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Twitter-Archiv wird vermarktet Zugriff auf die Datenbank des Denkens und Fühlens

Twitter versilbert alle der mehr als 200 Milliarden Kurznachrichten seiner Nutzer. Jede einzelne davon mit emotionaler Tendenz, Ort und Zeit des Versands. Dieses Archiv erlaubt Trendvorhersagen und Manipulation - von unheimlichem Ausmaß.

© Michael Hauri Vergrößern Zu welchem Zweck wird ein digitales Archiv dieser Kurznachrichten dienen? Die schiere Menge macht eine Analyse der gedruckten Twitternachrichten unmöglich – hier eine Installation bei der eine Auswahl der aktuellen Tweets gedruckt wurde

Kaum dass am 1. März die neuen Datennutzungsregeln bei Google in Kraft getreten sind und ein geharnischter Beschwerdebrief europäischer Datenschutzbeauftragter in Mountain View eintraf, schickt sich nun das dritte große soziale Netzwerk an, seine Schätze zu versilbern. Twitter hat durchblicken lassen, wie das Unternehmen sich die Zukunft der Monetarisierung seiner Datenbestände vorstellt.

Normalerweise können Twitter-Nutzer die „Tweets“ genannten Kurznachrichten nur für den Zeitraum von einer Woche durchsuchen. Die britische Firma Datasift darf nun nicht nur wie bisher den aktuellen Datenstrom aus allen Tweets, sondern auch gegen eine monatliche Gebühr den Zugriff auf das gesamte Twitter-Archiv seit Januar 2010 vermarkten. Neben einer Stichwortsuche über den Bestand an Tweets können Filtertechniken eingesetzt werden, etwa um Inhalte nur von weiblichen Nutzern oder solchen in bestimmten Altersgruppen zu durchforsten.

Erstmals in der Geschichte der Menschheit

Das amerikanische Unternehmen Gnip bietet schon länger Zugriff und Werkzeuge für die Überwachung und Filterung der Datenströme aus einer Vielzahl von Internet-Diensten an. Diese waren jedoch in der Regel nur zeitlich beschränkt für die Vergangenheit verfügbar, nicht zuletzt bedingt durch die gigantischen Datenmengen, die zugreifbar gehalten werden müssen. Gnip und Datasift sind Exklusivpartner von Twitter, sie sind die Türsteher und Kassierer am Datenbergwerk. Datasift bietet zudem in einem weiteren Paket an, Twitter-Daten mit Informationen aus Google+ und Facebook zu verknüpfen.

Derzeit werden mehr als 250 Millionen Tweets pro Tag abgesetzt. Jeder einzelne dieser Tweets hat eine eindeutige Identifikationsnummer. Zusätzlich werden auch die Beziehungen zwischen den Tweets aufgezeichnet: Wer leitet die Kurznachricht eines anderen an die eigene Gruppe, wer gibt einen Link weiter, wer kommentiert, wer antwortet? Das weltweite Geschnatter eignet sich für mannigfaltige Analysen von Linguisten, Ethnographen, Soziologen oder Politologen. Niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit wurde das ganz private oder das kollektive Denken und Fühlen, aber auch Kommunikationsmuster des Alltäglichen, Banalen so umfangreich aufgezeichnet, nie war es in dieser Weise zugänglich, sortier- und analysierbar.

Testmaterial für bewusste Manipulation

Doch nicht wissenschaftlicher Erkenntnisdrang treibt die Datenschürfer. Sie heben einen Schatz firmen-, marken- oder marktrelevanter Mitteilungen. Anhand der Stimmungen, die sich durch einfache Betrachtung von Merkmalen wie positiver oder negativer Wort-Konnotationen und Emoticons erschließen, lassen sich selbst ungefähre Vorhersagen zur Entwicklung wesentlicher Börsenindizes einige Tage im Voraus ableiten.

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Das Entscheidende an der Verfügbarkeit der Twitter-Archive ist, dass sich nunmehr Algorithmen an historischen Daten testen lassen. Während man zuvor ein Vorhersageprogramm auf der Basis von Twitter-Stimmungen nur anhand aktuell verfügbarer Daten testen konnte, lassen sich nun Korrelationen von Ereignissen und Twitter-Trends retroaktiv prüfen, um die Algorithmen zu optimieren. Es ist wie bei automatischen Trading-Systemen, die in den Archiven nach vergleichbaren Trends und Situationen suchen, um daraus Vorhersagen für das Jetzt abzuleiten: Ihr Nutzen hängt von der digitalen Verfügbarkeit historischer Börsendaten in hoher Auflösung ab.

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Veröffentlicht: 02.03.2012, 10:05 Uhr

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