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Veröffentlicht: 06.02.2017, 14:37 Uhr

Aus dem Maschinenraum Jetzt ist es an der Zeit, die Lücken zu schließen

Geschäfte mit den Mächtigen der Welt: Eine Firma, die Späh-Software für Mobiltelefone vertreibt, ist selbst gehackt worden.

von Constanze Kurz
© AFP Leeor Ben-Peretz, Vizechef des israelischen Unternehmens Cellebrite, erklärt die Technologie hinter seinem Unternehmen. Dafür interessieren sich Regierungen in aller Welt.

Es hat wieder eine jener sonst selten in der Öffentlichkeit stehenden Firmen erwischt, die Hacking-Werkzeuge anbieten, um die Sicherheitsfunktionen von Computern und Mobiltelefonen zu umgehen: Cellebrite heißt das Unternehmen, das im Januar selbst gehackt wurde und dessen Software nun teilweise im Netz steht.

Die Firma aus Israel beschäftigt sich mit dem Zugriff auf Mobiltelefondaten von Apple, BlackBerry, Nokia und Samsung. Cellebrite erlangte vor einigen Monaten weltweite Bekanntheit: Vorausgegangen war der zwischen Apple und dem FBI entbrannte Streit darum, wie die Behörde an Daten eines iPhones gelangen kann. Das FBI verlangte vom Hersteller Apple, eine Umgehung der Sicherheitsmaßnahmen einzubauen, um so das Mobiltelefon eines Attentäters inspizieren zu können. Der iPhone-Hersteller sollte eigens Software dafür entwickeln und dadurch dem FBI assistieren.

Jede Ermittlung braucht eine Rechtsgrundlage

Apple aber wehrte sich mit einem offenen Brief und weigerte sich vehement, das eigene Produkt mit einer Sicherheitslücke auszustatten. Denn die rechtliche Basis für diese Forderung war strittig. Ein einfaches Prinzip des Rechtsstaates gerät zuweilen in Vergessenheit: Jede Ermittlung braucht eine Rechtsgrundlage. Auch wenn eine Behörde per Hacking oder Hintertür an die Daten des iPhones gelangen will, muss das rechtens sein.

Das FBI und das Justizministerium der Vereinigten Staaten wollten den Fall vor Gericht bringen, während die internationale Öffentlichkeit interessiert diskutierte, ob der inneramerikanische Rechtsstreit zur Folge haben würde, dass amerikanische Behörden in Zukunft eine Hintertür für die weltweit benutzten Geräte haben würden. Die Anwälte des Ministeriums und des Herstellers hatten schriftlich bereits die Klingen gekreuzt, der Gerichtstermin stand fest.

Zur Überraschung vieler aber ließ das FBI nach einem öffentlichen Hickhack von mehreren Wochen einen Tag vor Beginn des Prozesses die Forderung fallen. Wenig später wurde klar, weswegen: Man hatte bereits eine Firma engagiert, um ohne die Hilfe von Apple die Informationen vom Telefon kratzen zu können.

Forensik ist nur eine euphemistische Umschreibung

Zwar fand man darauf nichts für die Ermittlungen Hilfreiches, aber über die kommerziellen Partnerhacker wurde öffentlich spekuliert. Dabei fiel der Name von Cellebrite, die das unkommentiert ließ. Solche Gerüchte eignen sich schließlich vorzüglich für die Neukundenakquise, selbst wenn sie gar nicht stimmen sollten.

Kunden des Unternehmens, das zur japanischen Sun Corporation gehört, waren ohnehin oft Polizeibehörden, etwa wenn sie den Beweis führen wollen, dass ein Autofahrer während eines Unfalls sein Telefon benutzt hat. Cellebrite bietet dafür ein Werkzeug namens „textalyzer“ an, das speziell für Mobiltelefone entwickelt wurde. Es soll forensisch sicher belegen, ob ein Benutzer zu einem bestimmten Zeitpunkt sein Telefon in Verwendung hatte oder nicht. Ob die Software ihr Versprechen hält, ist jedoch umstritten.

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