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Aus dem Maschinenraum Der Tag, an dem die Welt stillstand

Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Eines Tages könnte Googles Projekt der Datenbrille zum Alltagsutensil geworden sein. Das hätte gravierende Folgen. Nicht nur für die Nutzer, sondern auch für alle anderen.

© dapd Vergrößern Alles auf einen Blick: Googles geplante Datenbrille

Es war wohl einer der merkwürdigsten Tage, den die Metropolen der westlichen Welt je erlebt hatten und der in die Geschichte einging: Es begann zuerst in Paris, an einem ganz normalen Donnerstagnachmittag um kurz vor zwei. Erst waren es nur ein paar Menschen, dann viele, wenig später blieb jeder zweite Passant auf der Straße plötzlich stehen und fasste sich verwirrt an die Schläfen.

Man hörte viele sagen: „Okay, Computer!“ oder „Neuladen!“, erst leise, dann immer lauter. Die Leute begannen, pausenlos auf ihren Telefonen herumzutippen. Eine gespenstische Szenerie. Die Ursache war ein technischer Ausfall. Die Netzwerk-Dienste der meisten Datenbrillen, betrieben vom Monopolisten Google, funktionierten nicht mehr.

Die beliebten, relativ unauffälligen Geräte hatten so etwas wie einen winzigen Smartphone-Bildschirm, über den das Bild über einen kleinen Projektor im Bügel der Brille permanent ins Blickfeld des Trägers eingespiegelt wurde. Kontrolliert per Sprache und über Gesten vor der eingebauten Mini-Kamera, war es für einen großen Teil der Bevölkerung zu einem unverzichtbaren Alltagsaccessoire geworden, das die normale Telefonbenutzung weitgehend verdrängt hatte.

In zwei Realitäten gleichzeitig

Am schmerzlichsten traf es neben den Unternehmen, die sich leichtsinnig auf die Cloud verlassen hatten, die sogenannten „Gargoogles“, eine Sorte von Menschen, die nie auf den Kontakt zum Netz direkt vor ihrem Auge verzichten wollten und das permanente Aufzeichnen und Analysieren ihrer Umgebung zum Lebensstil erhoben hatten.

Der Name „Gargoogles“ leitete sich - etwas abgewandelt - aus dem Science-Fiction-Roman „Snow Crash“ von Neal Stephenson ab, der schon 1992 diesen Menschentypus präzise vorausgesehen hatte: „Es macht keinen Spaß, mit Gargoyles zu reden. Sie beenden nie einen Satz. Sie schweben in einer lasergezeichneten Welt, scannen Netzhäute in allen Richtungen, holen Hintergrundinformationen über jeden im Umkreis von tausend Metern ein...Man denkt, dass sie sich mit einem unterhalten, aber in Wirklichkeit schnüffeln sie in den Kontoauszügen eines Typen auf der anderen Seite des Zimmers herum.“

Stephensons Roman gilt auch heute noch - neben der „Neuromancer“-Trilogie von William Gibson - als literarischer Antrieb der technischen Entwicklung zur ubiquitären Verschmelzung von virtueller Welt und Realität. Doch Stephensons Vorhersage der sozialen Interaktionsprobleme mit Menschen, die in zwei Realitäten gleichzeitig unterwegs sind, hatte sich als noch untertrieben herausgestellt.

Unangenehm und unpassend

So wie einige Jahre zuvor mit dem Aufkommen der Smartphones die Sitten verfallen waren und niemand etwas dabei fand, mitten im Gespräch auf seinem Telefon herumzuklicken, war in der ersten Euphorie um die Google-Brillen auch wenig von Höflichkeit oder Zurückhaltung zu spüren gewesen.

Erst nach und nach hatten sich akzeptierte Umgangsformen herausgebildet. Man setzte die Brille demonstrativ ab, wenn Diskretion oder Aufmerksamkeit signalisiert werden sollte. Gargoogles bekamen Hausverbot in etlichen Clubs und Restaurants, viele hatten Probleme mit ihren Arbeitgebern. Die Anwesenheit eines Gargoogles, von dem man nicht wusste, ob er gerade etwas in Wikipedia nachschlug oder das Gespräch am Nachbartisch live zu einer Skandalwebsite streamte, wurde als unangenehm und unpassend empfunden.

Gargoogles blieben daher fast immer unter sich, wenn sie nicht gerade loszogen, um ihre proklamiertes Recht auf permanentes Erfassen, Analysieren und Publizieren ihrer Umgebung durch provokative Aktionen an öffentlichen Orten durchzusetzen. In Minutenschnelle hatte sich das Problem mit den dysfunktionalen Brillen um die Welt ausgebreitet: Berlin, Tokio, Washington. Überall hielten die Leute gezwungenermaßen inne, der Alltag kam zum Erliegen. Es dauerte nur wenige Minuten, dann ergoss sich eine Flut von Twitternachrichten über die Netze, wenig später tickerten schon die Agenturen.

Verschwörung gegen Gargoogles

An die Stelle der gewohnten Navigationskarten, Kurznachrichten und Videostreams war eine dürre Fehlermeldung getreten: „Diensteverfügbarkeit eingeschränkt. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.“ Das hektische Großstadttreiben war schlagartig verlangsamt worden, als hätte jemand die Welt in einen zähflüssigen Sirup getaucht. Die selbstverständliche Verfügbarkeit von Information und Kommunikation an jedem Ort zu jeder Zeit war ausgesetzt.

Nach einigen Stunden ahnten die meisten Menschen, dass das technische Problem vielleicht doch umfangreicher sein könnte, denn die Services blieben weiter deaktiviert. Soziale Gepflogenheiten, die man längst vergessen glaubte, wurden entstaubt. Man fragte Menschen nach dem Weg, anstatt wie sonst die allwissende Maschine zu bemühen. Kontaktlisten in den Telefonen wurden wieder wichtige Hilfsmittel für Gespräche, sofern sie noch lokal auf den Telefonen gespeichert waren und nicht schon längst in der nun nicht mehr funktionierenden Cloud verschwunden waren.

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Die Kellner in den Cafés kramten irgendwoher alte Zettelblöcke und Taschenrechner heraus. Die Älteren zeigten den studentischen Aushilfskräften, wie man ohne technische Hilfe Bestellungen aufnimmt und abrechnet. Die SilentServer-App auf der Google-Brille, die die Gesichter der Kunden erkennt, sich die dazugehörigen Bestellungen merkt, auf Wunsch die dazugehörigen Zahlungsdaten ermittelt und am Ende die Rechnung erstellt, war seit einigen Jahren in fast allen Restaurants üblich. Nach dem Google-Ausfall mussten sich Cafégäste nun wieder in Geduld üben.

Die meisten blieben aber gelassen, konnten sie doch auf die eine oder andere Weise gut nachfühlen, wie es ist, plötzlich „ohne“ zu sein. Nach knapp einem Tag fieberhafter Fehlersuche wurde das Problem schließlich gefunden - ein einfaches Update in einem von allen Datenbrillen-Netzen verwendeten Softwaremodul. Die Diskussion darüber, ob der Fehler Zufall oder Sabotage war, wogte noch Monate durch die Nachrichten. Die Gargoogles glauben bis heute an eine Verschwörung gegen sie.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 02.03.2013, 08:34 Uhr

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