1971 unternahm der amerikanische Psychologe Philip Zimbardo an der Universität Stanford einen makabren Laborversuch, der dem Kinodebüt des Fernsehregisseurs Oliver Hirschbiegel zugrunde liegt: Zimbardo sperrte nach dem Zufallsprinzip in Wärter und Gefangene eingeteilte Freiwillige für die Dauer von zwei Wochen in ein Schein-Gefängnis.
Nach sieben Tagen waren die Probanden psychisch derart zerrüttet, dass der Versuch abgebrochen werden musste. Genau dreißig Jahre später lässt Professor Thon, Zimbardos fiktiver Wiedergänger, im Untergeschoss einer deutschen Hochschule einen Gefängnistrakt nachbauen. Auf alarmierende Weise wird dort bereits am fünften Tag nicht nur ein zynisches Experiment enden, sondern auch ein durchweg spannender und kluger Film.
„Jede Menge Fun“ erhofft sich der pummelige Elvis-Imitator Eckert von dem Versuch, und da die Gnade des Computers ihm eine Polizistenuniform statt der Sträflingshemden spendiert, wird er nicht enttäuscht: Der von Timo Dierkes grandios widerwärtig gespielte Eckert darf am ersten Tag schon den Milchallergiker Schütte zum Milchgenuss zwingen, weil das Regelwerk es verlangt.
Moralfreier Raum
Ein „gutes Gefühl“, gesteht Eckert der Videokamera, habe er dabei, denn die Eingesperrten „machen echt alles mit.“ Das Gefängnis ist ein moralfreier Raum, da seine Insassen einzig als Datenquellen von Belang sind. Professor Thon, dank Edgar Selges unterkühlter Darstellung glaubhaft zwischen Nüchternheit und Fanatismus schwankend, glaubt zwar, das Fundament der Zivilgesellschaft rekonstruieren zu können.
Das anthropologische Kellergeschoss aber, das Thons Ehrgeiz auffinden will, ist ein blutiges Konstrukt. Während seine Kollegin Dr. Grimm (Andrea Sawatzki) noch weiß, dass die Grenzen der Menschenwürde auch die Grenzen der Wissenschaft sind und deshalb das Experiment aufgrund der epidemisch anwachsenden Gewaltexzesse abgebrochen werden sollte, sieht Thon „ungeheuer dynamische Faktoren“ am Werk, wo Individuen einander quälen.
Der Forscherblick auf den Menschen gebiert Monster, weil es dem Forscher danach verlangt. Zwei Gründe sind es, die innerhalb von wenigen Tagen Starkstrom-Elektriker, Referendare und Imbissbudenbesitzer in Sadisten verwandeln. Zum einen halten paradoxerweise sechs bindende Regeln das Gefängnisleben in permanenter Regellosigkeit.
Die Gefangenen verpflichten sich etwa, jede Mahlzeit vollständig aufzuessen. Milchallergiker Schütte, den Oliver Stokowski nuancenreich als eine sentimentale, redselige Nervensäge vorführt, reagiert im Sinne der Regelgeber, verweigert seine Milchration und entfesselt damit das Bestrafungsprogramm. Das sechste Gebot nämlich verlangt die Bestrafung von Ungehorsam, die Wärter Eckert gerne vornimmt.
Brille mit Miniaturkamera
Aus Menschen würden jedoch nicht so schnell Bestien werden, wäre da nicht der Proband Tarek Fahd (Moritz Bleibtreu). Er trägt eine Brille mit eingebauter Miniaturkamera, weil er für eine Zeitung über das Experiment berichten will. Als „Häftling 77“ provoziert er das Wachpersonal, besonders den komplexbeladenen Flugbegleiter Berus (Justus von Dohnànyi). Seinen Sadismus will Tarek in das Zentrum seiner Reportage stellen. Doch unterschätzt er die entfesselte Vernichtungslust.
Tarek, vom eigennützigen Agent provocateur zum gedemütigten Duldner gewandelt, sitzt schließlich allein in einem drei Kubikmeter großen Tresor. Seine Augen sind weiße, lidlose Flecken. Um ihn herrscht das blickdichte Nichts. Die Aufnahmen aus der „Black Box“ sind der ästhetische wie ethische Endpunkt eines handwerklich fast makellosen, inhaltlich zutiefst beunruhigenden Werks. „Das Experiment“ ist die erste deutsche Produktion dieses Kinojahrgangs, die internationalen Ansprüchen genügt.
Oliver Hirschbiegel, für seine Fernseharbeiten dreimal mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet, schuf ein komplexes Werk, das seinen moralischen Zielpunkt nicht in den finalen Überlebenskämpfen hat, sondern in Tareks Isolationshaft: Blind und einsam endet, wer sich funktionalisieren lässt. Die „Black Boxes“ sind in uns.