Home
http://www.faz.net/-gqz-736r9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 27.09.2012, 16:27 Uhr

Aus dem Maschinenraum Was dein Gesicht alles verraten kann

Biometrische Daten sind ein ganz besonderer Stoff. Facebook hat zwar nach heftigen Protesten die automatische Gesichtserkennung in Europa abgeschaltet, dafür rüstet jetzt Google kräftig nach.

© Jens Büttner/dpa Facebook hat die automatische Gesichtserkennung in Europa abgeschaltet - doch die Konkurrenz schläft nicht

Es waren keine guten Nachrichten in dieser Woche für das virtuelle Klatsch- und Werbe-Paralleluniversum Facebook: Anfang der Woche sackte der Aktienkurs mal wieder ab, und dann nervten auch noch die unermüdlichen europäischen Datenschützer. Während der zuständige deutsche Innenminister noch immer eine freiwillige Selbstverpflichtung präferiert und Gesetzesbrüchen mit demonstrativem Gleichmut begegnet, pocht vor allem die irische Datenschutzbehörde seit Anfang des Jahres auf die Einhaltung europäischen Rechts. Denn Facebook hat auf die seit Monaten in Rede stehenden Rechtsverstöße zunächst nur halbherzig reagiert. Anstatt die im Juni 2011 eingeführte und sofort heftig kritisierte biometrische Gesichtserkennung für hochgeladene Fotos zu deaktivieren, wurden lediglich Hinweise für die Mitglieder eingeblendet.

Gesichtsbilder sind Daten von besonderer Natur: Neben dem äußeren Erscheinungsbild zeigen sie Geschlecht, ethnische Abstammung, Alter, sogar Veranlagungen des Abgebildeten. Sind diese Informationen erfasst, können sie algorithmisch verarbeitet werden. Die Erfassung und Auswertung dieser biometrischen Daten bei Facebook lief trotz breiter Kritik weiter, ebenso die Markierungsvorschläge, um Menschen automatisiert zuzuordnen. Die eigentliche Gesichtsvermessung der Abgebildeten wurde auch fortgeführt, typischerweise wird dabei der Abstand zwischen Augen, Nase und Ohren erfasst.

Neue Funktionen, neue Fragen

Letzte Woche nun aber doch der Rückzieher: Die Gesichtserkennung wurde in Europa abgeschaltet, die gesammelten biometrischen Profile gelöscht. Es ist ein erster Sieg gegen den Wilden Datenwesten bei Facebook. Denn der wirksamste Datenschutz besteht bekanntlich immer noch in der Verhinderung der Datenerhebung.

Doch der Biometrie-Massentest war nur ein Aspekt im Mehrfrontenkrieg der Werbefirma gegen die wachsamen Datenschützer. Die von verschiedenen Seiten entworfenen Forderungskataloge für eine Einhaltung der rechtlichen Vorgaben in Europa werden immer länger. Das beliebte sogenannte App-Zentrum von Facebook, wo allerlei Spiele, Horoskope oder Umfragen angeboten werden, geriet ebenfalls in die Kritik. Die dort übliche umfangreiche Datenweitergabe an Drittanbieter wurde als Rechtsverstoß gebrandmarkt. Im August verlangten Verbraucherschützer von Facebook deshalb die Unterzeichnung einer Unterlassungserklärung.

Auch der allgegenwärtige „Gefällt mir“-Button kommt aus der Kritik nicht mehr heraus. Doch das ramponierte Facebook-Image tat dem Zuspruch keinen Abbruch: Im August wurden in Deutschland fast vierzig Millionen individuelle Nutzer gemessen. Das ist eine erneute Steigerung der Besucherzahlen, der Facebook mit großem Abstand weiterhin den unangefochtenen Spitzenplatz unter den Plattformen bringt. Doch bei neu angebotenen Funktionen von Facebook wird in letzter Zeit nicht mehr automatisch jubiliert, sondern der Nutzen für die Mitglieder und für die Kunden hinterfragt. Einschätzungen neuer Funktionen lesen sich heute ähnlich wie Bewertungen von Risikotechnologien.

Kein Protest nach der Abschaltung

Für die erst im Frühjahr veränderten Datennutzungsbedingungen findet sich unter Tausenden Kommentaren auf der Plattform selbst kaum mehr eine positive Wortmeldung. Das nagt auch am Vertrauen der Investoren. Heute reichen schon kleinere Fehlfunktionen oder technische Änderungen aus für Skandalgeschichten und Entrüstung. Es ist ein wenig, als hätte eine weltweit interessierte Öffentlichkeit Facebook auf dem Kieker.

Auch in der Heimat haben die Datenschutzbehörden die Werbeplattformen ins Visier genommen. Im August musste Konkurrent Google ein Bußgeld von über zwanzig Millionen Dollar zahlen, weil er seine Schäfchen heimlich ausspioniert hatte. Natürlich sind solche Strafzahlungen für ein Unternehmen mit einem derzeitigen Marktwert von über 160 Milliarden Dollar nicht einmal Peanuts, eher Erdnusssplitter. Doch Datenschutzthemen haben an Relevanz deutlich zugelegt, schlagen sich sogar im Aktienkurs nieder.

Das eigentlich Überraschende an der Abschaltung der biometrischen Gesichtserkennung bei Facebook ist aber die Tatsache, dass niemand einen Protest anmeldete. Von einem neuen Trend zur Datensparsamkeit ist wohl angesichts von drei Milliarden hochgeladenen Fotos pro Monat bei Facebook nicht zu reden, doch offenbar vermisst kaum jemand die biometrische Gesichtsvermessung. Ist die lange Debatte um ein mögliches Verbot von Googles „Street View“ bereits vergessen? Die Empörungswelle damals war erheblich, und es entstand eine Solidarisierung mit dem Unternehmen für einen Dienst, der einen hohen Nutzen versprach.

Google kauft ein

Doch auch wenn die Proteste nun ausgeblieben sind, die biometrische Erkennung ist mitnichten vom Tisch. Die Forschung hat in den letzten Jahrzehnten erstaunliche Entwicklungen hervorgebracht. Das betrifft die Schnelligkeit und Effizienz biometrischer Erkennungsalgorithmen, vor allem aber die Zuverlässigkeit. Im letzten Jahr untersuchten Forscher der Universität Carnegie Mellon Profilfotos von unbekannten Personen auf einer Flirt-Plattform und glichen sie algorithmisch mit den öffentlich zugänglichen Profilfotos auf Facebook ab. Jeder zehnte Mensch wurde dabei sofort identifiziert. In einem zweiten Schritt nutzen die Forscher eine Webcam, um Fotos von vorbeilaufenden Studenten auf dem Campus aufzunehmen und diese abermals mit den Facebook-Profilfotos abzugleichen. Dabei wurde sogar jeder dritte der Studierenden innerhalb von drei Sekunden algorithmisch erkannt.

Mehr zum Thema

Mag Facebook für den europäischen Raum zunächst auf die biometrische Erkennung verzichtet haben, die Konkurrenz scharrt weiter mit den Hufen: Google hat mit Neven Vision, Riya und PittPatt gleich drei Firmen aufgekauft, die solche Systeme entwickeln, und in seinen Picasa-Foto-Dienst die biometrische Erkennung bereits eingebaut.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Biometrische Erkennung Zugang erhält nur, wer sich normkonform verhält

Ohne Passwörter geht online fast nichts. Dabei sind sie weder praktisch noch besonders sicher. Doch was passiert, wenn es nach dem Willen Googles geht und biometrische Daten die Kürzel ersetzen? Mehr Von Adrian Lobe

09.02.2016, 16:52 Uhr | Feuilleton
Internetriese Massiver Jobabbau bei Yahoo

Im vierten Quartal ist der Umsatz bei Yahoo um 15 Prozent zurückgegangen. Der Internetriese Yahoo findet gegenwärtig kein Mittel, um sich im Netz gegen Google und Facebook durchzusetzen. Deshalb streicht der Konzern nun 15 Prozent seiner Arbeitsplätze. Mehr

08.02.2016, 13:21 Uhr | Wirtschaft
Recht auf Vergessenwerden Google weitet Filterung der Suchergebnisse aus

In Kürze wird der Konzern ein Schlupfloch schließen und die Filterung bei der Internetsuche erweitern. Damit reagiert Google auf die Kritik von Datenschützern. Ob die sich so besänftigen lassen, ist noch offen. Mehr Von Stefan Tomik

10.02.2016, 08:08 Uhr | Politik
Amerika Google und Ford verhandeln über Fertigung selbstfahrender Autos

Google testet bereits Prototypen seiner Roboterautos in den USA. Der Autohersteller Ford hinkt den Konkurrenten auf dem Gebiet bisher hinterher. Mehr

04.02.2016, 09:05 Uhr | Wirtschaft
Alphabet Experte für Künstliche Intelligenz ist neuer Google-Chefsucher

Der Internetkonzern Alphabet hat einen neuen Chef für seine Such-Sparte. Die Wahl zeigt, in welche Richtung das wertvollste Unternehmen der Welt zukünftig plant. Mehr

04.02.2016, 07:03 Uhr | Wirtschaft
Glosse

Die Jungs nebenan

Von Tilman Spreckelsen

Sie verkauft sich glänzend, heißt es aus dem Verlag. Dennoch hat Carlsen den Vertrag mit einer Autorin kündigen müssen – weil sie abgeschrieben hatte. Ausgerechnet aus einem Carlsen-Buch. Die Leser haben es gemerkt. Mehr 1 1

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“