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Auf zur Tea Party! Satire im Kundgebungsformat

 ·  Wo liegt das wahre Amerika? Am heutigen Samstag suchen Hunderttausende Amerikaner in Washington die Antwort auf diese Frage. Kurz vor den Kongresswahlen lassen prominente Fernseh-Entertainer so ihre politischen Muskeln spielen.

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Wenn sich an diesem Wochenende Hunderttausende von Amerikanern auf der National Mall in Washington versammeln, ist das nicht etwa als Demonstration misszuverstehen. Wie der Organisator Jon Stewart seinem Fernsehkollegen Larry King erklärte, werde es nichts anderes sein als seine satirische Nachrichtensendung, die „Daily Show“, diese nun allerdings im Kundgebungsformat. So wie die Show ja auch längst im Buchformat vorliege. Vor sechs Jahren machte Stewart sich den Spaß, amerikanische Geschichte in dem Band „America (The Book)“ lustig, doch pädagogisch ambitioniert zu verpacken; seit einigen Wochen schlägt er mit „Earth (The Book)“ in die gleiche Jux-, Informations- und Bestsellerkerbe.

Wer die Bücher in ihrem ungenierten Linksliberalismus ungenießbar findet, greift zu „Broke“, dem Gegenmanifest, das der erzkonservative Politentertainer Glenn Beck soeben vorgelegt hat. Beck war es auch, der mit „Restoring Honor“, dem Washingtoner Massenauftrieb vom 28. August, Stewart zu seiner „Rally To Restore Sanity“ inspirierte, die wiederum von Stephen Colberts „March to Keep Fear Alive“ begleitet, will heißen: ironisch attackiert wird. Colbert, der für den „Colbert Report“ viermal die Woche in die Rolle des rechtsverblendeten Moderators schlüpft, hat natürlich auch Bestseller vorzuweisen, darunter denkwürdige Titel wie „I Am America (And So Can You!)“ und „I Am Philosophy (And So Can You!)“.

Demagogisch ohne jeden Skrupel

Ob bei Beck, Stewart und Colbert das wahre Amerika anzutreffen wäre, ist so kurz vor der Kongresswahl die Preisfrage. Keine Debatte kann es darüber geben, wen die Buchhändler lieben müssten: Von Glenn Beck dürfen sie sicher mehr erwarten als von seinen politischen und professionellen Widersachern. Denn statt nur mit eigenen Schriften für Umsätze zu sorgen, hält er gern auch seine neuesten Lieblingsbücher in die Kamera und treibt so Verkaufszahlen in die Höhe, wie es sonst nur noch Oprah Winfrey vermag. Demagogisch ohne allen Skrupel, zeigt er keine Hemmung, als Geschichtslehrer der Nation aufzutreten. Dazu hat er eine virtuelle, durchaus profitorientierte „Beck University“ (www.glennbeck.com/becku) gegründet, die seine Radio- und Fernsehsendungen ideologisch untermauern soll, jedenfalls dort, wo Bibel und Verfassung nicht ausreichen.

So ist er zu einer Leitfigur der Tea Party aufgestiegen, jener alles andere als einheitlichen Bewegung, die eher von Gefühlen als von Ratio beherrscht wird. Ihr liefert er die spekulativen Präparate für Katastrophenvisionen von einem Kommunisten im Weißen Haus, von der Verknechtung des Individuums im Namen des „common good“, des Gemeinwohls, und vom Abdriften des Landes in eine Tyrannei, die ihn immer wieder an Hitler und die Nationalsozialisten gemahnt. Namen und Buchtitel, die lange weder im intellektuellen Diskurs noch in der populären Vorstellung von Bedeutung waren, werden von ihm wie Geheimtipps zum Studium empfohlen.

Hayek ist das größte Vorbild

Für Beck, den Apokalyptiker und Verschwörungstheoretiker, der, wie die „Washington Post“ gezählt hat, zusammen mit seinen Gästen in den ersten vierzehn Monaten seiner Fernsehsendung bei Fox News 172 Mal den Faschismus heraufbeschwor, 134 Mal die Nazis, 115 Mal Hitler, und sich selbst in seiner Jagd auf Progressive mit Nazijägern vergleicht, gibt es keinen wichtigeren Denker und Mentor als Friedrich August von Hayek. Beck pries Hayeks „Weg zur Knechtschaft“ als „rechten Haken“, der dem Sozialismus verpasst werde, wie es ein Mike Tyson in seiner Glanzzeit im Ring getan hätte.

Dabei war der österreichische Ökonom Hayek, der vor Hitler über London nach Amerika geflüchtet war und seine Warnung vor einer Staatsplanung, die nur im Totalitarismus enden könne, im letzten Kriegsjahr herausbrachte, nicht ohne Bedenken gegenüber dem Konservatismus, in dem er keine Richtlinien für eine dauerhafte Entwicklung zu entdecken vermochte. Auch aus der Wettbewerbsgesellschaft wollte er nicht alle sozialen Regungen und Einrichtungen verbannen, solange sie nur den Wettbewerb unangetastet ließen. Für Beck aber ist lediglich bedeutsam, dass Hayek den Sozialisten vorwarf, sie stürzten den Westen in eine Tyrannei, die den totalitären Regimes in Deutschland und der Sowjetunion gleichkäme. Und da er sich nicht scheut, Obama, den Kommunismus und die Tyrannei in einem Atemzug nennen, kann er die Thesen des Wirtschaftswissenschaftlers wie eine göttliche Offenbarung weiterreichen. Dass Hayek 1974 den Nobelpreis bekam, wird nicht verschwiegen, ganz im Gegensatz zu seiner Hinwendung zu dem chilenischen Diktator Augusto Pinochet.

Vermeintliche Weltverschwörung von Kommunisten und Illuminaten

Verglichen mit Frédéric Bastiat, einem anderen Favoriten des Fernsehrevolutionärs, sind Hayek und dessen Lehrmeister Ludwig von Mises, der ebenfalls ein überraschendes Comeback erleben darf, geradezu gemäßigte Pragmatiker. In seinem Aufsatz „La Loi“ hat der französische Politiker und Ökonom die Erhebung der Steuern, auch wenn sie für den Bau von Straßen und Schulen ausgegeben würden, als staatlich sanktionierten Diebstahl bezeichnet. So geschehen vor 160 Jahren.

Vor Beck bekannte sich zu Bastiat auch Margaret Thatcher, die es anscheinend aber versäumte, an W. Cleon Skousen Gefallen zu finden. Ihm gehört die verhältnismäßig neue Stimme unter Becks wiederbelebten Fundamentalliberalen. Skousen, vor vier Jahren verstorben, war in seinem antikommunistischen Eifer selbst seinen mormonischen Glaubensbrüdern und -schwestern nicht ganz geheuer, stand dafür aber hoch in Gunsten der rechtsextremen John Birch Society, die sich ihr Credo als Reaktion auf eine vermeintliche Weltverschwörung von Kommunisten und Illuminaten zusammengezimmert hat. An Skousens „5000 Year Leap“ und „The Making of America“ schätzt der Mormone Beck besonders, dass der Wille der Gründerväter, für eine Trennung von Staat und Kirche zu sorgen, angezweifelt und jede staatlich finanzierte Sozialleistung als Sünde bezeichnet wird. Naturrecht und eine vom „Schöpfer selbst“ stammende Gesetzesordnung sollen die Fundamente des Staates bilden.

Abstrusität ist Programm

Es versteht sich, dass Ayn Rand mit ihren radikallibertären Romanen „Atlas Shrugged“ und „The Fountainhead“ wieder hoch im Kurs bei einer Glaubensgemeinschaft steht, die den Markt von sämtlichen Staatsfesseln befreien will und die gesetzliche Krankenversicherung für verfassungswidrig erklärt. Aber wie Rands elitärer Dünkel mit dem Abscheu der Tea Party vor allem, was irgendwie nach Elite aussieht und klingt, zu vereinbaren wäre, bleibt eines jener unlösbaren Rätsel, die im politischen Klamauk dieser Tage gar nicht mehr wahrgenommen werden. Abstrusität ist Programm, wo die biblische Aufforderung, der Mensch solle sich die Erde untertan machen, dazu benutzt wird, die Klimaerwärmung als heidnischen Aberglauben zu enthüllen.

Beck und seine Getreuen wappnen sich für den inneramerikanischen Kulturkampf. Der entstaubte Skousen ist da in mancher Hinsicht noch ungefährlicher als ein aktueller konservativer Theoretiker wie Dinesh D'Souza, der in „The Roots of Obama's Rage“, seiner neuesten Kampfschrift, dem Präsidenten eine antikolonialistisch geprägte Wirtschaftsfeindlichkeit unterstellt und sie auf die Erfahrungen von Obamas Vaters in Kenia zurückführt.

Unerschütterlich im Glauben an die Bedrohung Amerikas

Immerhin: Wenn Newt Gingrich, demnächst vielleicht republikanischer Präsidentschaftskandidat, D'Souzas Hypothese prompt unter die Leute bringt, regt sich sogar in republikanischen Kreisen sacht Unbehagen. Als „epistemische Abschottung“ wird von einigen ihrer umsichtigeren Denker inzwischen die Tendenz beschrieben, jeden intellektuellen Zweifel auszuschließen und nur noch auf die Durchsetzung unantastbarer Dogmen zu dringen.

Glenn Beck ist unter diesen Mahnern nicht anzutreffen. Wie die Mehrheit der Tea Party erweist auch er sich als unerschütterlich im Glauben an die Bedrohung Amerikas durch eine „Neue Weltordung“, der sich Obama schon unterworfen habe. Zugleich wird der Präsident verdächtigt, Wirtschaftskrisen zu erzeugen, um dann leichter die diktatorische Macht an sich zu reißen. Dagegen kann es im wutdurchtränkten Dunstkreis der Tea Party nur eine Lösung geben: Dagegen muss die zweite amerikanische Revolution ausgerufen werden.

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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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