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Armut in Deutschland : Die alte soziale Frage

  • -Aktualisiert am

Die Armen sind unter uns Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Grenzen der Leistungskraft des Wohlfahrtsstaats zeichnen sich am Horizont ab. Damit kehrt auch die alte Feindschaft zwischen Arm und Reich zurück, die frühere Gesellschaften in ihrer Existenz bedrohte.

          Während die Nachrichten weit mehr als hunderttausend Tote und Millionen zerstörter Existenzen in Indonesien, Thailand, Sri Lanka und auf zahllosen Inseln der Region melden, müssen die zum Jahresende veröffentlichten Berichte über Armut in der deutschen Wohlstandsgesellschaft und in der Welt in den Hintergrund treten.

          Wo die Statistik bei weniger als neunhundert Euro im Monat von Armut spricht, bedarf es angesichts des Elends in der übrigen Welt einer besonderen Anstrengung, um sich das Drama der Armut in der Wohlstandsgesellschaft vor Augen zu führen. Die Zahlen des Sozialberichts der Bundesregierung geben nur dürre Hinweise.

          13,5 Prozent Arme

          Die Statistik nennt immerhin 13,5 Prozent Arme unter der Gesamtbevölkerung und auf der anderen Seite beachtliche 1,6 Millionen Bürger die mehr als fünfhunderttausend Euro besitzen, eine halbe Million mehr, als 1998 gezählt wurden. Man kann dieses vage Gesamtbild, wie es der Sozialbericht tut, in viele Aspekte auffächern, als wichtigste Tatsache aber muß die Vergrößerung des Abstands zwischen Arm und Reich erscheinen. Man kann von Deutschland kaum mehr als von einer sozial homogenen Gesellschaft sprechen.

          Wer die weitere Öffnung der Schere zwischen Arm und Reich ernst nimmt, wird auch Zweifel haben, ob diese Entwicklung in absehbarer Zeit zum Stillstand kommen oder sich gar umkehren wird. Wo die Hälfte der Arbeitslosen unterhalb der Armutsschwelle lebt, liegt es nahe, auf konjunkturelle Veränderungen zu hoffen, die einen Teil von ihnen wieder in Arbeit bringen wird. Diese vagen Hoffnungen werden allerdings durch die gleichzeitig veröffentlichten Berichte über Armut und Arbeit im Weltmaßstab nicht ermutigt. Das Internationale Arbeitsamt zählt im Jahr 2003 186 Millionen Arbeitslose weltweit 1,4 Milliarden „working poor“, also Arbeitende, deren Einkünfte unterhalb der Armutsgrenze lagen. Fast jeder zweite Arbeitnehmer lebt danach von weniger als zwei Dollar pro Tag.

          Entwicklung auf Kosten der Arbeit

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          Angesichts der zunehmenden Verlagerung von Arbeitsplätzen in Länder außerhalb der westlichen Wohlstandsgesellschaften, die zum Jahresende von manchem Anhänger der Globalisierung als bedeutender Fortschritt gefeiert wurde, läßt sich absehen, daß diese Entwicklung auf Kosten der Arbeit in den klassischen Industrieländern fortschreiten wird. Bei den ungeheuren Unterschieden der Lebensniveaus dürfte die Globalisierung Jahrzehnte brauchen, bevor es wieder zu einer gewissen Balance kommen wird.

          Man wird also eher mit einer gleichbleibenden oder steigenden Arbeitslosigkeit und Armut in Deutschland rechnen müssen. Die in diesen Tagen im Zusammenhang mit „Hartz IV“ immer wieder bekundete Zuversicht von Politikern, daß die neue Regelung viele in Arbeit zurückführen werde, dürfte einem verständlichen Wunschdenken entspringen.

          Revision des Wohlfahrtsstaats

          Man muß nicht Pessimist sein, um die „Hartz IV“-Signale als das Vorzeichen einer Revision des Wohlfahrtsstaats zu deuten. Vor fünfzig Jahren stellte der soziologische Zeitbeobachter Arnold Gehlen im Stil einer unumstößlichen Wahrheit fest: „Es gibt zum ersten Male in der Geschichte der Menschheit keine im Stich gelassene Armut mehr.“ Diese Sicht war durch die amerikanische Soziologie und Gesellschaft jener Jahre geprägt und faßte einen neuartigen technologisch-ökonomischen Komplex ins Auge, dessen Leistungskraft alles Bisherige zu überbieten schien. Der Staat konnte wie nebenbei auch Leistungen übernehmen, die in früheren Zeiten diffus und durch private Mildtätigkeit erbracht worden waren. Heute sehen wir, daß Gehlens Feststellung, zumindest in ihrer globalen Dimension, eine Übertreibung war.

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