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Der gläserne Leser Wer liest, der wird gelesen

Wer einen E-Book-Reader benutzt, konsumiert nicht nur Daten, sondern erzeugt sie auch. So erhalten Verlage erstmals Einblick in Leserköpfe. Wo bleibt der Datenschutz?

© dapd Vergrößern Das Buch wird zum Verräter: E-Book-Erstkontakt auf der Buchmesse

Dieses Jahr werden zu Weihnachten auf vielen Gabentischen E-Book-Reader liegen. Denn die Geräte befriedigen die gestiegene Erwartung an hohe Nutzerfreundlichkeit und ästhetischen Anspruch, beleuchtete Displays haben Einzug gehalten, und die Akkuleistung ist trotz geringen Gewichts erfreulich. Das inhaltliche Angebot hat zudem stark zugenommen.

Ein E-Book ist nicht nur die digitale Ausprägung eines gedruckten Buches, es erweitert die Möglichkeiten für den Leser erheblich, aber es beschränkt ihn auch. Verleihen, verschenken, auf andere Lesegeräte transferieren, als Gebrauchtbuch verkaufen - all das ist dem Käufer meist verwehrt. Verfestigen sich die heute üblichen Geschäftsmodelle, wird der legale Gebrauchtbuchmarkt auf lange Sicht zum Erliegen kommen - ein kultureller Umbruch, über den allerdings bislang nur wenig diskutiert wird. Das überrascht angesichts der Tatsache, dass heute die Weitergabe und das Verschenken von Büchern noch als Selbstverständlichkeit angesehen werden.

Lesefluss und Datenflüsse

Doch nicht nur für die Leser brechen neue Zeiten an, auch Verlage und Vermarkter hoffen auf mehr als nur neue Umsätze. Während das Lesen eines Papierbuches eine private, manchmal sehr intime Angelegenheit ist, kann ein E-Book-Lesegerät jede Menge über die Lesegewohnheiten verraten. Welche Seiten mehrfach oder gar nicht gelesen werden, wie schnell und zu welchen Tageszeiten gelesen, was angestrichen oder kommentiert, ob bis zu Ende durchgelesen und an welcher Stelle die Lektüre abgebrochen wird - all das kann die Digitalmaschine dem Anbieter verraten.

Der Hüter dieser Schatzes kann die Daten nutzen, um den Leser gezielter zu umwerben, das Marketing zu optimieren und die wertvollen Informationen aus der Leser-Ausspähung wiederum den Verlagen zu verkaufen. Dazu kommt die interaktive Ebene, die ohne Zweifel in vielen zukünftigen Digitalbüchern integriert werden wird. Die vielfältigen Möglichkeiten, die sich durch digitale Formate in Kombination mit Kommunikationstechnologien ergeben, brechen den starren Fluss des Textes auf und können den einst passiven Leser zur aktiven Interaktion anregen, erzeugen jedoch gleichzeitig eine Vielzahl weiterer Informationen über den Benutzer.

Vorbereitungen zum optimierten Buch

Die spannende zukünftige Frage ist: Wann kommt der aus diesem neuen Wissen resultierende Druck beim Autor an? Wie wird sich der Literaturbetrieb verändern, wenn der Verlag etwa präzise weiß, dass siebenundzwanzig Prozent der Leser nach der Hälfte des zweiten Kapitels das Buch zur Seite gelegt haben, als eine sympathische Randfigur mit Potential zur Nebenheldin einen tragischen Unfalltod erleidet? Was blüht künftigen Sachbuchautoren, deren Leser schon in der Einleitung eines Buches Verständnisschwierigkeiten erkennen lassen?

Gibt es bald verkaufsoptimierte Versionen von Büchern, beworben mit einem Satz wie diesem: „Jetzt in der zweiten, überarbeiteten Auflage: verbesserte Verständlichkeit, basierend auf Daten aus der Lesererfahrung“? Wie wäre das aus Sicht der Schreibenden und Lesenden zu bewerten - gut oder schlecht? Und wie sieht es mit der faktischen Macht von Firmen wie Amazon aus, die allein durch die Weitergabe oder das Zurückhalten der Daten zu Lesegewohnheiten eine Machtposition ganz neuer Art im Literaturbetrieb aufbauen können?

Was das Lesen verrät

Die Daten geben - bei korrekter Auswertung - weit mehr her als die Analyse der Gewohnheiten des Einzelnen. Wenn ein Leser über Dutzende Bücher hinweg beobachtet wird, lassen sich sein Geschmack und seine Präferenzen gut kategorisieren, aber auch vorhersagen. Vielleicht bekommt er zukünftig nicht nur Bücher vorgeschlagen, sondern auch gleich eine Version des Buches, die auf seine Präferenzen und seine Auffassungsgabe zugeschnitten ist. Kombiniert mit den Datensätzen vieler Käufer, lassen sich algorithmisch Trends und Stimmungen ohne Zeitverzug bestimmen.

Wie wir lesen, verrät viel über unseren Lebensstil: Werden abends noch kurz ein paar Seiten gelesen, die halbe Nacht durchgeschmökert oder zu typischen Pendlerzeiten Kurzgeschichten im Nahverkehr genossen? Nicht nur über Vorlieben, sexuelle Präferenzen, familiäre Verhältnisse oder Profession, auch über Intelligenz, Sprachkenntnisse und Auffassungsgabe lassen sich Rückschlüsse ziehen. Und elektronische Bücher halten auch in Schule und Universitäten Einzug. Natürlich bieten die ersten Hersteller nun Werkzeuge an, mit denen das Leseverhalten elektronischer Unterrichtsmaterialien erfasst und ausgewertet wird. Und natürlich soll das primär der Optimierung des Lesestoffes dienen und nicht der Beobachtung der Schüler, Studenten und Forscher, sagen die Anbieter. Wie lange solche Versprechen halten, hat sich schon an anderen Beispielen erwiesen: Sobald die Daten vorliegen, werden sie auch in jeder denkbaren Weise genutzt.

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Im Gegensatz zum amerikanischen Markt, wo sowohl E-Books als auch die damit einhergehende Nutzerüberwachung schon nahezu Normalität geworden sind, steht in Deutschland die Branche erst am Anfang. Es gilt jetzt klare Regeln für den Umgang mit den sensiblen Lesegewohnheitsdaten zu etablieren. Die Mindestforderung ist ein expliziter, nicht verklausulierter Hinweis, was genau erfasst und an wen übermittelt wird. Diese Erfassung von Benutzungsverhalten muss so gestaltet werden, dass standardmäßig keinerlei Daten erfasst werden, sondern nur auf ausdrücklichen Wunsch des Käufers hin. Verwendet werden sollten zudem ausschließlich aggregierte Daten, um die Erzeugung oder Weitergabe von individuellen Leseprofilen zu unterbinden.

Quelle: F.A.Z.

 
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