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Aus dem Maschinenraum (9) Biometrisches Abenteuer

 ·  Die Bundesregierung steht kurz davor, ein lange verfolgtes Projekt zu verwirklichen: den Personalausweis mit biometrischen Daten und voller elektronischer Lesbarkeit. Doch die Frage ist, wem das nützt.

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Seit Jahren schon gärt die schaurige Vorfreude auf ein politisches Technologieprojekt, das bereits mehrere Innenminister überdauert hat. Otto Schily hat es nach dem elften September in die Wege geleitet, Wolfgang Schäuble sorgte 2008 dafür, dass das Bundeskabinett es durchwinkte, Thomas de Maizière darf es nun stolz präsentieren: der neue elektronische Personalausweis mit biometrischen Daten und funkendem Chip. Für knapp dreißig Euro plus Zuschläge, verkündete er jüngst, sei das Dokument ab November erhältlich.

Den technologischen Vorläufer, den sogenannten ePass, hielt noch Schäuble in die Kameras. Nachdem in zwei Stufen 2007 und 2009 der Reisepass zum digitalen biometrischen Datenträger mutiert war, wird nun also der Ausweis elektronizifiert.

Die damit verbundene Vermessung der menschlichen Körpermerkmale für das verpflichtende biometrische Gesichtsbild und die noch freiwilligen Fingerabdrücke stießen zwar auf Widerstand. Doch wie sagte der unverbesserliche Hans-Peter Uhl, Innenexperte der CSU, schon 2006 auf die Frage, was man denn tun solle, wenn man verreisen und daher einen Reisepass möchte, aber nicht vermessen werden: „Dann bleiben Sie halt zu Hause.“ So ist das auch mit dem Ausweis. Aber was genau drauf ist auf dem Speicherchip, wird der Besitzer ohnehin nicht wissen. Eine Einsicht zum Vergleich der gespeicherten digitalen Fotos und Fingerabdrücke mit dem am Menschen klebenden Original ist bei Ausgabe des Dokuments gar nicht vorgesehen.

Die in den Ausweis eingebaute Technik wird als hochsicheres Wunderwerk gepriesen, das den analogen Bürger ins digitale Zeitalter bringen soll. Bei den Vorabvorführungen für ein Fachpublikum kam zwar zuweilen Heiterkeit ob der umständlichen Benutzung der Ausweis-Software auf. Aber man vertraut offenbar auf die Lernfähigkeit der künftigen Besitzer und auf deren guten Willen, denn nicht jede Funktion des Digitalkärtchens kommt frei Haus. Auf der Meldestelle entscheidet der Beantragende, wieviel vom digitalem Identitäts-Zauber er haben möchte und wieviel Zuschläge er dafür zu zahlen bereit ist. Darf es noch ein bisschen Fingerabdruckspeicherung mehr sein? Die erkennungsdienstliche Behandlung läuft dann nebenbei. Dadurch, dass kein Finger mehr in Tinte getaucht und auch kein Erkennungsnummernschild unter das Kinn gehalten werden muss, fällt die Erfassung kaum auf. Und die Digitalisierung der biometrischen Daten läuft unsichtbar im Hintergrund, genau wie der Zugriff der Bedarfsträger.

Das Projekt ist ein einziges Konjunkturprogramm

Die Technik und die kryptographischen Methoden im neuen Personalausweis sind komplex und vielschichtig. Der gemeine Bürger kann sich dem nur auf der Ebene von Abstraktionen nähern. Die wichtigste Annahme seinerseits ist, dass Behörden und Hersteller schon alles richtig gemacht haben werden. Die Spezifikation für die Kryptographie hinter dem System ist sogar weitgehend öffentlich dokumentiert und einsehbar, ein begrüßenswertes Novum bei staatlichen Großprojekten. Zur Beurteilung der praktischen Sicherheit im Alltag ist die Dokumentation jedoch kaum hilfreich.

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14.06.2010, 16:56 Uhr

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Von Dirk Schümer

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