.

Bei der jüngeren amerikanischen Generation, die in den Achtzigern und Neunzigern geboren wurde, kommen weder Trump noch Clinton allzu gut an. Zwei Drittel von ihnen sehen die Kandidatin negativ, sogar drei Viertel lehnen Trump ab, wie eine Umfrage im Sommer ergab. Wer jünger als 35 Jahre ist, neigt sogar zu den grünen und libertären Kandidaten, obwohl ihnen keinerlei Chancen eingeräumt werden. Die Internetgeneration hat laut Umfrage mehr Sympathien für Lord Voldemort, den fiesesten Charakter aus „Harry Potter“, als für die beiden Menschen, die sich anschicken, die Geschicke der Amerikaner in den nächsten vier Jahren zu bestimmen.

Inhaltsleeres Geplänkel

Es dauerte allerdings eine Stunde, ehe die Kontrahenten auf „The Cyber“ zu sprechen kamen. Und als wäre es selbstverständlich, ist der Kontext die „nationale Sicherheit“, es geht um Angriffe, um Außenpolitik. Clinton bekommt die erste Frage, die den Themenkomplex IT-Sicherheit anreißt. Sie wirft ein „Putin“ in die Runde, denn der Kremlchef ist offenbar das drängende Problem im Netz.

Nach zehn Minuten inhaltsleerem Geplänkel wechseln die Kandidaten das Thema, das Internet ist abgehakt. Niemand hatte Trump zugetraut, eine ernsthafte Strategie darzulegen für die Probleme, die durch die Vernetzung entstehen. Er hatte sich schon auf vorherigen Wahlkampfveranstaltungen mit kaum verständlichen Sätzen zur Internetpolitik geäußert.

„The Cyber“, wie es Trump nennt, ist ohne Zweifel ein komplexes Problemfeld aus technischen, ökonomischen und regulatorischen Fragen. Da geht es um weit mehr als nur russische Hacker. Wer den Anflug von neuen Ideen oder auch nur kohärente Aussagen erwartet hatte, sollte wohl nicht auf eine politische Fernsehdiskussion hoffen.

Cyberkriege

Angesichts der kaum möglichen verlässlichen Attribution von digitalen Angriffen, also der Identifikation des Angreifers und damit des zu bekämpfenden Feindes, ist „The Cyber“ zu einer rein politischen Angelegenheit geworden, in weitgehend militärischen Begriffen behandelt. Der jeweils aktuelle weltpolitische Gegner wird automatisch zum Universalschuldigen für digitale Unbill aller Art. Für die Vereinigten Staaten war das früher oft China, zwischendurch Nordkorea, jetzt ist es wieder Russland. Nachdem Barack Obama vor einem Jahr in China war, um mit der Staatsführung über „The Cyber“ zu reden, schwenkte die standardmäßige Schuldzuweisung von „Es war China“ um zu „Es waren die Russen“.

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