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Veröffentlicht: 23.12.2015, 12:33 Uhr

Kolumne Aus dem „Maschinenraum“ Fehlt den per Computer Gewählten die Legitimation?

Alle Online-Wahlsysteme sind manipulierbar, doch statt in ernsthafte Fehlersuche investieren die Anbieter lieber in bunte Broschüren voller Versprechungen. Politiker scheint der Mangel nicht zu stören.

von Constanze Kurz
© dpa Ratlosigkeit beim rechnergestützten Wahlgang: Auf dem Bundesparteitag der SPD wurde schließlich doch mit Zettel und Stift abgestimmt.

Es hätte alles so modern sein können: Ein bisschen klicken, nicht lange überlegen, schon errechnet der Computer im Handumdrehen das Ergebnis der Wahlen beim SPD-Parteitag Anfang des Monats. Doch es ging mal wieder schief, denn eine gewisse Unzulänglichkeit des Ergebnisses fiel dem Wahlvorstand auf: Es waren mehr Stimmen abgegeben worden, als Delegierte beim Parteitag waren. Dankenswerterweise war der Computerfehler so augenfällig, dass die Wahl wiederholt wurde.

Nichts hindert die Sozialdemokraten auf den ersten Blick, bei ihren Wahlen elektronische Vehikel einzusetzen. Aber hätte für die Wähler auf dem Parteitag eine zuverlässige Möglichkeit bestanden, die immerhin rechtsverbindlichen digitalen Ergebnisse auf Richtigkeit zu kontrollieren? Warum wird die mit überschaubarem Aufwand kontrollierbare Papierwahl durch ein Klick-System aus bloßem Vertrauen in den Hersteller ersetzt?

Kein Grund zum Spotten

Eigentlich hätten sich die sechshundert SPD-Delegierten in der Zeit, in der sie vergeblich auf das Ergebnis ihrer Abstimmung warteten, dazu ein paar Gedanken machen können. Was, wenn die SPD-Sitzungsleiterin Doris Ahnen nach der elektronischen Auszählung vor die Parteigänger getreten wäre und verkündet hätte, Parteichef Sigmar Gabriel hätte die Wiederwahl knapp verfehlt? Hätten die Delegierten es geglaubt? Und wenn nicht, was hätten sie dann getan: Wählen, bis das Ergebnis passt, um ein politisches Erdbeben zu vermeiden?

Es entspannen sich etliche spöttische Dialoge in den Social-Media-Kanälen, als klarwurde, dass die Sozialdemokraten die Wahl des Parteivorsitzenden mit Papier und Stift wiederholen würden. Insbesondere grüne Parteigenossen konnten kaum an sich halten, die erprobte Funktionstüchtigkeit ihres eigenen elektronischen Wahlsystems hervorzuheben. Dabei ist das von den Grünen eingesetzte Produkt „Pnyx“ von der Firma Scytl, bei dem aus Preisgründen auf das barrierefreie Upgrade verzichtet wurde, auch eher eine Sache des Glaubens. Die Ergebnisse eines Sicherheitstests wurden gar nicht erst veröffentlicht.

Versprechen statt Fehlersuche

Das Spötteln sollte einem auch deswegen vergehen, weil die Online-Wahlen zu den Europakandidaten bei den Grünen von Rechnern zu Hause, im Büro oder vom Mobiltelefon aus vollzogen wurden. Anders als bei den SPD-Parteitagswahlen hatte also ein Gutteil der grünen Parteimitglieder von ungesicherten und damit angreifbaren Computern ohne ernstzunehmende Sicherheitsfunktionen aus ihre Stimmen abgegeben. Und nur weil den Grünen - anders als den Sozialdemokraten - an dem Wahlergebnis nichts auffallend merkwürdig vorkam, bedeutet das ja nicht, dass es korrekt zustande gekommen wäre. Sie haben es schlicht geglaubt, es wirkte ja plausibel.

Online-Wahlsysteme sind weltweit von Forschern und Hackern untersucht worden. Eines, das nicht manipulierbar gewesen wäre, wurde bisher nicht entdeckt – zumindest dann nicht, wenn jemand ernsthaft nach Schwachstellen und Einfallstoren für Manipulationsversuche gesucht hat. Aktive Fehlersuche aber ist teuer und wird nicht selten einfach durch Behauptungen zur Sicherheit und bunte Broschüren zu den Wahlsystemen ersetzt.

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