Home
http://www.faz.net/-gt8-703wo
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Aus dem Maschinenraum Und hinter tausend Masken kein Gesicht

„Anonymous“ ist nicht nur eine Protestbewegung, sondern längst auch eine Marke. Wie alle erfolgreichen Marken wird sie kopiert und kann missbraucht werden.

© dapd Vergrößern „We are Legion“: Das Hacker-Kollektiv Anonymous schaffte es jüngst in die „Time“-Liste der 100 einflussreichsten Personen 2012

Ein Gespenst geht um im Netz: „Anonymous“. Je nach Sichtweise handelt es sich um revolutionäre Helden, die gegen alles, was schlecht ist in der Welt, per Mausklick oder Rechnereinbruch aufbegehren, oder um pubertierende Störenfriede, die das Ausmaß ihrer Handlungen und Provokationen gar nicht begreifen.

Anonymous ist das alles - und noch mehr. Anonymous ist keine kohärente Gruppe, kein „Kollektiv“, keine „Bewegung“. Es ist in erster Linie das, was der Name besagt: ein anonymes Label. Jeder kann es sich nehmen, der politisch motivierte Hacker, ein erlebnisorientierter Jugendlicher oder ein Geheimdienst, der seine Aktivitäten tarnen will. Es genügt, die typischen fünf Zeilen in ein digitales Bekennerschreiben zu kopieren: „We are Anonymous. We are Legion. We do not forgive. We do not forget. Expect us.“

Schutz durch Anonymität

Der Ursprung der Marke und der Idee von Anonymous geht auf den Aktivisten-Protest gegen Scientology zurück. Die Sekte ist dafür bekannt, ihre Gegner intensiv auszuforschen, und steht im Ruf, Kritiker durch persönliche Belästigung mürbe machen zu wollen. Die taktische Innovation von Anonymous bestand darin, peinlichst auf die Abwesenheit von verwertbaren Informationen über die Protestierenden zu achten. Wenn es keine Anhaltspunkte, keine Namen, keine Gesichter, keinen Verein mit Adresse gibt, läuft der Versuch der persönlichen Einschüchterung ins Leere.

Schnell stellte sich heraus, dass diese Taktik auch gegen staatliche Überwachungs- und Unterdrückungsmaßnahmen hilfreich ist. Prompt entstand in vielen Ländern eine Diskussion über Anonymität im Netz: Die einen meinen, man müsse prinzipiell „mit offenem Visier“ kommunizieren, die anderen betonen den Nutzen als Schutzraum, den anonyme Kommunikation bietet.

Aus der Fiktion ins reale Leben

Das Symbol des Labels Anonymous ist die ikonographische Maske aus der Graphic Novel „V for Vendetta“ von Alan Moore, die später durch den gleichnamigen Film zu ewigem Popkultur-Ruhm kam. Der einsame Widerständler trägt in der Geschichte die Maske, um sein Gesicht zu verdecken, das bei seinem Ausbruch aus einem von einer diktatorischen Regierung betriebenen Menschenversuchslabor vom Feuer entstellt wurde. Als die Zeit für den Aufstand reif war, ließ er die Maske massenhaft produzieren und an alle Haushalte schicken. Der Widerstand bekam ein Gesicht, das keines war und ebendadurch zum Symbol wurde.

Die Idee, dieses Prinzip aus der Fiktion ins reale Leben zu übertragen, verbreitete sich wie ein Lauffeuer, besonders in Internetforen, in denen viele junge Menschen unterwegs sind. Sie eint ein Gefühl der mangelnden Partizipation, sie fühlen sich ausgeschlossen von Entscheidungsmechanismen der Gesellschaft. Die konventionellen Wege gesellschaftlichen Engagements erscheinen ihnen als zu langsam, zu träge, eher darauf angelegt, Energie und Zeit zu binden, als tatsächliche Veränderung zu ermöglichen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
App für Heimlichtuer Nur raus damit!

Das Symbol der neuen App „Truth“ ist eine Eule. Zwinkernd fordert sie dazu auf, der Umwelt die ehrliche Meinung mitzuteilen. Um Ehrlichkeit ist es aber längst geschehen, wenn man sich mit einer App als Eule tarnen muss. Mehr

22.08.2014, 17:45 Uhr | Feuilleton
Leichtathletik „Wollen die uns für dumm verkaufen?“

Leichtathletik paradox: Doping-Sünder machen bei internationalen Meetings Kasse, aber saubere Sprinter müssen draufzahlen - auch die deutschen. Mehr

31.08.2014, 14:29 Uhr | Sport
Footballer Madiama Diop Auswärts darf er nicht spielen

Madiama Diop ist senegalesischer Asylbewerber und spielt Football bei den Würzburg Panthers. Aber wegen der Residenzpflicht nur bei den Heimspielen. Das soll sich ändern. Mehr

27.08.2014, 09:37 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 24.05.2012, 16:45 Uhr

Wer’s glaubt

Von Michael Hanfeld

Wenn es darum geht, welche neue Serie ZDFneo produzieren soll, lässt man plötzlich wieder die Zuschauer abstimmen. Beim ZDF ist momentan einiges verdreht. Mehr 3 7