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Veröffentlicht: 22.07.2011, 20:33 Uhr

Privatheit der Kommunikation Datenklau in gutem Glauben

Der Diebstahl von vertraulichen Datensätzen wie Krankenakten weist auf ein grundsätzliches Problem der digitalen Vernetzung: Immer mehr Leute in Firmen und Behörden haben Zugriff auf sensible Informationen.

von Constanze Kurz
© dpa Armes England: Jeder Mitarbeiter des National Health Trust – des öffentlichen Gesundheitssystems – hat Zugang zur elektronischen Gesundheitsakte

„Gentlemen don’t read each other’s mail“. Dieser Grundsatz ehrenvollen Verhaltens scheint nicht nur in Großbritannien gründlich in Vergessenheit geraten zu sein. Doch Respekt vor der Privatheit der Kommunikation anderer ist ein grundlegender zivilisatorischer Wert. Nicht umsonst ist der Ruf von Geheimdiensten und sonstigen Schnüfflern, die systematisch dagegen verstoßen, nicht der beste. Nun ist eine schwärende Wunde aufgebrochen, die lange unter der Oberfläche des britischen Establishments gärte. In großem Umfang und über viele Jahre hat eine verschworene Symbiose von Privatschnüfflern und Reportern, unterstützt und gedeckt durch bestochene Polizisten und willfährige Politiker, nicht nur Prominente abgeschnorchelt, die im öffentlichen Bewusstsein ohnehin als Privatsphären-Freiwild gelten. Der Sensationsgier fielen auch normale Menschen zum Opfer, die bereits Verbrechensopfer waren oder anderweitig in die Boulevard-Maschinerie gerieten.

Anders als der jetzt häufig gebrauchte Begriff des „phone hacking“ suggeriert, hatten die Geschehnisse jenseits des Ärmelkanals wenig mit tatsächlichem Hacken zu tun: Anrufbeantworter waren ein leichtes Ziel. Technisch gesehen ist das quasiindustrielle Auswerten dieser Telefon-Mailboxen eine eher triviale Geschichte. Die Reporter bezahlten Privatschnüffler dafür, jeweils die aktuellen Tricks und Kniffe zu kennen und anzuwenden, mit denen man fremder Leute Anrufbeantworter belauschen kann.

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Und die Telefonanbieter machten es ihnen leicht: Alles, was sie brauchten, war die Rufnummer des Opfers. Denn ausnutzbare Lücken im Telefonsystem gab es über die Jahre eine ganze Reihe, angefangen von einfach zu ratenden voreingestellten PINs bis zum Austricksen des Anrufbeantworters durch Vorspiegelung der zum Nachrichtenabhören berechtigten Rufnummer. Für Letzteres nutzen die Drecksarbeiter der Informationsgesellschaft, die offiziell gern als „private investigator“ firmieren, eine besondere Eigenschaft verschiedener Internet-Telefonieanbieter aus: Die Nummer, die beim angerufenen Teilnehmer im Display angezeigt wird, kann frei gewählt werden. Davon sollte sich eigentlich ein Anrufbeantworter nicht beeindrucken lassen, doch die schlampig programmierten Systeme bei den Mobilfunkanbietern gehorchten trotzdem aufs Wort. Auch bei deutschen Providern funktionierte diese „number spoofing“ genannte Technik über Jahre hinweg.

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Die Schnüffler im Auftrag der Boulevardpresse machten jedoch nach den belauschten Anrufbeantworternachrichten von ein paar tausend Personen nicht Halt. Sie beschafften auch in vielen Fällen vertrauliche Datensätze wie Kreditinformationen und Krankenakten, indem sie Mitarbeiter der entsprechenden Firmen täuschten oder bestachen. Das weist auf ein gravierendes Problem hin: Durch die mit der Digitalisierung einhergehende Vernetzung der Systeme haben nun potentiell viele tausend Mitarbeiter Zugriff auf sensible Informationen. War früher die Krankenakte nur für den behandelnden Arzt zugänglich, kann heute jeder Mitarbeiter des National Health Trust – des öffentlichen Gesundheitssystems in Großbritannien – Zugang zur elektronischen Gesundheitsakte erlangen.

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