http://www.faz.net/-gqz-72tq2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 15.09.2012, 16:19 Uhr

Aus dem Maschinenraum Nachtigall, ick hör dir schnorcheln

Was ist ETSI? Ein privater Verein mit viel Macht, den kaum jemand kennt. Dabei betrifft seine Aufgabe jeden einzelnen Bürger: Es geht um die Standardisierung der Schnittstellen der vernetzten Welt zu Überwachungszwecken.

von Constanze Kurz
© ddp Seit der Einführung von ISDN wurden Schnittstellen zum Abhören vereinheitlicht und standardisiert. Zuständig dafür: Der weitgehend unbekannte private Verein ETSI

Mussten früher noch Spulentonbandgeräte in den Telefonvermittlungsstellen zu den Drähten der zu überwachenden Anschlüsse transportiert werden, reichen heute einige standardisierte Kommandos am Computer für das Anzapfen von Datenleitungen. In modernen digitalen Kommunikationssystemen wurden die Schnittstellen zum Erfassen der darüber transportierten Informationen bereits von Anbeginn mit eingebaut. Das Vorhalten dieser standardisierten Schnittstellen, aber auch der Hard- und Software zum Mitschneiden und Abfangen von Datenverkehr und Kommunikation ist in Deutschland den Telekommunikationsunternehmen gesetzlich vorgeschrieben und in der dazugehörigen Überwachungsverordnung sowie in technischen Richtlinien und Pflichtenheften genau festgelegt.

Wie so oft im Sicherheitsbereich entwickelt die technische Verfügbarkeit von Überwachungsmethoden nicht nur ein politisches und ein faktisches Eigenleben, sondern auch eine ganz eigene Dynamik mit dem Blick fürs praktische Detail. So wurden etwa die Schnittstellen für die Überwachung in Europa darauf ausgelegt, dass fünf „berechtigte Stellen“ gleichzeitig Gespräche eines Anschlusses mitschneiden können, ohne sich gegenseitig ins Gehege zu kommen.

Geheimdienst darf „strategisch abhören“: Kleiner Kasten genügt

Und während polizeiliche Ermittler die einzelnen abzuhörenden Anschlüsse bei den Telekommunikationsunternehmen angeben, um die Ausleitung aller Gespräche für den gewünschten Zeitraum einzuleiten, ist dem Geheimdienst auch das sogenannte strategische Abhören erlaubt. Praktisch wird dazu bei den Telefonanbietern ein unauffälliger Kasten plaziert, der das Belauschen ganz ohne Zutun der Unternehmen ermöglicht.

Mehr zum Thema

Natürlich reflektiert die stetig steigende Zahl von Überwachungsanordnungen auch die steigende Bedeutung der Kommunikationsnetze in unserem Leben. Für Strafverfolger und Dienste spielt jedoch ein anderer Aspekt eine wesentliche Rolle: Die Automatisierung der Erfassung, Verarbeitung und Auswertung funktioniert umso besser, je einheitlicher die Systeme ausgelegt sind und je weniger Medienbrüche es beim Zugriff auf die Überwachungsdaten gibt. Daher begann diese Vereinheitlichung und Standardisierung der Schnittstellen zum Abschnorcheln bereits zeitgleich mit der Einführung des digitalen Telefonnetzes ISDN.

Bei der internationalen Standardisierung kommt ETSI ins Spiel

Doch wer standardisiert all die universellen Schnittstellen, mit denen die moderne vernetzte Welt international überwacht wird? Es ist ein privater Verein. Dem Namen nach klingt das Europäische Institut für Telekommunikationsnormen (European Telecommunications Standards Institute, ETSI) wie ein Hort freundlicher Ingenieure, die zum Wohl aller die Köpfe zusammenstecken, um Kompatibilität und Interoperabilität herzustellen. Der Verein wurde 1988 gegründet, mit Sitz in Frankreich. Hier werden technische Standards, Richtlinien und Regelwerke erarbeitet und oftmals kostenlos zur Verfügung gestellt. ETSI ist über Europa hinausgewachsen und gilt längst als internationales Gremium, mit Mitgliedern aus über sechzig Staaten aller Kontinente.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Patentrecht Bundesregierung will EU-Patentschutz beschließen

Bislang müssen deutsche Hersteller, die ihre Patente in einem anderen EU-Staat verletzt sehen, in dem jeweiligen Land klagen. Ein EU-weiter Patentschutz würde Klagen auch in Deutschland ermöglichen. Mehr

25.05.2016, 05:30 Uhr | Wirtschaft
Alle Passagiere gerettet Brennender Katamaran sinkt vor Australien

Dutzende Menschen mussten vor der australischen Küste von einem Katamaran gerettet werden, nachdem das Ausflugsboot Feuer gefangen hatte. Alle 42 Passagiere konnten auf Rettungsinseln flüchten. Der Brand soll im Maschinenraum des 25-Meter-Katamarans ausgebrochen sein. Das Boot sank. Mehr

13.05.2016, 08:55 Uhr | Gesellschaft
Betriebssysteme Google will Android im Auto etablieren

Nach Smartphones soll sich Android nach dem Willen von Google auch in Autos ausbreiten. Hersteller werden das Betriebssystem kostenlos als Fundament für ihre Unterhaltungssysteme nutzen können. Mehr

20.05.2016, 16:59 Uhr | Wirtschaft
Fernsehtrailer Der Bankraub

Der Bankraub läuft um 20.15 Uhr im ZDF, im Anschluss folgt Der Bankraub - Die Dokumentation. Mehr

09.05.2016, 18:59 Uhr | Feuilleton
Pakistan Wie Taliban-Anführer Mansur den Amerikanern in die Falle tappte

Über Monate hat die CIA den Taliban-Chef überwacht. Als er aus Iran ausreiste, ergab sich die Gelegenheit: Der amerikanische Geheimdienst stellte ihm eine Falle. Jetzt werden die Details des Drohnenangriffs bekannt. Mehr

25.05.2016, 17:39 Uhr | Politik
Glosse

Nach dem Massenmord

Von Jürg Altwegg

Als die „Eagles of Death Metal“ im Bataclan spielten, richteten Islamisten ein Massaker an. Jetzt hat der Sänger Hughes in Interviews Verschwörungstheorien kundgetan. Und plötzlich ist die Band in Frankreich unerwünscht. Mehr 52