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Augenzeugenbericht Ein Freund ruft an: Die Bibliothek steht in Flammen

03.09.2004 ·  Menschen bilden Ketten, um durchnäßte Bücher zu retten, Büsten der Klassiker, wie Säuglinge gewindelt, werden vorbeigetragen: Ein Augenzeuge berichtet vom Brand der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar und vom Tag danach.

Von Jochen Golz
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Der Anruf eines Freundes am Abend des 2. September gegen halb zehn: Der Dachstuhl der Herzogin Anna-Amalia-Bibliothek stehe in hellen Flammen.

Ich lege die Lektüre beiseite und bin wenige Minuten später am Haus der Frau von Stein, das der Bibliothek gegenüberliegt. Flammen schlagen aus dem Dachstuhl, weißer Rauch zieht in Schwaden über die Innenstadt. Dicht gedrängt stehen die Zuschauer davor. Keine voyeuristische Lust malt sich in den Gesichtern ab, eher tiefes Erschrecken, Angst und Sorge. Gegen 23 Uhr ist der Brand unter Kontrolle.

Menschenketten werden gebildet

Am nächsten Morgen der Gang zur Brandstätte, der Blick auf den verkohlten Dachstuhl. Helfer finden sich in großer Zahl ein, Mitarbeiter der Stiftung Weimarer Klassik und der Kunstsammlungen, Freunde der Bibliothek, Studenten, Weimarer Bürger. Menschenketten werden gebildet, denn das Gebäude muß vollständig geräumt werden. Ich bin eine Weile unter ihnen.

In Gesprächen mit Kollegen aus dem Einsatzstab bildet sich eine erste Vorstellung vom Ausmaß des Verlustes. Das Dachgeschoß war bis in jeden Winkel vollgestellt mit Bücherregalen, vor allem Bestände aus dem sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert befanden sich dort, aber auch die berühmte Musikaliensammlung der Herzogin Anna Amalia, deren allergrößte Kostbarkeiten glücklicherweise schon im Tresor des neuen Magazins lagern. All das im Dachgeschoß Aufbewahrte aber ist verbrannt, ist unwiederbringlich verloren.

Wie Säuglinge gewindelt

Das Feuer hat die Decke zum Rokokosaal durchschlagen, Löschwasser das Gebäude bis auf den Grund durchtränkt. In der Nacht bereits ist im Rokokosaal gerettet worden, was zu retten war. Büsten der Klassiker, wie Säuglinge gewindelt, werden am Morgen noch an mir vorbeigetragen. Jetzt müssen die Bücher geborgen und zur Gefriertrocknung ins Kühlhaus gebracht werden.

Doch ob kostbare Ledereinbände vor dauerndem Schaden bewahrt werden können, ist völlig ungewiß. Wenigstens aber scheinen die Kunstwerke im Saal, das große Bild des Herzogs Carl August an der Stirnseite, die Büsten, gebrechliche Zeichnungen und Aquarelle, gesichert zu sein; wenigstens besteht die Hoffnung, daß die allermeisten Bücher erhalten werden könnte. Ein leises Aufatmen, denn im Rokokosaal ruht der Hauptschatz der Bibliothek.

Der verlorene Arbeitsort

Es fällt schwer, die Gedanken zu ordnen. Der erste gilt Michael Knoche, dem Bibliotheksdirektor. Ich erschrecke zutiefst bei der Vorstellung, mir selbst würde ähnliches im Goethe- und Schiller-Archiv widerfahren. Der zweite gehört den Kollegen in der Bibliothek, die ihren Arbeitsort, den Ort ihres geistigen Daseins, wohl für lange Zeit verloren haben. Was sich sonst im Alltag an Bildern aus den Medien aufdrängt, hier ist es bedrückende Realität geworden.

Der Gedanke an die verbrannten Bücher aus dem Barock läßt Vanitasgedanken aufkommen. Die Frage nach den Ursachen mag man sich noch nicht stellen; nicht auszudenken, daß die Statik des Gebäudes insgesamt gefährdet sein könnte. Ich fühle mich einer Wurzel meiner geistigen Existenz beraubt, und dieses Gefühl glaube ich auch bei Kollegen und Freunden zu spüren, es treibt sie an, zu helfen und zu retten.

Der Rokokosaal, kahl und leer

Der Rokokosaal, Teil des Weimarer Weltkulturerbes, eine geistige Schatzkammer aus klassischen Tagen: Jetzt ist er kahl und leer, die Decke rauchgeschwärzt, das Mauerwerk durchflutet. Das Bild des unversehrten Saals steht mir vor Augen - vor Jahren war es regelmäßig auf den Seiten dieser Zeitung zu finden, hat eine große Spendenaktion ausgelöst. Wird dieses Bild wiederkehren, als Abbild einer neuen Realität?

Anfang nächsten Jahres soll der Bibliothek ein neues, bereits fertiggestelltes Tiefmagazin übergeben werden, dazu ein Gebäude mit Lesesälen und Arbeitsräumen unmittelbar gegenüber der alten Bibliothek. Abschließend sollte die Bibliothek in ein Museum des alten Buches verwandelt werden, wobei die eigentliche museale Schatzkammer der Rokokosaal bilden soll. Was lange geplant ist und sorgfältig vorbereitet werden sollte, vollzieht sich nun unter dem Druck der Brandkatastrophe in größter Eile: der Exodus der Bücher ins Kühlhaus und ins neue Tiefmagazin.

Rasch muß geholfen werden

Allen war bewußt, daß dem Rokokosaal, dieser Schöpfung der kunstsinnigen Herzogin Anna Amalia, so oder so eine sehr aufwendige Restaurierung bevorstehen würde. Jetzt aber hat das Unheil einen hohen Erwartungsdruck herbeigeführt. Es kann nicht damit getan sein, eine wetterfeste Plane über den ausgebrannten Dachstuhl zu decken. Für mich, für jeden Gast der Forschungsbibliothek, für die Freunde Weimars in nah und fern wie für die Bürger der Stadt kann es jetzt nur heißen, daß rasch geholfen werden muß.

An die Stelle des Planungsgesprächs muß sehr bald ein konkretes Wiederaufbaukonzept treten. Jeder Besucher Weimars wird sich die Frage stellen, wann er das Gebäude wieder betreten, den Rokokosaal in Augenschein nehmen kann. Für den Forscher hat die Bibliothek noch einen unvergleichlich höheren Wert. Kollegen der benachbarten Friedrich-Schiller-Universität in Jena habe ich in der Bergungskette stehen sehen. Ohne die Bibliothek fehlt der Doppelstadt Weimar-Jena ein geistiges Fundament, ein kostbarer Gedächtnisort. Lassen wir ihn gemeinsam wieder erstehen.

Der Verfasser ist Direktor des Goethe- und Schiller-Archivs Weimar und Präsident der Goethe-Gesellschaft.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.09.2004, Nr. 206 / Seite 33
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