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Attentat vom 20. Juli 1944 Ein hohes Paar des Widerstands

20.07.2011 ·  Ihre Namen werden selten genannt, dabei gehörten Heinrich Graf Lehndorff und seine Frau Gottliebe zu den tapfersten Gegnern des NS-Regimes. Ein Gespräch mit Antje Vollmer über ihr Buch „Doppelleben“.

Von Maria Frisé
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Wir haben jetzt in Ostpreußen eine wichtige Adresse“, schrieb Helmuth James von Moltke an seine Frau Freya. Steinort war tatsächlich für die Verschwörer des 20. Juli 1944 wichtig und als Treffpunkt geradezu ideal. Das Schloss lag sechs Kilometer von „Mauerwald“, dem Hauptquartier des Heeres, entfernt und nur vierzehn von der „Wolfsschanze“, dem Führerhauptquartier, und noch wichtiger, es war unverdächtig: In einem Flügel des imposanten Komplexes hatte sich der Außenminister Joachim von Ribbentrop mit seinem Stab luxuriös einquartiert, im anderen wohnte weiterhin der junge Gutsbesitzer und Reserveoffizier Heinrich Graf Lehndorff mit seiner Frau Gottliebe und den drei kleinen Töchtern. Er war als Ordonnanzoffizier von Generalfeldmarschall von Bock in die Attentatspläne eingeweiht und der wichtigste Kurier zwischen Stauffenberg, Tresckow und dem Bendlerblock. Da er häufig als Verwalter seines Gutes Sonderurlaub bekam - mit mehr als fünftausend Hektar war es eines der größten und schönsten Ostpreußens -, konnte er oft an den Lagebesprechungen des Außenministers teilnehmen und wertvolle Informationen weitergeben.

Drei Jahre lang führten die Lehndorffs unter höchster Spannung ein perfekt getarntes Doppelleben. Einen Tag nach dem Attentat wurde Heinrich Graf Lehndorff verhaftet. Wenig später kam Gottliebe ins Gefängnis, dort, im Gefängniskrankenhaus von Torgau, gebar sie ihr viertes Kind. Der Vater der kleinen Tochter wurde nach mehrfachem Verhör unter Qualen, ohne einen Mitwisser verraten zu haben, am 4. September 1944 in Berlin-Plötzensee gehenkt.

Ein eindrucksvolles Denkmal

Obwohl er einer der Mutigsten war, der alles gewagt hatte und bereit gewesen war, sich zu opfern, wird sein Name bei den alljährlichen Gedenkfeiern im Bendlerblock nur selten genannt. Seit zwei Jahren erinnert aber ein mächtiger Findling im Park von Steinort, das heute Sztynort heißt, an ihn. Er wurde an Lehndorffs hundertstem Geburtstag eingeweiht. Etwa fünfzig Menschen hatten sich eingefunden, darunter der ehemalige polnische Botschafter in Deutschland Janosz Reiter und der Leiter der Wojewodschaft Olsztyn (Allenstein). Der deutsche Widerstand gegen die Diktatur der Nationalsozialisten habe der Solidarnosc Mut gemacht, auch dann noch, als alle Machtfaktoren gegen sie standen, sagte Reiter.

Antje Vollmer hat Heinrich Graf Lehndorff mit ihrem Buch „Doppelleben“ (F.A.Z. vom 20. September 2010) ein anderes, aber nicht weniger eindrucksvolles Denkmal gesetzt. Wir haben uns im Berliner Literaturhaus getroffen. Sie erzählt von ihrer ersten Reise nach Ostpreußen. Eine kleine Freundesgruppe hatte sich zusammengefunden: Vera, eine der vier Lehndorff-Töchter, der Dirigent Christian Thielemann, der Kunsthistoriker Kilian Heck und Karin Dönhoff, eine Nichte Lehndorffs. Das weitläufige Schloss inmitten der masurischen Seen steht noch, notdürftig gesichert. Ob es mit deutscher und polnischer Hilfe eine Gedenkstätte für das „andere Deutschland“ und ein Ort der Begegnung werden könnte? Gottfried Kiesow hat dafür unlängst seinen Nationalpreis gestiftet. Einige der auf abenteuerliche Weise geretteten und zum Teil kürzlich erst wiederaufgetauchten Kunstschätze könnten dann an den Ort zurückkehren, von dem sie stammen.

Der Widerstand war nach dem Krieg ein „Unthema“

Antje Vollmer nennt es einen Glücksfall, dass Vera Lehndorff ihr die unveröffentlichten Aufzeichnungen von Gottliebe sowie das Tonband mit einem Gespräch zwischen Mutter und Tochter anvertraute. Mit dem Widerstand im Dritten Reich hatte sie sich schon lange beschäftigt, als Theologin an erster Stelle mit Dietrich Bonhoeffer, aber auch mit den verfolgten sozialdemokratischen und kommunistischen Gruppen, mit Einzeltätern wie Georg Elser, den Studenten der Weißen Rose oder dem Kreisauer Kreis und schließlich auch mit dem militärischen Widerstand. Warum das „Wissen um diesen Teil unserer Geschichte im Bewusstsein der meisten Deutschen nie Kernbestand der eigenen Identität“ wurde, ist für sie eine wichtige Frage, auf die es keine eindeutige Antwort gibt.

„In den ersten Jahren nach dem Krieg war der Widerstand ein ,Unthema', das könnte eine der unbefriedigenden Erklärungen sein“, gibt sie zu bedenken. „Zu viele hatten mitgemacht oder untätig abgewartet, während andere ihr Leben eingesetzt hatten. Scham, so lange den Verführungen Adolf Hitlers verfallen gewesen zu sein, wäre eine weitere Erklärung. Aber auch die Tatsache, dass Gegnerschaft im Inneren eines Gewaltregimes immer verdächtig ist und von den meisten nicht akzeptiert wird, während der radikale Bruch, der Weg ins Exil, eindeutiger scheint.“ So blieben die Verschwörer lange Zeit für die einen, wie Hitler sie beschuldigt hatte, „Verräter“, für die anderen störende Mahner oder potentielle Kollaborateure. Es ist bezeichnend, dass die Hinterbliebenen der hundertfünfzig Hingerichteten oder durch Selbstmord Gestorbenen erst Anfang der fünfziger Jahre eine Rente erhielten.

Ein Buch gegen das Vergessen

Bereits vor dem 20. Juli 1944 hatte es Dutzende von vergeblichen Attentatsversuchen gegeben. Sie prägten sich aber kaum ein. Stauffenberg, Moltke, Tresckow, Bonhoeffer - die vier Namen stehen für die Opposition gegen die Hitlerdiktatur, die vielen anderen rückten namenlos in den Hintergrund. „Doppelleben“ habe sie geschrieben, um dem Vergessen vorzubeugen, sagt Antje Vollmer. Sie ist überzeugt, dass der 20. Juli nicht nur eine symbolische Tat war. „Es war eine letzte Chance. Wäre das Attentat gelungen, hätten Millionen Soldaten und Zivilpersonen nicht sterben müssen.“ In den folgenden Monaten starben mehr Menschen als insgesamt in den Kriegsjahren davor.

Die gängige Meinung über den 20. Juli, die auch einige Historiker teilen, lautet: Das Attentat kam zu spät, es wurde von einer kleinen Gruppe, noch dazu meist adliger, konservativer und oft nicht einmal ausdrücklich demokratischer Nazigegner geplant und ausgeführt. Antje Vollmer gibt zu, dass sie anfangs ähnlich dachte. „Davon habe ich aber ganz und gar Abschied genommen“, sagt sie, „denn damit wird ein Stück Geschichte einseitig und mit diffamierenden Unterstellungen interpretiert.“ Erst über die persönliche Geschichte eines Einzelnen habe sie das Ausmaß der „Operation Walküre“ begriffen. „Es sollte ja tatsächlich ein Umbruch und ein Neuanfang sein, an dem alle gesellschaftlichen Gruppen beteiligt sein würden.“

Im betonierten Pharaonengrab

Wichtig war für sie, den Hintergrund zu verstehen, der die Widerstandskämpfer befähigte, so entschlossen und mutig zu handeln. Den Vorwurf, sie seien rückwärtsgewandt und keine Demokraten gewesen, findet sie absurd. „Einerseits trifft es auf die meisten nicht zu. Der Vater von Heinrich Graf Lehndorff hatte sich zum Beispiel in einem Manifest entschieden für die Weimarer Republik eingesetzt. Und andererseits sind nach dem Krieg so viele Nationalsozialisten brave Demokraten geworden, warum sollten ausgerechnet die Widerstandskämpfer zu dieser Entwicklung nicht fähig gewesen sein?“

Hunderte von Dokumenten hat sie gelesen, auch die erschreckend wahnhaften Wutmonologe, mit denen Hitler in seinem Bunker, dessen Decke auf acht Meter verstärkt war, sie nennt ihn „betoniertes Pharaonengrab“, seinem übermüdeten Stab bis in die frühen Morgenstunden traktierte. Was war das für ein Mensch, wollte sie wissen, der, unfähig, die Wirklichkeit wahrzunehmen, keinem traute, keinem zuhörte und sich in dieser total abgeschotteten Welt der „Wolfsschanze“ eingegraben hatte, wo er über das Leben von Millionen entschied? Die Verschwörer kamen einfach nicht mehr an ihn heran, er trat ja nirgendwo öffentlich auf. Und doch suchten sie immer wieder eine Gelegenheit für ein Attentat, trotz Stacheldrahts, Barrikaden und der immer präsenten Leibgarde.

Wand an Wand mit Ribbentrops Gestapoleuten

Antje Vollmer wollte herausbekommen, wie verbrecherische Menschen denken und phantasieren. „Anders kommt man nicht an den Punkt, um ihr obsessives System aufzubrechen.“ Sie ist mit diesem Interesse auch schon in Gespräche mit Terroristen gegangen. Den Obsessionen Hitlers und der Hitlerleute stellte sie die Motive, Strategien und Reaktionen der Verschwörer gegenüber. Dazu gehörte auch das Private.

Die Aufzeichnungen von Gottliebe Lehndorff waren für sie eine einzigartige Quelle: „Keine andere Frau der Verschwörer war so involviert, so präsent im räumlichen Sinn“, sagt sie. In Steinort, Wand an Wand mit Ribbentrops SS- und Gestapoleuten, musste Gottliebe täglich ihr Gesicht wahren, um sich und ihre Familie, aber auch die Verschwörer zu schützen. Alle wichtigen Gespräche, auch zwischen den Eheleuten, fanden nur auf Spaziergängen im Wald, bei Ausritten und Bootsfahrten auf dem Mauersee statt. Manche Besucher kamen stets bei Dunkelheit. Informationen wurden mündlich mitgeteilt.

Durch einen Eid auf den Namen eines Verbrechers fühlte er sich nicht gebunden

Lehndorff war verschwiegen, auch um niemanden zu gefährden. Einmal bereitete er seine Frau auf das vor, was geschehen könnte, wenn man ihn festnehmen würde. Er wusste, welche Methoden des Folterns die Gestapo anwandte, um Geständnisse zu erzwingen und Namen von Verschwörern zu erfahren. Zu seinen Aufgaben gehörte - außer Kurierdiensten und Übermittlungen von Nachrichten aus Ribbentrops Lagebesprechungen - der Versuch, Mitverschwörer zu gewinnen. Er trat sogar an Himmlers opportunistischen Adjutanten, SS-Obergruppenführer Karl Wolff, heran.

„Wir brauchen das Wissen“, sagt Antje Vollmer, „dass es auch einige Mutige gab, die handelten und Verantwortung für den Lauf der Welt übernahmen. Es gab die Möglichkeit zum Dissens, auch gegen das eigene Milieu, es gab die Möglichkeit zum Widerspruch, wenn auch der Preis hoch war.“ Lehndorff ist für sie so eine Figur. „Kein Held, keine Lichtgestalt, dazu war er viel zu nüchtern und pragmatisch. Auch das Soldatische lag ihm wenig. Er war eher ein Naturbursche, ein passionierter Landwirt, der das von seinem exzentrischen Onkel heruntergewirtschaftete Gut wieder hochbringen wollte.

Doch als ihm die Frage gestellt wurde, ob er für den Widerstand zur Verfügung stünde, zögerte er keinen Augenblick und erfüllte seinen Auftrag umsichtig, zuverlässig und ohne jedes Pathos. Moralische Zweifel, ob man Hitler töten dürfe, unter denen einige aus Moltkes Umkreis litten, plagten ihn nicht. Durch einen Eid auf den Namen eines Verbrechers fühlte er sich nicht gebunden. Er war wie Stauffenberg, Tresckow und viele andere überzeugt: Um größeres Unheil zu verhindern, musste man töten, musste man schuldig werden.“ Die Theologin Antje Vollmer erinnert daran, dass auch Männer der Kirche wie Bonhoeffer und Martin Niemöller so gedacht haben.

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