Fabian Granzeuer hat für diese Zeitung (am 22. Oktober, „Drohjaner“) den deutschen Drohnenentwicklern und -nutzern auf den Zahn gefühlt. Ein Unbehagen erfasste den Leser bei der Lektüre, ausgelöst durch die Vorstellung, leise surrende Spionageflieger hoch über den Köpfen würden jede Bewegung aufzeichnen. Die deutschen Polizeibehörden liebäugeln erst seit kurzem mit der Technologie, einige europäische Länder und die Vereinigten Staaten haben sie bereits seit Jahren im Einsatz.
Drohnen gibt es in sehr verschiedenen Größenklassen. Nicht die kleinen zivilen Luftaufklärer, sondern die militärischen unbemannten Flugobjekte sind der große Markt. Beim Militär beginnt das Spektrum bei strategischen Aufklärern, die in Höhen weit über dem normalen Luftverkehr sechsundreißig Stunden und länger ganze Landstriche auf einmal mit Kameras, Radar und Abhörsystemen beobachten. Die Bundeswehr hat unlängst ein solches System beschafft - Originalname: Global Hawk.
Die Nachfrage steigt
Darunter fliegen die Mittelstrecken-Drohnen, am bekanntesten sind die Predator und Reaper genannten amerikanischen Modelle, oft bewaffnet mit ursprünglich zur Panzerzerstörung gebauten Hellfire-Raketen. Für den taktischen Einsatz mit einigen hundert oder Dutzend Kilometern Reichweite gibt es eine unüberschaubare Vielzahl verschiedenster Bauformen, auch von deutschen Mittelständlern wie EMT Penzberg. Und schließlich gibt es noch die mehr an Modellbauspielzeuge erinnernden Kleingeräte, die teilweise nur eine halbe Stunde in der Luft bleiben können und von deutschen Polizeibehörden derzeit gern angeschafft werden.
Deutschland ist im internationalen Vergleich kein Vorreiter bei Drohneneinsatz oder -produktion. Die vorderen Plätze nehmen mit großem Abstand die Vereinigten Staaten und Israel ein, die im militärischen Bereich den Roboterkrieg der Zukunft bereits konkret durchführen. Die Stückzahlen und die Anzahl der Drohneneinsätze stiegen in der letzten Dekade exponentiell. Der damalige amerikanische Präsident Bush ließ eine ganze Flotte der Fluggeräte beschaffen. Mehr als siebenhundert neue Luftspione mit Raketen plant sein Nachfolger Obama anzuschaffen und fördert gleichzeitig die Forschung mit erheblichen Summen.
Die ferngelenkten Drohnen kamen ins Gerede, seit die gezielten Tötungen unter Obama zunahmen und durch die Veröffentlichung von amerikanischen Diplomatendepeschen bekannt wurde, dass geheime Drohnenmissionen über Somalia stattgefunden hatten. Zuletzt wurde in den Vereinigten Staaten anlässlich der gezielten Tötung eines Terrorverdächtigen und eines 16-Jährigen darüber diskutiert, ob auch amerikanische Staatsbürger von den fliegenden „Terminators“ liquidiert werden dürfen.
Ganz oben in der Luft lauert etwas
In Israel sind Drohnen mit verschiedenen Bestückungen seit vielen Jahren an den Grenzen und über den besetzten Gebieten im Einsatz. Neben Kameras, der Hauptanwendung bei den fliegenden Spionen weltweit, kommen auch elektronische Abhör- und Peilsysteme für Telefon und Funk zum Einsatz. Die Bildauswertung, längst auch mit biometrischer Erkennung entwickelt, gehört zum Repertoire. Außerdem gibt es die tödlichen „Payloads“: Raketen können abgefeuert oder ein Sprengsatz in dem Fluggerät selbst beim Aufschlag zur Explosion gebracht werden.
Die Bundeswehr hat erst kürzlich israelische „Harop“-Drohnen beschafft, die sechs Stunden in der Luft bleiben, um das Gelände oder Personen zu sichten und zu beobachten. Wird ein Ziel erfasst, kann die semiautonom fliegende Waffe es direkt mit Hilfe ihres eingebauten dreiundzwanzig Kilogramm schweren Sprengkopfs vernichten. Offiziell dienen die Harops zur Bekämpfung von feindlichen Radarstellungen, der Hersteller wirbt aber auch intensiv mit der Verwendbarkeit in „asymmetrischen Konflikten“ und „urbanen Umgebungen“. Die Drohne ist nichts anderes als ein Tötungsroboter, der über Stunden über einem Zielgebiet kreisen und lauern kann.
Technisch möglich wurde das fast vollständig autonome Fliegen mit nur noch minimaler Kontrolle durch einen auf der anderen Seite des Globus sitzenden Operator aufgrund einer Kombination verschiedener Technologien, die erst in ihrer Gesamtheit die rasant ansteigende Drohnenproduktion anstießen. Fortgeschrittene Sensoren und Satellitennavigation ermöglichen es, in rascher Folge Daten über Position und Fluglage zu erhalten. Mathematische Fortschritte bei den Methoden, mit denen die Daten von vielen solcher Sensoren zeitnah zu einem algorithmischen Lagebild des Fluggeräts integriert werden, konnten mit der verfügbaren Rechenleistung schneller Computer kombiniert werden, die ihrerseits mobil und stromsparend genug geworden sind, um sie in kleine Flugzeuge einzubauen. Schließlich wurden auch die mechanischen Komponenten - insbesondere die Triebwerke - zuverlässig genug, um sie über mehr als sechsunddreißig Stunden im Dauereinsatz zu betreiben: keine kleine Herausforderung für Konstruktion und Qualitätssicherung.
Ein wichtiger Faktor sorgte jedoch für die Möglichkeit, dies alles zu im Vergleich mit dem bemannten Flugwesen überschaubareren Kosten zu produzieren: Wenn eine Drohne wegen eines technischen Problems vom Himmel fällt, stirbt kein Pilot, es gibt keine Schlagzeilen und wenig nervige Nachfragen. Es gibt keine langwierigen Untersuchungen zur Unfallursache und keine Flugsperren für die ganze Flotte. Man versucht den Fehler zu finden und zu beheben, wenn möglich, und fliegt so lange einfach weiter.
Die stärkere Drohne gewinnt
Opfer von Drohneneinsätzen war dem Vernehmen nach auch der libysche Diktator Gaddafi. Wenn man die dürren und teils widersprüchlichen Angaben der Nato und die kursierenden Gerüchte kombiniert, könnte die Anpeilung seines Funktelefons durch eine mit elektronischen Abhörsystemen bestückte Drohne über der Stadt Sirte geschehen sein. Kamerabestückte Drohnen observierten daraufhin über Tage die Umgebung. Als sie Ungewöhnliches beobachteten - ein Konvoi versuchte, aus der Stadt zu entkommen -, wurde er mit Hellfire-Raketen gestoppt, abgefeuert von amerikanischen Predator-Drohnen, gesteuert von der anderen Seite des Planeten über Satellitenverbindungen.
Wir stehen am Anfang einer explosionsartigen Verbreitung der verschiedenen Drohnentypen als Allzweckwaffen - wie so oft angetrieben durch die militärischen Entwicklungen der Rüstungsindustrie. Und sie ist nicht nur wenig diskutiert, sie ist vor allem wenig reguliert. Übereinkünfte internationaler Natur stehen noch immer aus, derzeit gilt schlicht das Recht des Stärkeren.