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Aus dem Maschinenraum Titanenkampf mit hilflosen Zuschauern

Die Freiheit im Internet ist längst zur Illusion geworden. Die Suchergebnisse gehorchen nicht mehr objektiven Kriterien - auch wegen des Urheberrechts, das immer stärker zur probaten Waffe wird, um das Netz zu zensieren.

© KIMIHIRO HOSHINO/AFP Vergrößern Google verabschiedet sich teilweise von seiner Politik, eine faire Berücksichtigung „relevanter“ Websites bei der Ergebnisliste anzustreben

Die Frage, wie im digitalen Raum Interessenkonflikte geregelt werden, wird immer mehr zu einem grundlegenden Problem unserer Zeit. Die schiere Menge an Informationen, Nutzern und Interaktionen erschwert die Anwendung der bekannten Methoden des Ausgleichs und überfordert die bisherigen Mechanismen des Rechts. Jeden Monat prasseln Hunderttausende Anfragen nach IP-Adressen von Nutzern auf die Gerichte und Internetanbieter ein. Begehrt werden die hinterlegten Identitäten, die zu diesen IP-Adressen gehören, etwa von Abmahnkanzleien, die dann die Nutzer beschuldigen, urheberrechtlich geschützte Werke anzubieten. Große Internetkonzerne wie Google sehen sich dagegen einer Flut von Löschungsbegehren ausgesetzt, die in den vergangenen sieben Monaten noch erstaunlich gewachsen ist. Jede Woche landen mehr als eine Viertelmillion solcher Forderungen bei Google. Die wegen ihrer Marktmacht ohnehin schon kritisch beäugte Firma versucht nun auf äußerst fragwürdige Weise, der neuen Welle Herr zu werden.

Google grast derzeit pro Tag zwanzig Milliarden Websites ab, um seine Suchalgorithmen zu füttern. Jede der drei Milliarden Suchanfragen am Tag soll dem Nutzer aus dreißig Billionen gespeicherten Links möglichst die Informationen anbieten, die er sucht. Doch entgegen der ursprünglich postulierten Google-Politik, die eine faire Berücksichtigung „relevanter“ Websites bei der Ergebnisliste anstrebt, werden zukünftig Websites, gegen die besonders viele sogenannte DMCATakedown-Notices vorliegen, irgendwo auf den hinteren Seiten der Suchergebnisse begraben. Um die Dimension dieser Entscheidung zu verstehen, muss man sich kurz mit der Natur solcher DMCATakedowns auseinandersetzen. Sie sind im amerikanischen Recht ein Instrument, mit dem Inhalte ausschließlich aufgrund von Behauptungen des Absenders aus dem Netz entfernt werden. Ein Betroffener kann erst danach auf dem vergleichsweise beschwerlichen Rechtsweg die Wiederherstellung widerrechtlich entfernter Inhalte erzwingen.

Anschwellende Sperrorgien

Nun also soll allein die explodierende Menge solcher Anwürfe ausreichen, um Internetangebote im Orkus des Google-Vergessens verschwinden zu lassen. Abhilfe für die Betroffenen ist - wie immer bei Google - praktisch ausgeschlossen. Und über den Umweg der großen amerikanischen Informationsmaschine werden nebenbei die amerikanischen DMCA-Takedowns internationalisiert, denn in vielen Gegenden der Welt bestimmt die Monopolisten-Ergebnisliste von Google, was Menschen überhaupt finden können. Google hofft offenbar, mit diesem offenen Bruch seiner zuvor stets hochgehaltenen technischen Relevanzkriterien für die eigene Suchmaschine zu einer Art Burgfrieden mit den Inhalteverwertern zu kommen. Bisher galt, dass die Suche jeweils das für den Nutzer relevanteste Ergebnis bringen sollte. Nun aber ist die Büchse der Pandora ganz offiziell geöffnet - nicht nur verschämt wie im Falle nationaler Zensurbegehrlichkeiten wie in China, wo wenigstens noch angezeigt wird, wie viele Ergebnisse pro Suche entfernt wurden.

Schon jetzt offeriert der Suchmonopolist für Seiten wie Youtube den jeweiligen Verwertergesellschaften - in Deutschland der Gema - eine elektronische Schnittstelle, über die direkt Videos und Musikstücke mit der Behauptung gesperrt werden können, sie würden Urheberrechte verletzen. Nachdem dieser Mechanismus nun schon einige Zeit angeboten wird, ist der Effekt, dass Youtube für deutsche Nutzer weitgehend unbenutzbar geworden ist. Mitschnitte von Vorträgen werden wegen kurzer Musikschnipsel gesperrt, international populäre Videos sind in Deutschland im Regelfall nicht mehr sichtbar. Die frustrierten Nutzer suchen Auswege mit diversen technischen Tricks. Und je länger die anschwellenden Sperrorgien andauern, desto versierter und nutzerfreundlicher werden die Umgehungsmethoden. Nicht umsonst ist gegenüber der Gema mittlerweile eine universelle Abscheu über die Netz-Generationen hinweg zu beobachten, jeglicher Rest von Verständnis für deren Gründe oder Motivation ist verschwunden.

Natürlich werden die Schnittstellen zur Sperrung auch missbraucht, um unter dem Vorwand einer Urheberrechtsverletzung missliebige Inhalte zu zensieren. Menschen sind bei der Abarbeitung solcher Begehren kaum mehr beteiligt; man benötigte auch eine halbe Armee, um die Unmengen zu bewältigen.

Schlechte Aussichten

Bei anderen Problemfällen, etwa Mobbing auf Facebook, zeigt sich die drastische Unausgewogenheit des Prinzips. Facebook ist sehr zögerlich, etwa Videos von Schulhof-Quälereien zu sperren - es sei denn, das Opfer behauptet schlicht Urheberrechtsverletzungen. Dann ist das Filmchen tatsächlich schnell verschwunden: nicht etwa, weil Persönlichkeitsrechte verletzt wurden, sondern um Ärger mit den Verwertern zu vermeiden.

Selbstverständlich wären ausgewogene und praktikable rechtliche Regelungen dem derzeitigen Zustand vorzuziehen. Doch die Grundhaltung der Gesetzgeber, die noch keinen Sinn für moderne Methoden entwickelt haben, die die freie Kommunikation nicht strangulieren, lässt für die Zukunft nichts Gutes erahnen.

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Den Nutzern der Netze und denjenigen, die die Inhalte kreieren, bleibt nur die Position des Zuschauers. Es ist, als blickte man auf das Schlachtfeld im Kampf der Titanen, die - ohne die Beobachter recht wahrzunehmen - ihre Interessen durchsetzen und dabei alle Mittel nutzen. Immerhin können die Zuschauer Wetten abschließen: Bei dem einen der Titanen, der Musik- und Filmindustrie, sieht es trotz des Etappensiegs gegen Google wie ein Rückzugsgefecht aus.

Quelle: F.A.Z.

 
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