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Veröffentlicht: 30.09.2011, 14:09 Uhr

Kriegstechnik Das Blinzeln des Adlers

Das DPI-System wird in Diktaturen als digitale Waffe im Kampf gegen die Opposition benutzt. Gebaut und verkauft wird die Technik zumeist von westlichen Firmen.

von Constanze Kurz
© REUTERS Benghasi im Februar: Libysche Aufständische setzen Gaddafi-Karrikaturen im Netz

Im April 1986 führten die Vereinigten Staaten im Rahmen der Operation „El Dorado Canyon“ Luftschläge gegen Libyen aus, um mutmaßlichen gewaltsamen Anschlägen zuvorzukommen. In den achtziger Jahren war für den Erfolg der Kampfhandlungen die Täuschung des gegnerischen Radars von besonderer Bedeutung, um die libysche Luftabwehr außer Kraft zu setzen. Seinerzeit hatte die Sowjetunion das Abwehrsystem geliefert - die Fronten waren klar.

Heutzutage gehört die Informationstechnik zu den Kampfmitteln - geliefert von westlichen Firmen an den libyschen Diktator. Einer der Lieferanten ist der französische Hersteller Amesys, das Vorzeigeprodukt heißt Eagle Glint. Es ist in der Lage, die Kommunikation des gesamten Landes abzuhören und die Daten zu analysieren, viele Terabyte in Echtzeit. Das System ist nicht unbedingt das Beste, was man für Geld kaufen kann. Das Ausmaß der möglichen Überwachung ist jedoch so umfassend, dass die Frage, warum solche Technologie praktisch ohne Beschränkungen oder gar aus strategischen Gründen mit Unterstützung der westlichen Regierungen an Unterdrücker-Regimes verkauft wird, nicht länger vertagt werden sollte.

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Ein visuell eingängiges Geflecht von sozialen Bindungen

Eagle Glint ist ein „Deep Packet Inspection“-System, kurz DPI. Man kann sich DPI-Systeme als eine permanente digitale Leibesvisitation vorstellen, bei der gleichzeitig noch die Taschen aller Kommunizierenden durchforstet werden. Es wird in die Internetleitung, die ein kleines Land oder eine größere Stadt versorgt, eingeschleift, um den gemeinsamen Datenstrom von Hunderttausenden Benutzern der großen Glasfaserleitungen, mit denen Internetanbieter untereinander kommunizieren, systematisch zu durchsuchen.

Wird ein vorher bestimmtes Muster oder Suchwort gefunden, hat der diensthabende Schnüffelscherge mehrere Optionen. Typisch ist das Mitschneiden der Kommunikation oder die Erfassung, mit wem jemand kommuniziert. Die so durch Kontakt etwa mit Regimegegnern neu verdächtig Gewordenen werden in die Erfassungslogik eingetragen und ihrerseits verdatet.

Eagle Glint bietet - wie die meisten solcher Systeme - eine Möglichkeit, sich Kommunikationsbeziehungen graphisch anzeigen zu lassen. Aus den abgefangenen Daten entsteht ein visuell eingängiges Geflecht von sozialen Bindungen. So ist es für die Staatssicherheit der von Amesys belieferten Diktaturen ein Leichtes, ganze Oppositionsgruppen, deren Kollegen und Familien aufzuspüren, sobald sich ein Mitglied im Netz verdächtig macht. Je länger die Beobachtung dauert, je mehr Freunde und Bekannte durch Kommunikationsbeziehungen identifiziert werden, desto vollständiger wird das Bild der Gruppe.

Kollaboration mit Unterdrückern

Eine andere Möglichkeit, die das System schafft, ist die selektive Störung des Datenflusses. Wenn die Anzahl der Regimegegner - wie in Libyen - zu groß wird, wenn es nicht mehr möglich ist, jeden, der nach dem falschen Begriff sucht oder den falschen Personen E-Mails schickt, festzusetzen und in einen Folterknast zu werfen, können DPI-Systeme zur flächendeckenden Unterdrückung von Dissens benutzt werden.

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