http://www.faz.net/-gqz-78huh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 20.04.2013, 14:33 Uhr

Aus dem Maschinenraum Software gibt den Tötungsbefehl

Über die Anschaffung von Drohnen für die Bundeswehr ist eine lebhafte Debatte entbrannt. Dass wir damit die Entscheidung über Leben und Tod aber immer mehr an Maschinen abgeben, bleibt oft unerwähnt.

von Constanze Kurz
© dapd Eine Drohne der US-Armee des Typs MQ-9 Reaper steht in Holloman im Flugausbildungszentrum der Luftwaffe der Bundeswehr auf der Holloman Air Force Base der US Air Force.

Er war gerade ein Jahr im Amt, als Verteidigungsminister Thomas de Maizière im letzten Jahr eine breite gesellschaftliche Debatte über den Einsatz von bewaffneten Drohnen anmahnte. Ohne die unbemannten Kampfflugzeuge werde die Bundeswehr bei ihren Auslandseinsätzen nicht mehr agieren können. Wenn man nicht ins Hintertreffen geraten wolle, müsse schnell gehandelt, also beschafft werden. Das Töten per Joystick sei in Zukunft gar unvermeidlich und alternativlos. Zudem solle die Entwicklung von eigenen Drohnen im europäischen Raum vorangetrieben werden, vorzugsweise bei dem Unternehmen, das in Sachen Rüstung Mädchen für alles ist: EADS.

Nun, da der Wahlkampf entbrannt ist, würde das Verteidigungsministerium die angekündigte öffentliche Diskussion um die von de Maizière diagnostizierte „Fähigkeitslücke“ der Bundeswehr gern beenden, bevor sie richtig begonnen hat. Aber den Gefallen wird ihm die interessierte Öffentlichkeit nicht tun. Im Hintergrund wird allerdings weiterhin mit den wichtigsten Anbietern raketenbestückter Kampfdrohnen verhandelt, eine Entscheidung aber auf die Zeit nach dem Wahlkampf verschoben - zumindest die Mitteilung über die getroffenen Absprachen.

Der Luxus der Entscheidung

In vielen Foren der Politikgestaltung tobt derweil die Debatte über Sinn und Unsinn, Moral und Ethik, Grenzen und Kontrollmöglichkeiten, technische Perspektiven und zukünftige Entwicklungen beim Einsatz ferngesteuerter und automatisierter Kriegsgeräte. Konferenzen, Tagungen, Symposien, Thinktank-Veranstaltungen aller Art: es wird diskutiert im politischen Deutschland, und das Ergebnis ist keineswegs ausgemacht.

Durch den Zeitverzug gegenüber dem in den Vereinigten Staaten schon längere Zeit öffentlich hinterfragten Gebaren von Militärs, Geheimdiensten und neuerdings auch Polizei bei der Verwendung der Hightech-Flugroboter kann sich Deutschland zumindest theoretisch den Luxus erlauben, nicht einfach in ein weltweites Drohnenwettrüsten zu schlittern, sondern tatsächlich eine politische Abwägungsentscheidung fällen zu können.

Beispiel Kundus

Die Vertreter der Bundeswehr argumentieren gern mit dem größten Desaster deutscher Auslandsabenteuer der Nachkriegszeit: dem katastrophalen, durch einen deutschen Oberst angeordneten Tanklaster-Bombardement bei Kundus. Hätte man damals schon bewaffnete Drohnen gehabt, so die Militärlogik, hätte man sie über den Tanklastern kreisen lassen können, um die Situation besser beobachten und einschätzen zu können.

Das ist kein ungeschickter Propagandaschachzug, denn er vermischt die technischen Überwachungsmöglichkeiten der Drohnen durch hochauflösende Aufnahmen mit der Frage der Bewaffnung der halbautonomen Maschinen. Allerdings korrespondiert die Logik nicht mit den tatsächlichen Ereignissen und vorhandenen Möglichkeiten, die in der Öffentlichkeit im Detail bekannt sind. Denn der Oberst hatte sich über einschlägige Vorschriften hinweggesetzt. Und auch ohne Drohnen hätte es andere, weniger verheerende Handlungsmöglichkeiten gegeben, wenn sie denn gewollt gewesen wären.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Raumfahrt Teilnehmer von Mars-Experiment beenden ein Jahr in Isolation

Endlich wieder frische Luft: Sechs Menschen haben zusammen ein Jahr lang auf nur elf Metern Durchmesser gelebt – als Simulation einer Reise zum Mars. Jetzt berichten sie. Mehr

29.08.2016, 15:50 Uhr | Gesellschaft
Hawaii Einen Schritt näher zur ersten bemannten Marsmission

An diesem Sonntag beendeten Wissenschaftler ein Experiment. Sie hatten ein ganzes Jahr das Leben auf einer entfernten Raumstation simuliert. Mehr

28.08.2016, 16:38 Uhr | Wissen
Nasa-Experiment Bemannte Mars-Mission beendet

Ein Jahr lebten Wissenschaftler in Isolation auf einer simulierten Marsmission. Nun ging das Nasa-Experiment zu Ende – und ein Ausflug auf den Mars scheint deutlich realistischer als zuvor. Mehr

29.08.2016, 15:30 Uhr | Feuilleton
Puerto Rico 512 Menschen von brennender Fähre gerettet

Nach dem Brand auf einer Fähre vor Puerto Rico haben Rettungskräfte am Mittwoch alle 512 Menschen an Bord gerettet. Das Feuer war im Maschinenraum des Schiffes etwa drei Kilometer vor der Küster der Hauptstadt San Juan ausgebrochen, teilten die Behörden mit. Die Flammen hatten sich dann schnell ausgebreitet. Mehr

18.08.2016, 10:40 Uhr | Gesellschaft
Auslandseinsätze Diese vertrackten Kriegsentscheidungen

Afghanistan, Syrien, Libyen - die Bilanz vieler Militäreinsätze der jüngsten Zeit ist nicht gerade positiv. Warum sollte es auch anders sein? Motive, Ziele und Einsatzkalküle der oftmals vielen Akteure kommen sich gegenseitig in die Quere. Doch was tun, weil wir uns nicht heraushalten können? Mehr Von Professor Dr. Wilfried von Bredow

26.08.2016, 12:03 Uhr | Politik