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Veröffentlicht: 14.12.2014, 17:13 Uhr

Digitale Rechtschreibung Wir stottern, weil die Software es so will

„Peggy’s Friseur Salon“: Fahren Autokorrektursysteme die deutsche Rechtschreibung endgültig an die Wand? Zumindest bringen sie vieles auseinander, das eigentlich zusammengehört.

von Constanze Kurz
© Imago Der neue Trend: Schuh’s kaufen

Man stolpert in letzter Zeit in Texten immer häufiger über sie: überflüssige Leerzeichen, die sich zwischen Wörter drängen, zwischen die sie nicht gehören. Weil das Wort Deppenleerzeichen dafür nicht eben freundlich klingt, bezeichnet der gebildete Leser diese fälschlicherweise eingestreuten Lücken als Agovis. Der Deutschlehrer sagt dazu „Leerzeichen in Komposita“, obwohl die Freiflächen längst nicht mehr nur dort auftauchen, wo eigentlich Bindestriche sein sollten.

Warum aber werden wir immer öfter mit diesem Problem mangelhaft zusammengesetzter Wörter konfrontiert? Ist es, wie einige vermuten, nur das schleichende Eindringen des Englischen, das keine zusammengesetzten Substantive kennt? Ist es das von Werbetextern verkorkste Schrift-Straßenbild, in dem es nur so von „Peggy’s Friseur Salon“ und „Bau Schlosserei Müller“ wimmelt? Ist es eine späte Wirkung der Rechtschreibreform? Muss man gar in das allgemeine Jammern über den Sprachverfall einstimmen?

Des Pudels Kern

Für Menschen ohne ausgeprägtes Sprachgefühl ist die Vorbildwirkung von Schrift im öffentlichen Raum, noch dazu wenn ihre Komposition in großen roten Lettern daherkommt, nicht zu unterschätzen. Das alles ist jedoch nicht des Pudels Kern. Der Hund liegt meist dort begraben, wo in Algorithmen implementierte Regeln schlicht falsch sind. Die meisten Rechtschreib-Korrektursysteme, die ubiquitär in Telefonen, Tablets, Kurznachrichten-Apps, Layout- und Textverarbeitungsprogrammen oder Diktier-Software eingebaut sind, enthalten nur Wörterbücher, die wenig zusammengesetzte Substantive kennen. Sie verfügen über kein adäquates Regelwerk, können also keine korrekte Zusammensetzung erkennen und manchmal nicht einmal durch den Nutzer selbst erweitert werden. Ihre epidemische Macht entfalten sie indes mit der Unerbittlichkeit des Computers.

Rechtschreibrats-Chef Hans Zehetmair © dpa Vergrößern Trennen statt spalten: Der Vorsitzende des Rats für deutsche Rechtschreibung, Hans Zehetmair

Wenn man sich nicht die Mühe macht, seine Lieblingsworte im digitalen Wörterbuch zu speichern, leuchtet im besten Falle die rote Kringellinie unter dem unbekannten zusammengesetzten Wort auf. Sie sät Unsicherheit und Zweifel, ob man sich „dem Computer“ widersetzen will, ob man tatsächlich riskieren möchte, diese Warnung vor der möglichen eigenen Unvollkommenheit zu ignorieren. Im schlimmeren und immer öfter auftretenden Fall kann man so schöne deutsche Wörter wie Herbststurmwetterleuchten oder Infrastrukturabgabegesetz jedoch gar nicht mehr eintippen. Gerade auf Mobilgeräten mit ihren anstrengenden Touchscreen-Tastaturen schlägt die Autokorrektur unerbittlich zu. Da kann man schon froh sein, wenn nur ein „Herbst Sturm Wetterleuchten“ herauskommt und nicht eine skurrile oder peinliche Verbalinjurie, die man vor dem Abschicken des Textes natürlich übersieht. Nach einigen solcher Erfahrungen unterwerfen sich viele der überlegen gewähnten Software und schreiben so, wie es der unvollkommene Algorithmus erwartet. Sich dem zu widersetzen, seinen Willen der Software aufzuzwingen, erfordert mehr Energie, Nerven, Zeit und Sorgfalt, will man die Autokorrektur nicht gänzlich deaktivieren.

Sparsamkeitslogik der Programmierer

Auf der Strecke bleiben Kreativität, Ausdrucksfreude und natürlich die Poesie zur Erfindung neuer zusammengesetzter Wörter. Die Folge sind abgehackt klingende Substantiv-Stotterungen, die offenbar von immer mehr Menschen als völlig normal empfunden werden. Es handelt sich dabei nicht, wie gern entschuldigend-resignierend vorgebracht wird, um eine progressive Sprachentwicklung, wie sie in anderen Fällen zu verzeichnen ist. Wir kapitulieren eher vor schlecht geschriebener Software, die weitgehend ohne Mitwirkung von Linguisten und anderen Experten für das Sachgebiet entwickelt wurde.

Aus der Sicht der Software-Hersteller ist das durchaus verständlich. Warum soll man auch komplexe Regelwerke nur für die Deutschen mit ihrer Neigung zu bandwurmartigen Substantivzusammensetzungen implementieren? Wer will, kann sich immer noch seine Lieblingswörter im Wörterbuch speichern, so die Sparsamkeitslogik der Programmierer, die offensichtlich entweder keine Muttersprachler sind oder diese mehr benutzen als beherrschen.

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Die vermeintliche Kleinigkeit der Agovis-Inflation kann dazu dienen, eine oft genug übersehene Dimension der Macht der Algorithmen zu reflektieren: Die Programmierer sind in fast allen Bereichen nicht diejenigen, die hinreichend viel von der Materie verstehen, die sie gerade in Software gießen. Algorithmen sind jedoch nur in Software manifestierte menschliche Absichten und Intentionen. Wenn sie fehlerhaft oder ungenau sind, entfalten sie bei weiter Verbreitung und immergleicher Ausführung jedoch eine in vordigitaler Zeit unbekannte Macht, das Falsche zu tun: Weitverbreitete Fehler nicht nur bei der Autokorrektur setzen sich in den Köpfen der Nutzer fest.

Algorithmischer Paternalismus als Irrweg

Ein verwandtes Phänomen macht sich derzeit in Politik und Sozialwissenschaften unter dem Stichwort „Nudging“ breit. Dabei geht es darum, durch finanzielle Anreize, aber auch durch Software wie Apps auf Mobiltelefonen dafür zu sorgen, dass Menschen „das Richtige tun“: sich also zum Beispiel so ernähren, wie es der gerade aktuelle Glaubenssatz für „gesund“ erachtet. Auch hier gibt es Hinweise darauf, dass algorithmischer Paternalismus ein Irrweg ist. Wären die Ernährungs-Apps ein paar Jahrzehnte früher geschrieben worden, würden sie vermutlich Belohnungspunkte dafür verteilen, dass wir Unmengen Spinat verzehren, weil man noch glaubte, dies wäre gut für den Eisenhaushalt.

Solch Irrglauben war auch früher schon problematisch genug, weil er oft genug zum Dogma wird, das schwer zu überwinden ist. Doch zementiert man es nun auch noch in Software, die dazu dient, das Verhalten von Menschen direkt zu steuern und zu verändern, wird uns die Agovis-Inflation wie eine Petitesse vorkommen.

Glosse

Eine absolute Ausnahmeliste

Von Helmut Mayer

Erst befördert ein Spiegel-Redakteur das umstrittene Buch auf die Bestsellerlisten, nun befördert es das Magazin wieder heraus. Über einen kontraproduktiven Eiertanz. Mehr 20 143

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