http://www.faz.net/-gqz-71szm
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 02.08.2012, 16:28 Uhr

Aus dem Maschinenraum Digitale Landsknechte gesucht

Hacker und Geheimdienste waren einmal natürliche Gegner. In den Vereinigten Staaten hat sich das geändert: Mittlerweile werden junge Talente von Militärs und Sicherheitsbehörden als Experten im Cyberwar umworben.

von Constanze Kurz
© dpa Cyberwar: Hacker müssen sich entscheiden in wessen Dienst sie ihre Fähigkeiten stellen und welchen Idealen sie folgen sollen

Das Jahr 2012 kann wohl als das Jahr der neuen Internet-Aufmüpfigkeit gelten. Es entfaltete sich ein enormer Proteststurm, als der amerikanische Senat und das Repräsentantenhaus die Anti-Piraterie-Vorhaben Sopa und Pipa auf den Weg brachten, die Blockaden im Netz und Nachstellungen wegen Urheberrechtsverletzungen vereinfachen sollten. Wikipedia schaltete auf schwarz, und halb Amerika geißelte die Gesetzgeber als von Lobbyisten unterwanderte Internet-Ignoranten, die ihren Bürgern das hochgehaltene „Right to be let alone“ und das liebgewonnene freie Netz entreißen wollten. Auch Europa zog wenig später mit einer spektakulären Acta-Meuterei nach.

Nach den erfolgreichen Protesten steht in den Vereinigten Staaten unterdessen ein neues Gesetzesvorhaben im Mittelpunkt der Netz-Diskussion: der Cyber Information and Security Protection Act (Cispa), der im April das Repräsentantenhaus passierte und derzeit im Senat zur Entscheidung ansteht. Er soll polizeilichen und geheimdienstlichen Ermittlern das Geschäft erleichtern, richtet sich jedoch vor allem gegen Angriffe aus dem Netz. Statt der Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen steht nun der Kampf gegen „Cyberterroristen“ auf der Prioritätenliste ganz oben. Dazu darf in Zukunft Zugriff auf E-Mails, Chats, Lokationsdaten, aber auch Informationen aus sozialen Netzwerken inklusive Fotos genommen werden. Einer der Nutznießer von Cispa ist General Keith Alexander, Chef des berüchtigten Geheimdienstes National Security Agency (NSA). Und just dieser General war in der letzten Woche der Stargast der diesjährigen Defcon in Las Vegas, der größten Hackerkonferenz überhaupt.

Junghacker finanzieren ihr Studium durch die Arbeit für den Staat

Anders als die amerikanische Netzgemeinde, die sich lauter werdend über die zunehmende technisierte Überwachung entrüstet, geht ein Teil der amerikanischen Hackerszene seit Jahren auf Schmusekurs mit den in der Kritik stehenden Überwachern. Früher gab es auf den Hackertreffen noch „Spot the Fed“-Wettbewerbe, bei denen die Identifizierung von Staatsvertretern (Fed) prämiert wurde. Die Zeiten sind vorbei: Heute wird der oberste Big Brother des Landes eingeladen, die Keynote zu halten.

Dass die Hackerszene von Militärs und Geheimdiensten umworben wird, hat handfeste Gründe. Die Träume von Cyberwar-Einheiten, die Angriffe wie etwa durch Stuxnet gegen iranische Urananreicherungsanlagen routinemäßig durchführen sollen, schaffen einen erheblichen Rekrutierungsdruck. Durch die prekäre wirtschaftliche Situation weiter Teile der unteren Mittelschicht sind talentierte junge Hacker durchaus bereit, sich im Tausch gegen die Finanzierung ihres Studiums ein paar Jahre bei staatlichen digitalen Angriffseinheiten zu verdingen.

Echtzeitvollüberwachung der Netze

Hinterher kann man eine geheimnisvoll klingende Zeile in den Lebenslauf einfügen und in der immer noch boomenden IT-Sicherheitsindustrie ein trockenes Plätzchen finden - so das Kalkül amerikanischer Hacker mit patriotischer Ader. Mit der ursprünglichen Hackerkultur, die aus gutem Grund Geheimdiensten und Militärs profundes Misstrauen entgegenbringt, hat das nicht mehr viel zu tun. Von den Idealen der aus der kalifornischen Gegenkultur erwachsenen Bewegung kann man sich kaum weiter entfernen, als in NSA-Bunkern Cyberwaffen zu bauen und zu lenken.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Neue Vermutung Steckt Nordkorea hinter dem Cyber-Bankraub in Bangladesch?

Hacker haben vor einiger Zeit Aufsehen erregt mit einem Angriff auf den Sony-Konzern. Haben dieselben Leute Geld von der Zentralbank in Bangladesch geklaut? Mehr

27.05.2016, 11:13 Uhr | Finanzen
Alle Passagiere gerettet Brennender Katamaran sinkt vor Australien

Dutzende Menschen mussten vor der australischen Küste von einem Katamaran gerettet werden, nachdem das Ausflugsboot Feuer gefangen hatte. Alle 42 Passagiere konnten auf Rettungsinseln flüchten. Der Brand soll im Maschinenraum des 25-Meter-Katamarans ausgebrochen sein. Das Boot sank. Mehr

13.05.2016, 08:55 Uhr | Gesellschaft
Pakistan Wie Taliban-Anführer Mansur den Amerikanern in die Falle tappte

Über Monate hat die CIA den Taliban-Chef überwacht. Als er aus Iran ausreiste, ergab sich die Gelegenheit: Der amerikanische Geheimdienst stellte ihm eine Falle. Jetzt werden die Details des Drohnenangriffs bekannt. Mehr

25.05.2016, 17:39 Uhr | Politik
Brasilien Senat stimmt über Amtsenthebung Rousseffs ab

Der brasilianische Senat stimmt nach den Worten seines Präsidenten am Mittwoch wie geplant über ein Amtsenthebungsverfahren gegen Präsidentin Dilma Rousseff ab. Der linksgerichteten Rousseff wird vorgeworfen, den Haushalt manipuliert zu haben, um ihre Wiederwahl 2014 zu sichern. Sie bestreitet dies und spricht von einem Putschversuch. Mehr

11.05.2016, 10:26 Uhr | Politik
Software-Roboter Automatisierter Hass im Netz

Immer mehr Hetzkommentare im Internet stammen von Maschinen. Mit ihnen werden die sozialen Netzwerke manipuliert – doch das hat auch Folgen für die Offline-Welt. Mehr Von Oliver Georgi

24.05.2016, 12:38 Uhr | Politik
Glosse

Anleitung zum Saufen?

Von Kerstin Holm

Das neue Lied „In Petersburg trinkt man“ der Band „Leningrad“ gefällt den Ordnungshütern nicht. Dabei halten sich die Musiker doch nur an die Vorschriften, die Zar Peter der Große erlassen hat. Mehr 1 8