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Arnulf Baring zum Achtzigsten Der erste Wutbürger des Staates

 ·  Streikbrecher, Republikaner, Patriot? Bei genauerem Hinsehen kann das Feindbild Arnulf Baring schnell zerspringen. Über die Souveränität und das Tempo eines Professors und leidenschaftlichen Außenseiters.

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Es muss in einem Wintersemester gewesen sein, Mitte der neunziger Jahre, da hatte der Berliner Historiker Arnulf Baring seinen Sohn mit ins Seminar gebracht, offenbar ein Babysitter-Engpass zu Hause. Der kleine Junge spielte neben dem Pult seines Vaters, während der Grundkurs um ihn herum über historisch-politische Kontroversen der Bundesrepublik diskutierte, als plötzlich ein Student hereinstürmte und „Baring, du Streikbrecher!“ ins Megaphon schrie, „Solidarität!“, „Alle mitkommen!“, etwas in dieser Art, bis er verstummte und auf den blonden kleinen Jungen starrte und auf den Mann mit der gleichen Frisur daneben und nicht richtig zusammenbekam, was er da sah, und als die Studenten sitzenblieben, vermutlich, weil sie ihrerseits zu fasziniert waren von dem, was sie da sahen, ging er einfach wieder.

Baring hat einen Hang zur Anekdote. Lieber aus Episoden als aus Theorien leitet er ab, was er nur vorsichtig eine historische Erkenntnis nennen würde (weil Baring skeptisch ist, wie lange die Dinge halten, nicht nur Erkenntnisse, auch Koalitionen, Währungen, Staaten). Seine Studenten lernten von ihm, in der Geschichte auf Nebensachen zu achten, weil die irgendwann keine mehr sein könnten, spätestens dann, wenn man aufschreiben muss, wie es war: die Serviette, auf der Churchill und Stalin die Welt in Ost und West teilten. Dass Ostersamstag war, als auf Dutschke geschossen wurde. Welche Farben Margaret Thatchers Handtaschen wann hatten. Und wie ein später Vater, der fast schon spontihaft seinen Sohn mit zur Arbeit nimmt, kurz das Feindbild zerspringen lässt, ein autoritärer Wutbürger zu sein.

Historiker auf Umwegen

Nach dem Detail zu suchen, aus dem sich das größere und immer komplizierte Ganze besser verstehen lässt, in Bildern zu denken, Begriffe zuzuspitzen: Das also lernten die Studenten bei ihm. Und: als Historiker sich selbst und andere nicht zu langweilen, sondern zu erzählen. Unbedingt mal den Schreibtisch zu verlassen, um zu reisen, nach England, Japan oder in die Vereinigten Staaten, seit dem Mauerfall dann vor allem in den Osten Europas, wohin Baring Studenten mitnahm, die er fördern wollte: ins Haus von Paul Celan nach Czernowitz zum Beispiel. Zum Brobowski-Gedichtelesen in die Dünen der Kurischen Nehrung. Nach Jalta oder durch Herta Müllers Siebenbürgen. Oder ins Büro einer jungen ukrainischen Politikerin, die damals noch keiner kannte, Julia Timoschenko.

Noch auf dem Flughafen, beim Heimweg, plante Baring die nächste Tour. Vermutlich, weil er so oft in die Gegenwart aufbricht und sich nie aus ihr heraushalten wollte, hat dieser Zeithistoriker vor allem Journalisten ausgebildet. Sie arbeiten in allen deutschen Redaktionen - und sind weniger Schüler in dem Sinne, wie er selbst ein Schüler des Juristen Karl August Bettermann gewesen ist. Baring kam als promovierter Jurist auf Umwegen (unter anderem über den WDR) zu den Historikern ins Friedrich-Meinecke-Institut der FU Berlin und habilitierte sich mit einer 1969 erschienenen Arbeit zur „Außenpolitik in Adenauers Kanzlerdemokratie“. Er hat es zu seinem Vorteil gemacht, ein Außenseiter zu sein in einem Fach, das von Ordinarien beherrscht wird und in dem die Uhren langsam gehen - seine Souveränität und Schnelligkeit war anziehend.

Ruhe ist verdächtig

Berühmt hat Baring dann 1982 sein Buch über den ersten „Machtwechsel“ der Bundesrepublik im Jahr 1969 vonder CDU zur SPD gemacht. Und berüchtigt, muss man wohl sagen, die essayistischeren danach: vor allem das über die gerade wiedervereinigte Bundesrepublik, „Deutschland, was nun?“(1991). Darf man behaupten, wie Baring es in diesem Buch tat, dass die DDR ihre Bürger „verhunzt“ und „verzwergt“ hat? Baring ist seitdem mit allen möglichen Namen belegt worden, Streikbrecher war dagegen noch freundlich. Er selbst würde sich wohl einen Republikaner nennen, einen Patrioten. Und immer wieder: Bürger.

Kritik und Proteste haben ihn nie abgehalten, seine Meinung zu sagen (zuweilen sehr, sehr laut). Bis heute ist er oft in Talkshows, man wüsste nicht, was Sandra Maischberger ohne ihn täte und ohne die Zuverlässigkeit, mit der Baring sich dann in ihren Runden aufregte über Euro, Renten, deutsche Außenpolitik, die Kanzlerin. Wenn es zu ruhig wird, ist ihm das verdächtig. Noch so ein Detail, aus dem man ein ganzes Leben ableiten kann.

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Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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