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Atomabrüstung Obama und das Atomzeitalter

06.04.2009 ·  Wo bleiben die Sondersendungen der Nachtstudios? Warum schweigen die Philosophen? Welcher Bischof ruft zum Dankgebet? Der amerikanische Präsident kündigt eine Welt ohne Kernwaffen an. Und keiner hört hin.

Von Jürgen Kaube
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„Dein erster Gedanke nach dem Erwachen heiße ,Atom‘.“ So begann am 13. Juli 1957 ein Beitrag des Philosophen Günter Anders in dieser Zeitung. „Denn du sollst“, hieß es in testamentarischem Sound weiter, „deinen Tag nicht mit der Illusion beginnen, was dich umgebe, sei eine stabile Welt. Was dich umgibt, ist vielmehr etwas, was morgen schon ein Gewesenes sein kann, ein Nur-Gewesenes; und wir, du und ich und unsere Mitmenschen, sind vergänglicher als alle, die bis gestern als vergänglich gegolten hatten.“

Es war die Möglichkeit, die gesamte Menschheit mittels Atombomben zu töten, die Anders und zur selben Zeit einer ganzen sozialen Bewegung vor Augen stand. Jedenfalls vor dem inneren Auge. Wie realistisch jene Vorstellung vom Gesamtweltenbrand, der Auslöschung von buchstäblich jedweder menschlicher Existenz durch einen Atomkrieg je war, wurde selten gefragt.

Wollen, fordern, träumen

Den Eindruck, den das Thema damals machte, hat das nicht geschwächt. Konrad Adenauers Diktum, taktische Atomwaffen seien „beinahe normale Waffen“ und „nichts weiter als eine Weiterentwicklung der Artillerie“, markiert den Anfang der bundesdeutschen Protestchronik. Ein Dreivierteljahr nach Anders’ Essay versammelten sich in Hamburg 150.000 Demonstranten im „Kampf gegen den Atomtod“. Ein Jahr zuvor hatten die „Göttinger 18“, eine Gruppe von „Atomwissenschaftlern“, eine Erklärung zugunsten eines Verzichts der Bundesrepublik auf nukleare Rüstung verfasst, die im Rückblick als ein erster Impuls hin zur Studentenbewegung von 1968 erscheint. Eine ganze Epoche hatte man durch diese Problemlage charakterisieren wollen, die Rede war vom „Atomzeitalter“, weil von derselben Quelle zugleich Vernichtung und endloser Energieüberfluss in Aussicht gestellt wurde.

Man muss so historisch erzählen, denn heute ist der erste Gedanke nach dem Erwachen keinesfalls „Atom“. Wir können den Abstand zur jüngstvergangenen Ideen- und Gefühlswelt geradezu an der Echolosigkeit dieses Wortes ermessen. Sie geht so weit: Als der amerikanische Präsident Barack Obama am Sonntag in Prag verkündet hatte, sein Land wolle die Führung beim Abbau nuklearer Waffenarsenale übernehmen, gab es dort Jubel, ansonsten freundliche Resonanz. Ein ganz wichtiges Signal sei das, so Angela Merkel. In die Schlagzeilen schafften es die Vorschläge Obamas; je nach Couleur hieß es, der Präsident wolle eine atomwaffenfreie Welt, er fordere sie oder er träume von ihr.

Verblasste Apokalypse

Doch in den Kommentarspalten herrschte zumeist entweder Ruhe, oder es wurde auf den Unterschied zwischen Worten und Wirklichkeiten, zwischen den Ankündigungen und der Lage, zwischen dem Ideal und dem Kleingedruckten hingewiesen. Einzig die Zeitung „Welt“, deren Schlagzeile den Präsidenten träumen ließ, rang sich zu einer ganz entschiedenen Mitteilung durch: Obama irre, eine atomwaffenfreie Welt sei nicht sicherer, sondern gefährlicher als die heutige.

Ganz gleich, wie man zu dieser Behauptung steht: Sie war, obzwar nur eine schwache, aber doch wenigstens überhaupt eine Erinnerung an jene Zeiten, in denen ein solcher Vorschlag von einem amerikanischen Präsidenten völlig undenkbar gewesen wäre. Wer in den siebziger Jahren aufwuchs, ist groß geworden mit dieser Undenkbarkeit. An ihr verbrauchten sich aber offenkundig auch die apokalyptischen Motive. Die Arsenale nahmen nicht ab, im Gegenteil, die Verbreitung der nuklearen Waffen nahm sogar zu, doch die negative Naherwartung stellte sich nicht ein.

„Ist die Atombombe nicht eine Waffe, von der man sagen muss, ihre bloße Existenz, ihr Potenzial sei unverträglich mit den Bedingungen der Zivilisation?“, so hatte der Leitartikler der „Neuen Züricher Zeitung“ am Tag nach dem Abwurf von Hiroshima geschrieben. Doch wenn eine solche Existenz mehr als ein halbes Jahrhundert lang andauert, scheint eine besondere „Verträglichkeit“ vorzuliegen. Atomwaffen sind der seltene Fall, in dem das bloße Zuhandensein der Waffe bestimmender wurde als ihr Gebrauch. Außerhalb darauf spezialisierter Kreise wurde die Haltung zum Undenkbaren darum allmählich in Indifferenz und Wertereden umgewandelt. Anders hatte diese Art von Gefahr „überschwellig“ genannt: zu groß und zu andauernd, um wahrgenommen zu werden.

Schwellenängste

Zur kompakten Beschreibung „Atomzeitalter“ kann sich schon lange niemand mehr durchringen, die Hauptgefahren wechseln gegenwärtig im Wochentakt: Wirtschaftskrise, Klimawandel, demographische Entwicklung, Energieversorgung. Und die Behauptung, das „Atom“ stehe fürs Ganze einer möglichen Vernichtung, ist selbst zu einer Behauptung über einen besonderen Fall geworden. Die meisten Krisenbeschreibungen haben außerdem eine ökologische Form auch dort angenommen, wo es gar nicht um Natur geht. Das Schlimmste erwartet man nicht mehr von politischen Ereignissen, sondern vom unrevidierbaren Überschreiten von Schwellenwerten.

Es scheint, als habe diese Geschichte der Krisenwahrnehmung Obama um die Wirkung seiner Rede gebracht. Nach Maßgabe der Vergangenheit sagte er etwas ganz und gar Unglaubliches. Die Zeitgenossen wissen das auch, aber es fällt ihnen objektiv nur Wohlwollen dazu ein. Man stelle sich vor, Gorbatschow hätte die Auflösung der Sowjetherrschaft in Aussicht gestellt und wir hätten gelesen, das sei ein ganz wichtiges Signal.

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Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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