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Aus dem Maschinenraum Vom Wunsch, nicht hinzusehen

Zahlreiche deutsche Online-Medien haben ihre Leser aufgefordert, künftig keine Adblocker mehr zu benutzen, weil dadurch wichtige Werbeeinnahmen gefährdet seien. Doch für den Leser hat die Sache gleich mehrere Haken.

© F.A.Z. Auch auf faz.net sind Werbebanner platziert.

Auf den Websites vieler deutscher Online-Medien - auch dieser Zeitung - prangt seit ein paar Tagen der Hinweis, man möchte doch bitte den Adblocker genannten Werbefilter im Browser ausschalten, weil es ohne die Online-Werbung unmöglich sei, journalistische Angebote im Netz zu finanzieren. Die Reaktionen der Leser aus dem Netz waren nicht direkt freundlich.

Es dauerte kaum eine Stunde, da ergoss sich eine Welle aus Aufregung, Spott und Unverständnis in die üblichen sozialen Netzkanäle. In Anlehnung an die Spenden-Banner mit dem Gesicht des Gründers Jimmy Wales, die bei Wikipedia in regelmäßigen Abständen für die finanzielle Unterstützung der Enzyklopädie werben, wurden die Einblendungen der konzentrierten Medienkampagne als Jimmy-Wales-Gedächtnis-Banner verhöhnt.

Mehr als nur Adblocker

Warum der Aufruhr, kann man als Online-Leser nicht ein wenig Verständnis aufbringen für das Ansinnen der Verlage, die Finanzierung ihrer Angebote nicht absichtlich zu unterlaufen? Die Antwort hat viele Facetten. Denn aus gutem Grund verwenden Online-Leser Adblocker: Sie erkennen, filtern und blockieren nicht nur blinkende Werbebanner, unerwünschte Pop-ups oder Audio-Elemente der Reklame, sondern verhindern meist auch das sogenannte übergreifende Tracking des Surfverhaltens.

Gleichzeitig mit Werbebannern werden oft Mechanismen verwendet, um Websites-Besucher durch das Netz zu verfolgen und so Persönlichkeitsprofile zu bilden und die Nutzungsdaten zusammenzuführen. Nachdem sich auch die deutschen Verlage im Kampf um die derzeit diskutierte Europäische Datenschutznovelle unter anderem dadurch hervorgetan haben, dass sie Regelungen zum Schutz von Minderjährigen bei der Erfassung und Datenverwertung sabotiert haben, ist dieses Tracking kein unerheblicher Aspekt der Diskussion. Zusätzlich zum Adblocker empfiehlt es sich schon aus Datenschutzgründen, einen Blockierer für sogenannte Tracking-Cookies zu installieren, der eine Verfolgung der Leser durch das Netz mit Hilfe von unsichtbaren Datenschnipseln in den Websites unterbindet.

Kampf um die Aufmerksamkeit

Online-Werbung in Form von Bannern, Überblendungen, Einschiebeseiten und Texteinsprengseln hat in den letzten Jahren drastisch an Anzahl und Nervigkeit zugenommen. Ohne Adblocker ist es auf vielen Seiten schon mühsam, überhaupt noch den Inhalt zu finden und vollständig zu lesen. Für nicht wenige Leser ist das Ausmaß an Werbung längst ein ausschlaggebender Punkt, ob eine Zeitung online überhaupt noch frequentiert wird oder man die Seite meidet.

Wie groß die optische und oft auch akustische Verseuchung des Internets mit bunt flackernden, aufmerksamkeitsheischenden Werbungen bereits ist, kann jeder in einem einfachen Selbstversuch testen. Wenn man eine Weile mit Adblocker im Netz unterwegs war und danach an einen Rechner ohne einen solchen Filter gerät, ist der Effekt in etwa so, als würde man von einer beschaulichen, aufgeräumten Dorfstraße an den Times Square in New York teleportiert: Alles blinkt, leuchtet und zappelt plötzlich, die Aufmerksamkeit für den eigentlichen Text will hart erkämpft werden.

Ein misslungener Witz

Für viele Menschen sparen Adblocker zudem Ressourcen bei Bandbreite und Rechnerleistungen, was für Online-Leser ohne Breitbandanschluss und nicht ganz so modernen Computern oder Mobiltelefonen ein wichtiges, manchmal essentielles Argument ist. Die Seiten laden schneller, der Akku dankt es. Ein weiterer wesentlicher Punkt für die Installation eines Adblockers sind die Sicherheitsrisiken, die nachweislich mit Werbebannern einhergehen. Das hat mit der Struktur der Online-Werbebranche zu tun: Die Banner werden nicht von der Zeitung selbst verwaltet, sondern über Agenturen von extern eingespielt. Clevere Angreifer, die im Besitz einer unbekannten oder nicht weithin behobenen Sicherheitslücke im Browser sind, haben sich häufig einfach Werbebanner mit entsprechend eingebettetem Schadcode gebucht, der dann unwissentlich auch von großen deutschen Zeitungen in ihren Werbebannern ausgeliefert wurde und etliche zehntausend Leser-Rechner verseuchte.

Auf weniger qualitätsvollen Seiten, aber gelegentlich auch auf seriösen Zeitungsseiten werden zudem sogar Anzeigen für Angebote geschaltet, die den Nutzer auf Websites mit Schadcode oder betrügerischen Angeboten locken sollen, etwa Klingelton-Abos und Ähnliches aus der Kategorie Nepper, Schlepper, Bauernfänger. Wird diese Werbung gar nicht erst eingeblendet, läuft man nicht Gefahr, darauf hereinzufallen. So ist es kein Zufall, dass auch Anti-Viren-Software zuweilen die Adblocker bereits enthält und in vielen Firmennetzen Adblocker zur selbstverständlichen oder gar vorgeschriebenen Installation der Arbeitsplatzrechner gehören.

Mehr zum Thema

Das Wehklagen der Verlage über die steigende Zahl der Nutzer von Adblockern - vor der jüngsten Kampagne waren es wohl bis zu fünfundzwanzig Prozent, jetzt dürften es weitaus mehr sein - klingt in den Ohren vieler Leser nicht umsonst etwas hohl und scheinheilig. Bisherige Strategie, um geringen oder stagnierenden Online-Einnahmen zu begegnen, war es, noch mehr und aggressivere Werbung einzublenden. Dass die Leser heutzutage einfache Methoden der Gegenwehr haben und diese auch nutzen, ist den Werbestrategen offenbar zu spät aufgefallen. Die Bitte, doch eine Ausnahmeregelung für die deutschen Zeitungsseiten einzustellen, weil hier ja nur verantwortungsbewusst und schonend Werbung geschaltet würde, mutet mehr wie ein misslungener Witz an, wenn man sich etwa die flächenumrahmende bunt blinkende und bisweilen sogar Geräusche erzeugende Werbung ansieht, die etwa bei etlichen Verlagen tagtäglich dem Leser zugemutet wird.

Auch wenn es weh tut: Die Gunst des werbungtolerierenden Lesers haben sich viele Online-Angebote schon vor langer Zeit verscherzt. Gerade für den Online-Journalismus ist es dringend an der Zeit, sich neue Geschäftsmodelle zu überlegen und nicht länger zu unterschätzen, dass ihre Leser durchaus zahlungswillig sind, wenn denn Preis und Angebot stimmen.

Quelle: F.A.Z.

 
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