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Artensterben : Masse Mensch

Alles verdorrt: Bauer in Thailand. Bild: dpa

Der Mensch ist eine Marginalie im Naturhaushalt. Und verschlingt doch alles. Das gefährlichste Ungeziefer von allen, wie die erste globale Biomasse-Bilanz zeigt. Eine Glosse über die Kunst der Verdrängung.

          Der Sommer lächelt schon, und dass die Erde ein schöner Ort ist, der nicht überall und jederzeit von Ungeziefer befallen ist, gehört zu den glücklichen Feststellungen über die Natur, die wir nicht jeden Morgen neu bewusst machen müssen. Der tägliche Horror, den etwa die invasive Eichenspinnerraupe – vulgo: „Zombie-Raupe“ – verbreitet, wenn sie Bäume kahlfrisst, lässt so ziemlich alle, die ihn nicht hautnah erleben und dabei den Brennhaaren der Larve zu nahe kommen, ziemlich kalt.

          Von der beklagenswerten Minderheit der Gespinntgeschädigten machen wir uns allerdings auch kein wirkliches Bild. Es sei denn, wir stellen uns vor, wie in Kafkas „Verwandlung“ selbst als Ungeziefer aufzuwachen und vom mörderischen Gespinst verschluckt zu werden. Aber wer tut sich das schon an? Als Feindbild begegnet uns die Natur derzeit sowieso fast nur noch in Gestalt des Wolfes. Der hat, kaum dass er wieder im Dunstkreis unserer Zivilisation auftaucht und seinen Hunger stillt, die literarisch für ihn vorgesehene Rolle wieder fest eingenommen. Ein Entrinnen aus dem Zwielicht ist für manche Kreatur eben unmöglich.

          Der Mensch ist krebserregend

          Anders der Mensch. Abgesehen von schaurigen Bezeichnungen wie der vom „Krebsgeschwür Mensch“, die sich halten, aber sprachlich erkennbar aus medizinisch schlecht unterrichteten Kreisen stammen, ist der Mensch mit sich im Reinen. Er hat noch stets herausgefunden aus dem Büßerhemd und füllt seine selbstgewählte Rolle im Haushalt der Natur. Im Journal der amerikanischen Wissenschaftsakademie ist diese Rolle jetzt von israelischen Forschern auf eine so eindrückliche Weise dokumentiert worden, dass die Lektüre allenfalls in kleinen Dosen empfohlen werden kann. Andernfalls könnte es uns nämlich wie Kafkas Gregor Samsa ergehen, dass uns nämlich die Verwandlung in ein Ungeziefer wirklich gelingt und wir daran zugrunde gehen.

          Die besagte Bestandaufnahme hat zum Beispiel ergeben, dass von den 550 Milliarden Tonnen organischen Materials auf dem Planeten 82 Prozent pflanzlich, 13 Prozent bakteriell, und der ganze winzige Rest – fünf Prozent – für alles andere vom Pilz bis zum Elefanten bleibt. 7,6 Milliarden Homo sapiens bringen es auf mickrige 0,01 Prozent Biomasse. Die Brisanz freilich ergibt sich weniger aus der Gewichtsverteilung denn aus der gewaltigen Wirkung unser irdischen Präsenz. Wildnis ist praktisch ausradiert. Nur noch vier Prozent der Säugetier-Masse kommt von Wildtieren, das Hausvieh und der Mensch stellen 96 Prozent. Seit Beginn der Zivilisation sind 83 Prozent der Landsäugetiere, 80 Prozent der Meeressäuger und die Hälfte der Pflanze verschwunden. Berechtigterweise ließe sich an der Stelle einwenden, dass die historischen Daten zum Wildtierbesatz lückenhaft sind. Sicher ist allerdings auch, dass die Datensammler noch gar nicht zum Kern der Misere vorgedrungen sind.

          Der Mensch ist nämlich, wie amerikanische Ökosystemforscher nun durchblicken lassen, für viele der anderen Geschöpfe offenbar nicht nur tödlich, sondern mit all seiner Chemie-, Licht- und Plastikverschmutzung auch krebserregend. Nur hat die Krebsgeschwülste in der Natur bisher niemand gezählt. Erst mal aber kommt der Sommer.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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