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Aus dem Maschinenraum Und hinter tausend Masken kein Gesicht

 ·  „Anonymous“ ist nicht nur eine Protestbewegung, sondern längst auch eine Marke. Wie alle erfolgreichen Marken wird sie kopiert und kann missbraucht werden.

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© dapd „We are Legion“: Das Hacker-Kollektiv Anonymous schaffte es jüngst in die „Time“-Liste der 100 einflussreichsten Personen 2012

Ein Gespenst geht um im Netz: „Anonymous“. Je nach Sichtweise handelt es sich um revolutionäre Helden, die gegen alles, was schlecht ist in der Welt, per Mausklick oder Rechnereinbruch aufbegehren, oder um pubertierende Störenfriede, die das Ausmaß ihrer Handlungen und Provokationen gar nicht begreifen.

Anonymous ist das alles - und noch mehr. Anonymous ist keine kohärente Gruppe, kein „Kollektiv“, keine „Bewegung“. Es ist in erster Linie das, was der Name besagt: ein anonymes Label. Jeder kann es sich nehmen, der politisch motivierte Hacker, ein erlebnisorientierter Jugendlicher oder ein Geheimdienst, der seine Aktivitäten tarnen will. Es genügt, die typischen fünf Zeilen in ein digitales Bekennerschreiben zu kopieren: „We are Anonymous. We are Legion. We do not forgive. We do not forget. Expect us.“

Schutz durch Anonymität

Der Ursprung der Marke und der Idee von Anonymous geht auf den Aktivisten-Protest gegen Scientology zurück. Die Sekte ist dafür bekannt, ihre Gegner intensiv auszuforschen, und steht im Ruf, Kritiker durch persönliche Belästigung mürbe machen zu wollen. Die taktische Innovation von Anonymous bestand darin, peinlichst auf die Abwesenheit von verwertbaren Informationen über die Protestierenden zu achten. Wenn es keine Anhaltspunkte, keine Namen, keine Gesichter, keinen Verein mit Adresse gibt, läuft der Versuch der persönlichen Einschüchterung ins Leere.

Schnell stellte sich heraus, dass diese Taktik auch gegen staatliche Überwachungs- und Unterdrückungsmaßnahmen hilfreich ist. Prompt entstand in vielen Ländern eine Diskussion über Anonymität im Netz: Die einen meinen, man müsse prinzipiell „mit offenem Visier“ kommunizieren, die anderen betonen den Nutzen als Schutzraum, den anonyme Kommunikation bietet.

Aus der Fiktion ins reale Leben

Das Symbol des Labels Anonymous ist die ikonographische Maske aus der Graphic Novel „V for Vendetta“ von Alan Moore, die später durch den gleichnamigen Film zu ewigem Popkultur-Ruhm kam. Der einsame Widerständler trägt in der Geschichte die Maske, um sein Gesicht zu verdecken, das bei seinem Ausbruch aus einem von einer diktatorischen Regierung betriebenen Menschenversuchslabor vom Feuer entstellt wurde. Als die Zeit für den Aufstand reif war, ließ er die Maske massenhaft produzieren und an alle Haushalte schicken. Der Widerstand bekam ein Gesicht, das keines war und ebendadurch zum Symbol wurde.

Die Idee, dieses Prinzip aus der Fiktion ins reale Leben zu übertragen, verbreitete sich wie ein Lauffeuer, besonders in Internetforen, in denen viele junge Menschen unterwegs sind. Sie eint ein Gefühl der mangelnden Partizipation, sie fühlen sich ausgeschlossen von Entscheidungsmechanismen der Gesellschaft. Die konventionellen Wege gesellschaftlichen Engagements erscheinen ihnen als zu langsam, zu träge, eher darauf angelegt, Energie und Zeit zu binden, als tatsächliche Veränderung zu ermöglichen.

Grenzen der Schwarmintelligenz

Den Schutz der Anonymität mit einem markanten Symbol zu verbinden ermöglichte Formen des Widerstands und des Aktivismus, die zuvor ein hohes Risiko persönlicher Beeinträchtigung durch staatliche oder private Interessen mit sich brachten. Das erwies sich jedoch als zweischneidiges Schwert, denn Infiltrationen durch Geheimdienste und Ermittlungsbehörden wurden - nach kurzer Schockstarre - die Regel. Einige prominente und Dutzende weniger bekannte Fälle von aufgedeckten V-Männern ließen gar die Frage aufkommen, ob in den Chatsystemen, die typischerweise von Anonymous-Sympathisanten genutzt werden, nur noch Mitarbeiter der Dienste miteinander kommunizierten.

Da sich etliche der Anonymisten nur aus diesen Chats kennen, in denen die Identitäten flüchtig sind, haben die Dienste ein leichtes Spiel. Sie können Aktionen anregen, die den Namen „Anonymous“ diskreditieren oder eigene Netzwerkangriffe verschleiern. Verdächtigungen und Gerüchte zu streuen ist von jeher ein effizientes Mittel von Geheimdiensten, um rebellische Gruppierungen zu zersetzen. Leicht gemacht wird ihnen das Spiel dadurch, dass auch für Aktionen, die eher in die Rubrik alberne Jugendstreiche fallen, gern die Erkennungszeichen von Anonymous verwendet werden. Jeder kann es sich nehmen, jeder kann es benutzen. Die Grenze zwischen der Schwarmintelligenz und der Dummheit der Masse ist eben fließend.

Widerstand ohne Gesicht

So waren unlängst viele verwundert, als das Label Anonymous in der Auseinandersetzung um die deutsche Urheberrechtsreform auftauchte. Die Provokation ging dabei von einer Gruppe Krimiautoren aus, die in Verkennung der Umstände die Anonymous-Maske in einer Foto-Kampagne zum Symbol des Schurken machten, der ihnen ihr Urheber-Herz herausreißt. Doch die Maske ist das einende Zeichen, der Markenkern, der die Identität der Idee „Anonymous“ ausdrückt. Der Versuch, sie zum universellen Code des bösen Urheberrechtsverletzers zu machen, wurde als Ehrverletzung ausgelegt.

Die Antwort folgte schnell und unbarmherzig. Webserver wurden lahmgelegt, E-Mail-Accounts verstopft, Daten der beteiligten Künstler publiziert. Man kann sich zu Recht über eine mangelnde Diskurskultur beschweren. Doch das ist ungefähr so sinnvoll, als beklagte man sich über die mangelnde Diskussionskompetenz bei einer Schlägerei.

Ob Anonymous in der heutigen Form weiterbesteht, ob als Label oder als Bewegung, wie es mutieren und sich verändern wird, ist schwer vorherzusagen. Es gibt vereinzelte Bestrebungen, eine Art Handlungsethik, einen „Code of Conduct“ zu etablieren, um „echte“ von „falschen“ Anonymous-Aktionen unterscheidbar zu machen. Es gibt auch die Ansicht, die Idee von Anonymous hätte sich im Kern überlebt, einerseits durch Unterwanderung, andererseits durch die unkontrolliert gestiegene Attraktivität der Marke, die hohe Aufmerksamkeit auch für kontraproduktive Aktionen bekommt. Was in jedem Falle bleiben wird, ist die Erkenntnis, dass politischer Widerstand nicht unbedingt ein Gesicht benötigt, dass im Internetzeitalter ein Symbol und ein Name genug sind, um Menschen mit ähnlichen Ideen zusammenzubringen und sie durch ihre Masse relevant zu machen.

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