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Aus dem Maschinenraum Das Wettrüsten im virtuellen Raum beginnt

Die Offensivstrategie des amerikanischen Militärs hat schon längst begonnen. Und die Bundeswehr will auf dem virtuellen Terrain nun offensichtlich auch offensiver agieren.

© dapd Vergrößern Stunex war erst der Anfang. Zurzeit werden die Strategien im sogenannten Cyberwar geändert: Fragt sich nur, ob alle Konsequenzen durchdacht wurden

Erst waren die Feinde die Russen. Schon in den achtziger Jahren versuchten sich amerikanische Militärs daran, Computerviren in damals noch sowjetische Systeme zu schleusen, die im Kriegsfall aktiviert werden sollten. Bis vor wenigen Jahren blieb die Haltung der Militärs bei Computerangriffen insgesamt eher beobachtend und überwiegend defensiv. Jetzt liegt der Fokus auf dem arabischen Raum, und die Strategien sind offensiv geworden.

“Cyber-Zar“ Howard Schmidt, der Ende Mai zurückgetretene Koordinator für Cyber-Security von Präsident Obama, sagte vor zwei Jahren noch, es gebe keinen „Cyberwar“. Zu diesem Zeitpunkt, im März 2010, hatte die Regierung schon eine virtuelle Offensivwaffe vorbereitet, wie es sie zuvor noch nicht gegeben hatte: Stuxnet.

Keine Abschreckungslogik

Kurz vor dem geplanten Angriff die Existenz des bevorstehenden Konflikts abzustreiten zeugt schon von besonderer Chuzpe. Seit David Sanger, Reporter der „New York Times“, vorigen Freitag berichtete, dass Stuxnet auf Geheiß der Regierung entwickelt wurde, ist öffentlich bestätigt, was viele ahnten: Die Offensivstrategie des amerikanischen Militärs hat lange schon begonnen. Da passt die Offensivstrategie amerikanischer Ermittlungsbehörden ins Bild: Kaum war der Stuxnet-Artikel veröffentlicht, begann das FBI mit den Ermittlungen wegen Geheimnisverrats. Ein Vorgehen, das sich seit den Wikileaks-Veröffentlichungen häuft: Der Überbringer der Nachricht wird verfolgt und die Diskussion über die militärischen Entscheidungen so weitgehend umgangen.

Doch ist Stuxnet das, was Hiroshima für die nukleare Bedrohung des beginnenden Kalten Krieges war? Eine Angriffsmacht zeigt ihre Waffen und deren Zerstörungspotential? Natürlich hinkt der Vergleich, wenn der außerordentliche Kraftakt in Los Alamos und vor allem die hohe Anzahl japanischer Opfer bedacht wird. Doch es gibt auch Parallelen: Die atomare Machtdemonstration wirkt im kollektiven Gedächtnis nach, obgleich später entwickelte Nuklearwaffen ein Vielfaches der Zerstörungskraft haben. Auch Stuxnet zeigt eine neue Form der Bedrohung, die sich in den kommenden Jahren verstärken wird. Und Hiroshima setzte ein Wettrüsten in Gang, vor dem wir im virtuellen Raum abermals stehen. Das Wettrüsten im Virtuellen wird vor allem darin bestehen, den Schwarzmarkt für noch nicht geschlossene Sicherheitslücken zu befeuern, indem Staaten mehr noch als heute als Aufkäufer agieren. In einem zweiten Schritt startet dann das Wettrennen darum, wer die Schwachstellen zuerst erfolgreich einsetzen kann.

Ein Werkzeug im industriellen Maßstab

Die Bundeswehr will offenbar auch offensiver agieren. Die Frage, nach welcher Doktrin und unter welchem Parlamentsvorbehalt, ist gerade bei virtuellen Angriffsmethoden heikel. Die These, dass die neuen Cyberwar-Werkzeuge zu mehr Frieden führen, ist gewagt. Denn es fehlt die Abschreckungslogik, schon weil die Zuschreibung weder zum Zeitpunkt des Angriffs noch bei der mutmaßlich erst nach einiger Zeit möglichen Kenntnis der Zerstörungen gegeben ist. Die Abschreckung ist auch deshalb nicht so stark, da Gegenwehr möglich ist - anders als gegen nukleare Waffen.

Während Stuxnet das Ziel verfolgte, Sabotageakte gegen iranische Nuklearanlagen zu verüben, ist die Software „Flame“ ein Werkzeug, im industriellen Maßstab über Monate hinweg zu spionieren. Es bleibt zu hoffen, dass die Fokussierung auf die im Militärjargon „kinetische Auswirkung“ genannte Zerstörungskraft virtueller Waffen in der physischen Welt, die durch Stuxnet ausgelöst wurde, durch “Flame“ relativiert wird. Denn in beiden Fällen wurde ein hoher Aufwand betrieben, dessen personelle und finanzielle Mittel jedoch auch ein Staat hätte, der nicht in die Kategorie militärische Großmacht fällt. Militärs rühmen sich gern ihrer durchdachten Strategien. Ist der Paradigmenwechsel der Anwendung offensiver Angriffswerkzeuge eine kluge, vorausschauende Vorgehensweise? Blickt man auf die Bedeutung der Netze für die zivile Sphäre, wird das kaum jemand bejahen.

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Sinnvoll wäre es, in sichere Systeme zu investieren. Kein leichtes Unterfangen, denn in vielen Bereichen wären vollständige Neuentwicklungen unter dem Primat der Sicherheit nötig. Ein Vorteil wäre das nicht nur durch den Zugewinn an Abwehrmöglichkeiten durch verbesserte Systeme, auch über den militärischen Bereich hinaus, sondern auch durch das Senken der Gefahr, durch Missbrauch oder Fehlprogrammierungen drastische Fehler mit schwer absehbaren Folgen für zivile Computer und Netze weltweit zu verursachen.

Die Hysterie um einen angeblich bevorstehenden Cyberwar, der Talsperren, Kraftwerke oder andere Industrieanlagen ins Visier rückt, ließe sich verhindern, würden die westlichen Regierungen eine defensive Taktik einschlagen. Stattdessen auf eine offensive kybernetische Kriegführung zu setzen hieße nicht nur, das Wettrüsten in Gang zu setzen. Denn für jede Demokratie stellt solch ein Vorgehen schwierige völkerrechtliche Fragen, wie sie für die beschönigend Drohnen genannten fliegenden Luftwaffensysteme diskutiert werden. Zudem ist es für den Westen geboten, wegen seiner Abhängigkeit von Computersystemen und der weitaus stärkeren Vernetzung vorsichtiger zu agieren, als es nun die Regierung Obama vormacht. Die Frage, ob die Vereinigten Staaten die Antwort auf den digitalen Angriff vertragen können, bleibt wohl nicht mehr lange rein hypothetisch.

Quelle: F.A.Z.

 
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