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Roman von Arno Frank : Die Gespenster der Autoroute

Die Flucht der Familie Frank führt mit geklautem Geld aus der Pfalz über die berühmte Autoroute du Soleil bis nach Nizza und von dort weiter nach Portugal – und wieder zurück, ins Nichts Bild: AFP

Der Journalist Arno Frank hat die Geschichte seiner Familie in einen Roman verwandelt: über seinen Vater, der ein Hochstapler war, und ein Leben quer durch Europa auf der Flucht vor Interpol – und vor der Realität

          Die Mutter lutscht am Daumen. Die kleine Schwester steckt Gummibärchen in Leberwurst oder mischt Petersilie und Senf unter vergammeltes Hundefutter und lässt dann alles verwesen. Der kleine Bruder will sich nicht mehr von seinen Schwimmflügeln trennen, obwohl die Luft längst aus ihnen raus ist und die Haut darunter weiß und wund.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Luft ist aus allem raus.

          Aber der Vater gibt noch nicht auf. Ihm fällt immer doch noch mal etwas Neues ein – woher Geld kommen könnte, wohin es damit gehen könnte. Er zieht seine Familie und zwei Hunde mit sich und hinter sich her: aus der Pfalz an die Côte d’Azur und von dort nach Guarda in Portugal und über Lissabon wieder zurück nach Norden, nach Paris, und weiter, heim in die Pfalz und gleich wieder nach München und von dort über Erding im Bus mit dem allerletzten 50-Mark-Schein an die Endstation – in ein Gasthaus in einem namenlosen Ort in der bayerischen Provinz. Wo die Polizei an ihre Zimmertür klopft. Und der Trip vorbei ist.

          Unweigerlich wird die Traumwelt explodieren

          Der Journalist Arno Frank hat die Geschichte seiner Familie in einen Roman verwandelt: „So, und jetzt kommst du“ erzählt die Geschichte eines Jungen unter den denkbar abenteuerlichsten, gefährlichsten, desolatesten, freiesten, kaputtesten Umständen. Ein Thriller, eine Familientragödie, ein abschüssiger Bildungsroman: All das steckt in dieser wahren, erfundenen Geschichte, die Arno Frank seinem wahren, erfundenen Ich von damals in den Mund legt, damit er sie uns erzählt – einem Jungen, dem nach und nach klar wird, dass sein Vater ein Verbrecher ist, ein Betrüger, und dass die Traumwelt, in die er seine Familie zieht, unweigerlich explodieren wird. Wenn das Geld aus ist. Oder wenn Interpol zuschlägt. Es ist die Geschichte der Familie Frank, die in Arno Franks Buch auch die Familie Frank heißt.

          Die Geschichte dieser Familie beginnt vergleichsweise harmlos, ungefähr 1984: Da handelt der Vater noch in der Pfalz mit gebrauchten Autos oder mit Zeug, Hirschgeweihe aus Kunststoff, Radiergummis mit Bürsten, das kein Mensch gebrauchen kann, das der Vater aber versucht, lauter Menschen anzudrehen. „Es steht eben jeden Tag ein Dummer auf“, so erklärt der Vater es seinem Sohn, das ist sein Geschäftsprinzip und wohl auch sein Lebensmotto. „Es gibt eben Dummköpfe. Man muss sie nur finden. Oder, besser noch, sich von den Dummköpfen finden lassen.“

          Arno Frank in seiner Wohnung in Wiesbaden
          Arno Frank in seiner Wohnung in Wiesbaden : Bild: Frank Röth

          Der Sohn ist noch zu jung, um zu verstehen, wie der Trick funktioniert: dass sich sein Vater die Realität schönredet, dass er die Verantwortung für das, was er tut, jenen übergibt, denen er das antut. Vielleicht ist auch Sündenstolz dabei, oder einfach die kreative Kraft des kriminellen Selbstentwurfs, jedenfalls trägt die Illusion eine fünfköpfige Familie immer weiter in die Sonne. „Schuften müssen nur die Idioten“, sagt der Vater etwas später, da leben die Franks in einem Haus mit Pool an der Côte d’Azur; der Vater ist mit dreihunderttausend Mark abgehauen, Geld, von dem er eigentlich Gebrauchtwagen für seine Geschäftspartner kaufen sollte – jetzt wirft er es nur so um sich bei allerschönstem Sonnenschein. „Das Geheimnis ist, dass alle bescheißen“, so redet er sich jetzt den Himmel blau. „Mal mehr, mal weniger. Das ist die Wahrheit. Je früher du auf den Trichter kommst, umso besser.“ Der Sohn hört zu, nickt, plappert nach, ahnt vielleicht was, aber die Nachmittage vor dem Fernseher und die ständigen Schulwechsel und die teuren Geschenke sind zu verführerisch. Und er ist ja noch ein Kind.

          Der Text zerreißt einem das Herz, weckt Mitleid, Furcht

          Arno Frank, geboren 1971, früher Redakteur der „tageszeitung“, für die er immer noch schreibt, hat seine verwandelte Lebensgeschichte also „Roman“ genannt. Wie viel wahres Ich und echtes Leben hält die Fiktion aus, um noch als Fiktion durchzugehen? Das fragt sich die Literaturkritik ja immer mal wieder. Die Bücher, um die dann gestritten wird (zuletzt von Knausgård, Ferrante, Melle, Alexijewitsch), interessiert die Frage nur, wenn sie sie an sich selbst stellen, sie wollen sonst nur gelesen werden, und die Leser, die das tun, interessiert die Frage vermutlich auch nicht. Am Ende sagt einem sowieso immer der Text, was er ist. Und der Text, den Arno Frank geschrieben hat, zerreißt einem das Herz, weckt Mitleid und Furcht und alle möglichen widersprüchlichen Gefühle, man rast wie die Familie Frank Richtung Süden und zurück und wieder nach Süden durch die dreihundertzweiundfünfzig Seiten und hofft, dass die Familie nie gefasst wird. Oder dass sie doch endlich gefasst wird.

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