14.06.2005 · Die Auswahlkommission der Art Basel favorisiert vor allem solche Galerien, die schwer vermittelbare Projektvorschläge einreichen und vergibt in jedem Jahr den mit insgesamt 50 000 Franken dotierten Baloise-Kunstpreis an je zwei Nachwuchskünstler: In diesem Jahr sind es Ryan Gander, der die Koje seiner Galeristin Annet Gelink aus Amsterdam gestaltete, und Jim Drain, vertreten bei der New Yorker Galerie Greene Naftali.
Von Catrin LorchWenn die Museumsdirektoren, Kunstbeauftragten und Kritiker der Jury durch den Messegang flanieren, wird Michael Beutler wohl schon wieder fort sein: Dann hat alles funktioniert, ungesehen haben der Städel-Absolvent und sein Helfer dort die sperrige Gerätschaft installiert, die aus selbstklebender, kräftiger Aluminiumfolie Röhren dreht; mit Stroh gestopft sehen sie aus wie gigantische Zigaretten. Man kann die vier Meter langen Säulen stapeln und schichten wie Baumstämme. Das hat den Künstler auf die Idee gebracht, die Koje seines Galeristen Michael Neff aus Frankfurt in ein silbern schimmerndes Blockhaus zu verwandeln.
Michael Beutlers Prototypen aus Lattenholz, Schrauben und Klebeband verbinden Erfindergeist und Bastelfreude: Die von ihm ersonnenen Gerätschaften können als deckenhohe Kurbelspulen Umzugskisten aufwickeln oder aus alten Stoffen und etwas Verpackungsmaterial dekorative Riesen-Mikadostäbe zaubern. Verkauft wird schlußendlich alles: die angehaltene Technik und ihre gesamte Produktion. Schon einmal vor zwei Jahren hatte Michael Neff seinem Künstler einen Messestand überlassen - bei der ersten Londoner "Frieze" gehörte er zu den wenigen Galeristen, die sich auf den teuer bezahlten Quadratmetern eine Einzelposition leisteten: Jetzt wurde Michael Beutler für eine Statement-Koje der Art Basel ausgewählt.
Schwer vermittelbare Positionen
Diese Kojen sind der Ort für solche Einzelauftritte. Programmatisch hat die Auswahlkommission erklärt, daß sie aus den mehr als zweihundert Galerien, die Projektvorschläge einreichten, vor allem solche fördert, die sich mit schwer vermittelbaren Positionen bewarben: Catherine Bastide aus Brüssel beispielsweise. An ihrem Stand wird der Amerikaner David Colosi sein Projekt "Ed Kienholz owes me 2/5c" fortführen. Er plant ein eigenes Mausoleum in der Art der Grabstätte des verstorbenen Künstlers: Nach der Messe soll es tatsächlich für immer begraben werden. Auch den Stand des New Yorkers Andrew Kreps sollte man besuchen, bevor die Kunst unsichtbar wird: Cheney Thompson aus Brooklyn hat die Fotografien aus Claude Monets Garten nicht ausreichend fixiert - nach ein paar Tagen im Messetrubel sollten sie sich in schwarze Rechtecke verwandelt haben.
Ryan Gander erzählt einen Rebus. Die Stimme eines jungen Mädchens füllt die in eine Black Box verwandelte Koje seiner Galeristin Annet Gelink aus Amsterdam. Offensichtlich sitzt die Sprecherin in einem Tonstudio, ihr Monolog ist von Pausen unterbrochen wie ein Gespräch; offensichtlich folgt ihr Redefluß unhörbaren Anweisungen. Als sie endet, beginnt eine Filmsequenz - die Luftaufnahme einer Limousine, auf verschneitem Feld. Weder Fußstapfen noch Reifenspuren verraten, wer das Auto dort zurückgelassen hat. Die Kamerafahrt nähert sich dem Wagen in dem gleichmäßigen Tempo, in dem Kriminalfilme auf Tatorte fokussieren - doch das Geheimnis bleibt in der Szene eingeschlossen: Statt des erwarteten Gegenschnitts auf ein Indiz folgt Dunkelheit. Kritiker nennen Ryan Gander einen "storyteller", der seine Geschichten in Kleinanzeigen, in Fragebögen oder in fiktiven Radiosendungen versteckt. Die Arbeiten des noch nicht Dreißigjährigen wurden in London bereits als Gegenentwurf zu der objektfixierten, marktgängigen Kunst der Young British Art gesehen. So steckt sein Buch "Appendix" voller nichtrealisierter Produktvorschläge: Ryan Gander imaginiert Filme und Schallplattenveröffentlichungen mitsamt Presseecho und "Sudden White", ein Playstation-Spiel in der reduzierten Ästhetik des Bauhauses.
Vergünstigungen und Preise für Nachwuchskünstler
Solche konzeptuellen Arbeiten sind schwer verkäuflich, und in der Regel ist der Kunstmarkt kein Ort dafür. Nicht so in Basel, das sich seit Jahren nicht nur die kojenkleinen Einzelausstellungen zu reduzierten Standgebühren leistet, sondern dort nun zum sechsten Mal auch den renommierten Baloise-Kunstpreis vergibt. Der Jury um Martin Schwander von der Schweizer Versicherung gehören neben Museumskuratoren wie Christoph Heinrich von der Hamburger Kunsthalle oder Edelbert Köb, dem Direktor des Museums Moderner Kunst in Wien, auch die Züricher Sammlerin Cristina Bechtler und James Lingwood von der Organisation Artangel in London an.
Mit insgesamt 50000 Franken wurden bislang jeweils zwei Nachwuchskünstler - sie dürfen nicht älter als vierzig Jahre sein - unterstützt; außerdem ist mit der Auszeichnung ein Ankauf für ein Museum oder eine Institution verbunden. Der letztjährige Preisträger hieß Tino Sehgal, der Deutschland in diesem Jahr bei der Biennale in Venedig vertritt - spätere Berühmtheiten wie Gregor Schneider, Kara Walker, William Kentridge, Jorge Pardo oder Pierre Huyghe zeigten Statements, bevor sie weltberühmt wurden. Auch für Galeristen ist die Koje im ersten Stock ein attraktiver Auftritt auf der weltweit wichtigsten Kunstmesse - für viele der erste, nachdem sie häufig schon an der "Liste" teilgenommen haben, das ist die in Basel parallel stattfindende Messe für junge Galerien in einer ehemaligen Brauerei am Rheinufer.
In diesem Jahr stammen jeweils fünf der siebzehn ausgewählten Künstler aus den Vereinigten Staaten und aus England, neben drei Statements von Deutschen. Ein zweiter Schüler der Frankfurter Städelschule hat es in die illustre Runde geschafft. Alexander Wolff war vor zwei Jahren bereits mit seiner Wiener Galerie Mezzanin auf der Baseler "Liste" vertreten. Seine schlichten schwarzen Möbel und Mobiles sind für einen doppelten Nutzen entworfen: Auf der Messe sind sie Skulpturen, als Bühnenbild rahmen sie ein Tanztheaterstück. Auch Ian Kiear, vertreten von der Alison Jacques Gallery aus London, war mit seiner Bank schon bei der "Liste" zu Gast; das senfgelbe Rautenornament auf ihrer Sitzfläche ließ sie wie ein gelegtes Tafelbild auf vier Stelzen erscheinen. Seine Gemälde, Zeichnungen oder Architekturmodelle sind leise und unauffällig - fast romantische Entwürfe für eine Welt jenseits der Epochen und Stile, die er beispielsweise als "Melnikov-Project: Pravda Worker's Club" lose an den großen Entwürfen der Avantgarde vertäut.
Nostalgischer Chic der klassischen Avantgarde
Die Kunst besinnt sich derzeit auf klassische Gattungen - Malerei, Skulptur, Zeichnung -, und die junge Generation favorisiert dabei ironischerweise häufig die Experimente der Vorkriegszeit: Reflexe der ausgehenden Moderne, die Abstraktion beherrscht, Duchamp begreift und sich neue Tätigkeitsfelder wie Architektur, Typographie und den Film erschließt: ein Fundus, aus dem sich Künstlerinnen wie die Berlinerin Katja Strunz, die mit ihrer ebenfalls aus Berlin stammenden Galeristin Giti Nourbakhsch anreist, und die in Schottland lebende Katy Dove bedienen. Das hat nostalgischen Chic - so die geometrischen Halbreliefs und konstruktivistischen Wandskulpturen aus dunklem Holz oder Metall, aus denen Katja Strunz ihre dreidimensionalen Raumbilder zusammenfügt. Eine Wand von Katja Strunz erinnert diffus an die Kräfteverhältnisse von Kandinskys Gemälden und wird, wie ein Stilmöbel, auch schon mit Patina angeliefert.
Die wasserfarbenbunt gehaltenen Video-Animationen von Katy Dove sind in ähnlichem Sinn anachronistisch, wenn sie direkt an den abstrakten Experimentalfilm der zwanziger Jahre anschließen, Hans Richter oder Oskar Fischinger sind als Vorbilder sichtbar. Katy Dove animiert ihre Aquarelle und Zeichnungen im Computer zum geometrischen Ballett, häufig von eigenen Kompositionen begleitet. Während die Avantgarde der Filmfrühzeit jedoch die Realität programmatisch aus dem Trickfilm verbannte, touchieren Katy Doves organisch-geschwungene Flächen das Figurative vorsätzlich, schon weil sie sich vom Rhythmus der Atmung oder der Vogelschwingen inspirieren läßt.
Mit Anmut und Formempfinden
Der Amerikaner Wade Guyton wurde in Europa im vergangenen Jahr durch seine Teilnahme an der Ausstellung "Formalismus" im Hamburger Kunstverein bekannt. Dort zeigte er neben einem mit goldbronzierten Spiegeln verkleideten Paravent aus hohen Stelen auch seine konstruktivistisch reduzierten Bilder. Sie sehen aus, als hätte er mit vorsichtigem Strich und Schablone die Balken und Geometrien auf das Leinen gesetzt - die auratischen Konstruktionen kommen jedoch aus dem Computer, und Wade Guyton hat die Unregelmäßigkeiten provoziert, indem er das grobe Leinen mit Gewalt in den Printer stopft.
Wenn der Dreiunddreißigjährige das klassische Design eines Eisenrohrstuhls mit leichter Hand zur freischwingenden Skulptur verdreht und Kunstkataloge mit schwarzen Balken und Kreuzen unkenntlich macht, stellt er sich nicht schlicht in eine Tradition: Mit Anmut und Formempfinden destruiert der New Yorker, was ihn fasziniert. Seine Berner Galeristin Francesca Pia präsentiert die verdruckten und geschwärzten Buchseiten zwischen meterbreiten Glasscheiben. Als auseinandergerissene Einzelblätter finden sie hinter Glas zu einer verstreuten Ordnung; der Rückgriff sieht aus wie ein Florilegium, das seinen Blüten die Blätter ausgerissen hat.
Siebzehn Kojen also sind es, die spannend aussehen werden. Ihre Auswahl überzeugt auch im Verhältnis zum vergangenen Jahr, als viele der Statements mangels Qualität ungehört verhallten: Künstler wie Wade Guyton, Michael Beutler oder Ryan Gander sprechen eine deutlichere Sprache.