Home
http://www.faz.net/-gqz-77aui
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Aus dem Maschinenraum Der Tag, an dem die Welt stillstand

Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Eines Tages könnte Googles Projekt der Datenbrille zum Alltagsutensil geworden sein. Das hätte gravierende Folgen. Nicht nur für die Nutzer, sondern auch für alle anderen.

© dapd Alles auf einen Blick: Googles geplante Datenbrille

Es war wohl einer der merkwürdigsten Tage, den die Metropolen der westlichen Welt je erlebt hatten und der in die Geschichte einging: Es begann zuerst in Paris, an einem ganz normalen Donnerstagnachmittag um kurz vor zwei. Erst waren es nur ein paar Menschen, dann viele, wenig später blieb jeder zweite Passant auf der Straße plötzlich stehen und fasste sich verwirrt an die Schläfen.

Man hörte viele sagen: „Okay, Computer!“ oder „Neuladen!“, erst leise, dann immer lauter. Die Leute begannen, pausenlos auf ihren Telefonen herumzutippen. Eine gespenstische Szenerie. Die Ursache war ein technischer Ausfall. Die Netzwerk-Dienste der meisten Datenbrillen, betrieben vom Monopolisten Google, funktionierten nicht mehr.

Die beliebten, relativ unauffälligen Geräte hatten so etwas wie einen winzigen Smartphone-Bildschirm, über den das Bild über einen kleinen Projektor im Bügel der Brille permanent ins Blickfeld des Trägers eingespiegelt wurde. Kontrolliert per Sprache und über Gesten vor der eingebauten Mini-Kamera, war es für einen großen Teil der Bevölkerung zu einem unverzichtbaren Alltagsaccessoire geworden, das die normale Telefonbenutzung weitgehend verdrängt hatte.

In zwei Realitäten gleichzeitig

Am schmerzlichsten traf es neben den Unternehmen, die sich leichtsinnig auf die Cloud verlassen hatten, die sogenannten „Gargoogles“, eine Sorte von Menschen, die nie auf den Kontakt zum Netz direkt vor ihrem Auge verzichten wollten und das permanente Aufzeichnen und Analysieren ihrer Umgebung zum Lebensstil erhoben hatten.

Der Name „Gargoogles“ leitete sich - etwas abgewandelt - aus dem Science-Fiction-Roman „Snow Crash“ von Neal Stephenson ab, der schon 1992 diesen Menschentypus präzise vorausgesehen hatte: „Es macht keinen Spaß, mit Gargoyles zu reden. Sie beenden nie einen Satz. Sie schweben in einer lasergezeichneten Welt, scannen Netzhäute in allen Richtungen, holen Hintergrundinformationen über jeden im Umkreis von tausend Metern ein...Man denkt, dass sie sich mit einem unterhalten, aber in Wirklichkeit schnüffeln sie in den Kontoauszügen eines Typen auf der anderen Seite des Zimmers herum.“

Stephensons Roman gilt auch heute noch - neben der „Neuromancer“-Trilogie von William Gibson - als literarischer Antrieb der technischen Entwicklung zur ubiquitären Verschmelzung von virtueller Welt und Realität. Doch Stephensons Vorhersage der sozialen Interaktionsprobleme mit Menschen, die in zwei Realitäten gleichzeitig unterwegs sind, hatte sich als noch untertrieben herausgestellt.

Unangenehm und unpassend

So wie einige Jahre zuvor mit dem Aufkommen der Smartphones die Sitten verfallen waren und niemand etwas dabei fand, mitten im Gespräch auf seinem Telefon herumzuklicken, war in der ersten Euphorie um die Google-Brillen auch wenig von Höflichkeit oder Zurückhaltung zu spüren gewesen.

Erst nach und nach hatten sich akzeptierte Umgangsformen herausgebildet. Man setzte die Brille demonstrativ ab, wenn Diskretion oder Aufmerksamkeit signalisiert werden sollte. Gargoogles bekamen Hausverbot in etlichen Clubs und Restaurants, viele hatten Probleme mit ihren Arbeitgebern. Die Anwesenheit eines Gargoogles, von dem man nicht wusste, ob er gerade etwas in Wikipedia nachschlug oder das Gespräch am Nachbartisch live zu einer Skandalwebsite streamte, wurde als unangenehm und unpassend empfunden.

Gargoogles blieben daher fast immer unter sich, wenn sie nicht gerade loszogen, um ihre proklamiertes Recht auf permanentes Erfassen, Analysieren und Publizieren ihrer Umgebung durch provokative Aktionen an öffentlichen Orten durchzusetzen. In Minutenschnelle hatte sich das Problem mit den dysfunktionalen Brillen um die Welt ausgebreitet: Berlin, Tokio, Washington. Überall hielten die Leute gezwungenermaßen inne, der Alltag kam zum Erliegen. Es dauerte nur wenige Minuten, dann ergoss sich eine Flut von Twitternachrichten über die Netze, wenig später tickerten schon die Agenturen.

Verschwörung gegen Gargoogles

An die Stelle der gewohnten Navigationskarten, Kurznachrichten und Videostreams war eine dürre Fehlermeldung getreten: „Diensteverfügbarkeit eingeschränkt. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.“ Das hektische Großstadttreiben war schlagartig verlangsamt worden, als hätte jemand die Welt in einen zähflüssigen Sirup getaucht. Die selbstverständliche Verfügbarkeit von Information und Kommunikation an jedem Ort zu jeder Zeit war ausgesetzt.

Nach einigen Stunden ahnten die meisten Menschen, dass das technische Problem vielleicht doch umfangreicher sein könnte, denn die Services blieben weiter deaktiviert. Soziale Gepflogenheiten, die man längst vergessen glaubte, wurden entstaubt. Man fragte Menschen nach dem Weg, anstatt wie sonst die allwissende Maschine zu bemühen. Kontaktlisten in den Telefonen wurden wieder wichtige Hilfsmittel für Gespräche, sofern sie noch lokal auf den Telefonen gespeichert waren und nicht schon längst in der nun nicht mehr funktionierenden Cloud verschwunden waren.

Mehr zum Thema

Die Kellner in den Cafés kramten irgendwoher alte Zettelblöcke und Taschenrechner heraus. Die Älteren zeigten den studentischen Aushilfskräften, wie man ohne technische Hilfe Bestellungen aufnimmt und abrechnet. Die SilentServer-App auf der Google-Brille, die die Gesichter der Kunden erkennt, sich die dazugehörigen Bestellungen merkt, auf Wunsch die dazugehörigen Zahlungsdaten ermittelt und am Ende die Rechnung erstellt, war seit einigen Jahren in fast allen Restaurants üblich. Nach dem Google-Ausfall mussten sich Cafégäste nun wieder in Geduld üben.

Die meisten blieben aber gelassen, konnten sie doch auf die eine oder andere Weise gut nachfühlen, wie es ist, plötzlich „ohne“ zu sein. Nach knapp einem Tag fieberhafter Fehlersuche wurde das Problem schließlich gefunden - ein einfaches Update in einem von allen Datenbrillen-Netzen verwendeten Softwaremodul. Die Diskussion darüber, ob der Fehler Zufall oder Sabotage war, wogte noch Monate durch die Nachrichten. Die Gargoogles glauben bis heute an eine Verschwörung gegen sie.

Quelle: F.A.Z.

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Soziales Netzwerk Google degradiert Google+

Kehrtwende bei Google: Die Nutzer können bald bei Youtube auch Videos hochladen und Kommentare hinterlassen, ohne ein Google+-Profil zu haben. Der Schritt kommt einer Teilkapitulation gleich. Mehr Von Roland Lindner, New York

28.07.2015, 16:14 Uhr | Wirtschaft
3D-Brille & Co. Die Zukunft des Cybersex

Cybersex ist weltweit ein großes Thema, das kontrovers diskutiert wird. Digitale Neuerungen wie 3D-Brillen oder Televibratoren sollen die Branche revolutionieren. Doch Forscher warnen vor den Gefahren: Je realer die digitalen Welten, desto schneller können Menschen abhängig werden. Mehr

17.05.2015, 11:53 Uhr | Gesellschaft
Künstliche Intelligenz Die Waffen nieder!

Waffensysteme, die autonom über einen Angriff entscheiden? Der technische Fortschritt macht es möglich. Wissenschaftler warnen vor den Folgen – und starten eine Friedensbewegung für die Künstliche Intelligenz. Mehr Von Joachim Müller-Jung

28.07.2015, 18:03 Uhr | Feuilleton
Internet Googles Vision von der totalen Vernetzung

Aktienkurse, Katzenvideos, Nachrichten: Wer im Internet sucht, der findet - und das meist mithilfe der Suchmaschine Google. Doch der Technologiekonzern will längst mehr sein: Das Internetunternehmen hat sich selbst zum Weltverbesserer erklärt. Und schraubt schon heute an einem komplett vernetzten Morgen Mehr

10.06.2015, 10:26 Uhr | Wirtschaft
Recht auf Vergessen Google widersetzt sich weltweitem Löschen von Einträgen

In Europa gelöschte Google-Ergebnisse werden auch weltweit nicht angezeigt? Nicht mit dem amerikanischen Suchmaschinen-Giganten. Der Streit zwischen dem Konzern und der französischen Datenschutzbehörde spitzt sich zu. Mehr

30.07.2015, 21:08 Uhr | Wirtschaft

Veröffentlicht: 02.03.2013, 08:34 Uhr

Glosse

Das ist Köttelbecke

Von Andreas Rossmann

Von der Kloake zum Lebensraum: Deutschlands schmutzigster Fluss, die Emscher, soll bis 2020 renaturiert werden. Eine Köttelbecke allerdings soll als olfaktorisches Mahnmal bleiben. Mehr 4 8