Vor einer kleinen digitalen Ewigkeit, Ende 2002, begann das Eigenleben eines Algorithmus, der heute kaum mehr wegzudenken ist: T9. Es ist die Abkürzung für „Text on 9 Keys“ und bezeichnet eine automatische Textergänzung, die das Tippen einer SMS auf Mobiltelefonen erleichterte. Die Eingabe der kurzen Texte konnte durch die Benutzung von T9 drastisch beschleunigt werden, da das mehrfache Drücken der mit jeweils drei oder vier Buchstaben belegten Tasten am Telefon fortan nicht mehr nötig war.
Nuance, das Unternehmen, das die patentierte Technologie erwarb und weiterentwickelte, brachte in den Jahren danach viele weitere Algorithmen auf den Markt, die Menschen das Leben beim Tippen erleichterten. Der Wechsel zwischen Sprachen wurde vereinfacht, die Wörterbücher wurden vergrößert, die Algorithmen lernfähiger - eine Notwendigkeit, kommen doch täglich allein vierzehn neue englische Wörter hinzu.
Mit den Touchscreen-Telefone zu einer neuen Variante
Es dauerte nur wenige Jahre, dann begannen Forscher, sich mit den Auswirkungen der automatischen Erkennung und Vervollständigung von Wörtern auf den Sprachgebrauch auseinanderzusetzen: Das Verfahren begünstige die Alltagssprache und verstärke häufige Rechtschreibfehler, normiere die Sprache. Der Rechtschreibhilfe in gängigen Textverarbeitungen wird ebenfalls nicht zu Unrecht eine gewisse Verarmung des verwendeten Wortschatzes angelastet. Was über ein Standard-Wörterbuch hinausgeht, wird erstmal vorwurfsvoll rot angekringelt - oder zuweilen sogar automatisch ersetzt. Natürlich kann man dem Programm seine Lieblingsvokabeln antrainieren, doch nicht viele machen sich diese Mühe.
Das Aufkommen der Touchscreen-Telefone bescherte eine weitere Variante der Sprachveränderung durch beschränkte Eingabemittel. Die Bildschirm-Tastaturen von Smartphones sind zwar nicht mehr auf die sonst typischen zwölf Tasten beschränkt, haben aber oft derart kleine Buchstabenfelder, dass nur sehr schmalfingerige Menschen sie präzise treffen können. So kommt es nicht selten zu Tippfehlern, die aber durch Software und deren „intelligentes“ Raten kompensiert werden. Meist errät der Algorithmus treffsicher aus der typischen Abfolge von Worten das wahrscheinliche Anschlusswort.
Zusammengesetzte Wörter bereiten Schwierigkeiten
Mit einer schönen und bewahrenswerten Eigenart der deutschen Sprache hat die Software jedoch auf praktisch allen Telefonen ihre liebe Not: mit zusammengesetzten Substantiven. Das Deutsche hat traditionell besonders viele mehrteilig zusammengesetzte Wörter und zusätzlich eine hohe Dosis an Bindestrich-Wörtern. Damit die Worterkennung funktioniert, muss man als Nutzer die Bestandteile separieren, was die meisten mit Hilfe eines Leerzeichens erledigen. So wird dann aus „Werbeagentur-Manager“ ganz schnell ein grausam anzusehender „Werbe Agentur Manager“.
Getestet und entwickelt werden die Algorithmen in der Regel zuerst für die englische Sprache mit ihren mehr als eine Million Wörtern und weltweit 1,35 Milliarden Sprechern. Die kennen praktisch kaum zusammengesetzte Wörter. Natürlich könnte man auf den meisten Telefonen das Leerzeichen oder einen korrekten Bindestrich auch händisch einfügen. Das erfordert jedoch meist einen Tastendruck mehr oder die Umschalttaste und stört dadurch empfindlich den Tippfluss der Zeichenersetzung.
Steigende Beliebtheit von Textnachrichten
Und hat man sich einmal daran gewöhnt, findet die technikinduzierte Falschschreibung schnell Einzug in den sonstigen Schriftgebrauch. Das altbekannte falsche Setzen des Apostrophs (im Volksmund: Deppenapostroph) wurde mittlerweile vom Agovis (Leerzeichen in Komposita, im Volksmund: Deppenleerzeichen) als beliebtester Schreibfehler überholt. Sei es aus Desinteresse, Unkenntnis oder mangelndem Sprachgefühl: In Behördenschreiben, Werbeprospekten, E-Mails, Präsentationen, auf Firmenschildern und Twitter findet sich die gähnende Leere zwischen den Wörtern tausendfach.
Und wenn man sich die Statistiken der Netzbetreiber ansieht, wird es in Zukunft wohl noch schlimmer werden. Textmitteilungen aller Art gewinnen gegenüber der Sprachtelefonie massiv an Popularität. Die nun schon altehrwürdige SMS wird zunehmend von Sofortnachrichtendiensten, Facebook-Messaging, Twitter und ähnlichen Diensten ergänzt oder abgelöst. Die kann man schließlich auch aus Meetings und Bundestagsausschüssen verschicken, ohne den Inhalt der Kommunikation allen Umstehenden zur Kenntnis zu geben. Tablets, die vom Blickpunkt der Eingabemethode her auch nur große Touchscreentelefone sind und an immer mehr Ecken den Computer mit Tastatur verdrängen, beschleunigen die Verbreitung der Sprachverhunzung weiter.
Google Instant und die Folgen
Eine andere vorausschauende Textersetzung wird wohl demnächst ein neues Niveau der Sprachveränderung einleiten: Googles Suchmaschine hatte seit 2010 zunächst nur für romanische Sprachen und Russisch begonnen, während des Eintippens das Wort automatisch zu vervollständigen. Der ebenfalls patentierte Algorithmus namens „Google Instant“ wurde zunächst nur für Google-Kunden angeboten, ist mittlerweile aber allgemein zugänglich, auch auf Mobiltelefonen und Tablets - und in weiteren Sprachen.
Auch wer nicht zu den Google-Kunden zählt oder sich nicht mit Cookies verfolgen lassen möchte, wird eine Auswirkung von Google Instant bereits kennen: Während sich die Google-Jünger freuen, wie treffsicher vorab erkannt wird, was man eintippen wollte, ärgert sich der Gelegenheitsnutzer über die oft falschen Vervollständigungen, die so gar nicht zum Gesuchten passen wollen.
Erzwungene Spracharmut
Die Sprachbeeinflussung ist hier auch noch anderer Natur: Nicht jedes bekannte Wort wird zur Ersetzung oder Vervollständigung angeboten. Von Beginn an operierte Google mit einer zensierten Wörterliste. Schimpfwörter etwa werden dem Suchenden von Google nicht angeboten, wie man an beliebigen Beispielen in allen möglichen Sprachen selbst testen kann.
2600 Wörter sollen auf der schwarzen Liste von Google stehen, doch wer weiß das schon genau? Die kanadische Rockband „Barenaked Ladies“ zählte zu den ersten Opfern. Im Deutschen stehen auch Wörter wie „bisexuell“, „Erotik“ oder „Inzest“ auf dem Index der Nichtvervollständigung. Sie gelten dem Suchmonopolisten im Netz als zu anzüglich. Wer mit welchen Kriterien die Liste der „schlechten Wörter“ erstellt und erweitert, bleibt im Dunkeln. Wann „Bundesbankscheck“ oder „Artemis“ in die schwarze Liste aufgenommen werden, ist deshalb nicht bekannt.