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Architekturpolitik : Die letzten Spuren der DDR

Dem Geist der historischen Rekonstruktion ein Dorn im Auge: das Hotel Mercure in Potsdam Bild: dapd

Potsdam wehrt sich gegen den Geist der neuen Bürgerlichkeit, der die letzten architektonischen Spuren der DDR aus dem Stadtbild tilgen will. In seinem Totalanspruch erinnert er fatal an die Baupolitik des Sozialismus.

          Ist einer ein Kommunist, nur weil er nicht jedes Gebäude, welches zur Zeit der DDR errichtet wurde, sofort niederreißen, abbrennen, total vernichten will? Ist einer ein alter Stasi-Depp, ein hoffnungsloser DDR-Nostalgiker, wenn er darauf besteht, dass von dem, was die DDR gebaut hat, bitte etwas stehenbleiben soll - nicht unbedingt, weil es so schön wäre. Sondern damit es uns fremd und irgendwann historisch werde. Weil es schade wäre, wenn nur die Geschichtsbücher noch von der Geschichte zeugten. Und ist einer ein ästhetischer Analphabet, wenn er bereit ist, denn einen oder anderen Bau der DDR auch elegant und interessant, womöglich schön zu finden?

          Offenbar sehen es vor allem jene Bewohner Potsdams so, welche sich irgendwann darauf geeinigt haben, dass die Garnisons- und Residenzstadt der Preußenmonarchie zur Hauptstadt einer neuen Bürgerlichkeit werde. Diese Leute, unter ihnen bekannte Fernsehmenschen und die Helden des sogenannten Boulevardjournalismus, haben in den letzten Wochen heftig gegen ein Haus demonstriert, welches in Potsdam neben dem Fluss und dem Lustgarten steht, am Rande einer Asphaltfläche, die zu Kaisers Zeiten auch schon schöner war.

          Es ist das Hotel Mercure, 1969 als Interhotel errichtet, ein Bau mit 17 Stockwerken, angenehmen Proportionen und einer bescheidenen Fassade. Ein reicher Mann aus Westdeutschland wollte, was eher eine monarchische als eine republikanische Geste war, das Haus niederreißen und auf dem Gelände eine Halle für seine Kunstsammlung bauen lassen. Potsdams Neubürger waren begeistert. Es gab aber Widerstand, der reiche Mann zog sein Angebot zurück - verbiesterte Linke haben dafür gesorgt, dass die Stadt nicht schöner werden darf.

          Es kann nur schlechter werden

          Was daran so nervt, ist die Selbstgewissheit, mit welches alles, was einigermaßen modern aussieht, für hässlich, alles was Säulchen und Stuck und nicht mehr als vier Stockwerke hat, für schön erklärt wird - und wer das womöglich anders sieht, kann nur ein ganz verstockter Linksabweichler sein. Was daran so gedankenlos ist, das ist die totale Übereinkunft, dass, was vor der Moderne kam, gewissermaßen die naturwüchsige Gestalt unserer Städte sei. Und was die Moderne daran verändert hat, sei nur als Störung und Zerstörung zu werten. Man wolle die historische Stadtgestalt wiedergewinnen, heißt es: Aber was, wenn nicht historisch, ist uns denn die DDR, mehr als zwanzig Jahre nach ihrem Untergang?

          Vermutlich ist es nur der Nebeneffekt dieses pseudobürgerlichen Geschmacks- und Geschichtstotalitarismus: dass die Spuren der DDR aus den Innenstädten verschwinden. Das ist in Dresden so, wo von der Prager Straße kaum noch etwas zu erkennen ist. Das ist in Berlin so, wo das modernistische Hotel Unter den Linden Platz machen musste für die stumpfe Baukasten-Architektur von Gerkan, Marg und Partnern, die so tut, als wäre es für immer das Jahr 1912.

          Was dann aber nichts anderes ist als der brutale Sozialismus, der Schlösser und Kirchen sprengte, zum Zeichen, dass die Herrschaft von Adel und Klerus überwunden sei. Wie man es richtig macht, kann man, zum Beispiel, im Münchner Haus der Kunst erfahren. Man sieht dem Bau an, dass ihn die Nazis errichtet haben. Und man sieht der Nutzung an, dass die bösen Geister ausgetrieben sind. Das Haus abzureißen, bloß weil es hässlich ist: Das wäre lächerlich.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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