22.05.2007 · Ein Landwirt bittet den renommierten Schweizer Architekten Peter Zumthor in die Provinz und lässt sich von ihm eine moderne Kapelle errichten. Hinterher verzichtet der Architekt auf sein Honorar. Eine schöne Legende? In Wachendorf in der Eifel wurde sie Wirklichkeit.
Von Andreas RossmannHohe Kirchtürme, die den Dörfern den Mittelpunkt geben, Wegkreuze und Marienkapellchen, Votivtafeln und Pietàs am Straßenrand - die Eifel ist eine „gesegnete“ Landschaft, in der sich bedeutende Klöster erhalten haben und durch die alte Pilgerwege ziehen. Einer von ihnen, benannt nach dem Apostel Matthias, führt auch durch Wachendorf; bis nach Trier, wo das Grab liegt, sind es noch vier Tagesmärsche. Ein Schloss gibt es hier, eine mittelalterliche Wasserburg, in der bis vor ein paar Jahren Anhänger des Dalai Lama, der einmal auch zu Besuch kam, ein buddhistisches Konvent unterhielten, doch die Kirche teilt sich die nur fünfhundert Einwohner große Gemeinde mit Antweiler, dem Nachbarort, der einen Kilometer entfernt liegt.
Seit dem Wochenende aber hat Wachendorf eine Kapelle. Nicht unten im Dorf, sondern etwa zehn Minuten südwestlich davon den Hügel hinauf. Als erratischer Block ragt sie, zwölf Meter hoch und in sandfarbenem Ton, aus dem Dinkelfeld, für einen Wehrturm, einen Silo und einen Campanile wurde sie schon gehalten. Trutzig und erhaben behauptet sie ihre Eigenheit und nimmt in ihren Proportionen doch Rücksicht auf die grüne, wellige Landschaft.
Der Weg des Architekten in die Provinz
Es ist das neueste Opus des Schweizer Architekten Peter Zumthor, und wie der hierhergefunden hat, erzählte, schon lange bevor es fertiggestellt war und gesegnet wurde, eine schöne Legende. Die Felder hier oben gehören Hermann-Josef Scheidtweiler, der in Wachendorf den Heidehof besitzt. Vor langer Zeit schon hatte der siebzig Jahre alte Landwirt den Plan gefasst, den er 1998 am Ende eines Sonntagsspaziergangs seiner Frau Trudel eröffnete. Hier, „auf eigenem Grund“, wollte Scheidtweiler, der in der Katholischen Landjugendbewegung groß geworden ist, deren Schutzpatron, dem heiligen Nikolaus von Flüe (1417-1487), genannt Bruder Klaus, Friedensstifter, Mystiker und Einsiedler in den Schweizer Bergen, eine Feldkapelle errichten: „zum Lobe Gottes und der Erde“ und „aus Dankbarkeit für ein gutes Leben“. Auf der Suche nach einem Architekten stieß er in dieser Zeitung auf einen ihm unbekannten Namen, der sein Interesse weckte: Wurde es hier doch als „Glücksfall“ bezeichnet, dass Peter Zumthor den Wettbewerb für das Diözesanmuseum Kolumba in Köln gewonnen hatte.
Scheidtweiler schrieb nach Haldenstein bei Chur, wo Zumthor lebt und sein Büro hat, und fragte an, ob er nicht Lust habe, ein „Plänchen“ zu entwerfen. Die Antwort kam fast postwendend und ebenfalls handschriftlich, abweisend zwar, ja, fast arrogant, doch, stimmten erst einmal die Voraussetzungen, wohl nicht ganz abgeneigt: Sein Honorar sei hoch und er „der modernen Architektur verpflichtet“, schrieb Zumthor, Nikolaus von Flüe aber sei der Lieblingsheilige seiner Mutter gewesen, und Scheidtweiler und seine Frau könnten ihn, wenn er wieder in Köln sei, ja mal abholen, „wenn Sie das alles nicht geschockt hat“. Der Besuch auf dem Heidehof muss dem Architekten gefallen haben, denn kurz darauf schrieb er den Scheidtweilers wieder: „Es war ein schöner Nachmittag bei Ihnen, und wir werden versuchen, Ihnen etwas Schönes zu entwerfen.“ Doch zu sehen bekamen sie lange nichts, denn der dreiundsechzig Jahre alte Zumthor ist ein Sturkopf und Qualitätsfanatiker, der nichts übers Knie bricht.
Einweihungsfeier im grünen Feld
Als die Kapelle am vergangenen Samstag eingesegnet wird, spannt die Feuerwehr neben dem Fußballplatz von Wachendorf ein noch einmal so großes Feld ab, um darauf die vielen Autos aus nah und fern einzuweisen. Ein Traktor zieht einen Anhänger, auf dem die Alten, Gebrechlichen, Fußkranken und Kinder sitzen, und die Besucher folgen den mit Klarsichtfolie improvisierten Schildern die Anhöhe hinauf, wo liturgische Geräte und ein weißes Tuch einen Tisch in einen Altar verwandeln und im Viertelkreis fünfmal fünfzehn Reihen mit Biergartenbänken aufgestellt sind.
Die Blaskapelle aus Antweiler vertritt die Orgel, eigens aus Sachseln im Kanton Obwalden, wo Nikolaus von Flüe als Einsiedler hauste, ist Pilgerpater Josef Banz angereist, aus der Stadt Mechernich, zu der Wachendorf seit 1972 gehört, gibt sich der Bürgermeister und aus Euskirchen der Kreisdechant die Ehre, und aus Köln ist Weihbischof Heiner Koch auf den Weg gemacht, um die Kapelle zu segnen. „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“: Stimmkräftig wehen die Kirchenlieder über die grünen Felder, die Gemeinde zählt mehr Köpfe als unten das Dorf. Am Ende kann jeder einen der grauen Steine mitnehmen, die drei große Weidenkörbe füllen und aus der Schlucht, in die sich der Eremit Nikolaus von Flüe zurückgezogen hatte, herbeigekarrt wurden.
Zeltförmige Konstruktion
Die monolithische Glätte, die der Feldkapelle von weitem anzuhaften scheint, löst sich beim Näherkommen auf und gibt eine schroffe, spröde Oberfläche preis, wie sich das Bauwerk überhaupt, bedingt durch den unregelmäßigen fünfeckigen Grundriss, von jeder Seite anders ausnimmt. Das Material und die Arbeitsweise werden sichtbar: Beton, der aus Flusskies, rötlichgelbem Sand und weißem Zement besteht und in dreiundzwanzig Lagen von je fünfzig Zentimeter Höhe nach alter Handwerkstradition der Region geschichtet wurde, weitgehend in Eigenleistung von einer eigens aus Freunden und Bekannten des Bauherrn gebildeten „Stampfmannschaft“.
Die kantige Vertikale aber lässt noch keine Aufschlüsse über den Innenraum zu, der aus 112 Baumstämmen geformt wurde. Über einer Bodenplatte aus Beton zu einer zeltartigen Konstruktion aufgerichtet, wurden sie mit Beton umgossen, später drei Wochen lang einem Köhlerfeuer ausgesetzt, das sie antrocknen ließ und zum Teil vom Beton löste, bevor sie mit einem Kran von oben aus der Öffnung des „Zeltes“ herausgezogen wurden. Die hellen Abdrücke, welche die Stämme dabei hinterließen, wurden mit einem zweiten Feuer geschwärzt, ein Betonboden eingebracht und mit einer zwei Zentimeter dicken Zinnbleischicht belegt.
Tropfenförmiger Mutterschoß
Die Zeltform wird von der Eingangstür aus Stahl, einem nach oben spitzen Dreieck, über dem ein kleines Eisenkreuz hängt, aufgenommen. Der Eintritt ist eng und leicht gekrümmt, erst nach drei, vier Schritten öffnet sich der tropfenförmige Innenraum, der, nach oben offen, leicht trichterähnlich zuläuft und in den Himmel blicken lässt. Eine schmale Sitzbank aus einem Stück massiven Lindenholz, ein Kerzenständer und ein Bronzekopf von Nikolas von Flüe, gestaltet von dem Schweizer Bildhauer Hans Josephsohn, bilden die ganze Ausstattung.
Hinzu kommt ein Meditationszeichen aus Messingguss, das an der Wand angebracht ist: Zumthor hat es nach dem Bild eines Rades - drei Speichen zeigen als Pfeiler nach außen, drei nach innen - geformt, wie es Bruder Klaus in seiner Zelle betrachtet hat. Die Bundöffnungen im Beton, mit denen die Schalung gespannt wurde, werden durch mehr als dreihundert Glaspfropfen verschlossen, die das Außenlicht aufnehmen und absorbieren und eine ungeahnte, einmalige Atmosphäre bewirken. An eine Grotte und eine Höhle lässt der Raum denken, in dem - dunkel, bedrückend und friedlich - sich Hermann-Josef Scheidtweiler wie in einem Mutterschoß fühlt.
Das Zusammenspiel der schwarzen, nach Holzkohle riechenden Wände, des matt silbrigen Bodens, auf dem sich eine Pfütze bildet, des fernen Himmels und der kleinen glitzernden Glashalbkugeln komponieren ein bewegliches Schatzhaus des Lichts, mit dem Zumthor, der aufgeklärte Mystiker, einen Ort der Stille und der Einkehr schafft und womöglich eine neue Epoche spiritueller Räume aufschließt. So wird Wachendorf zu einem Wallfahrtsort werden, an dem Glaubenspilger zu Architekturpilgern werden und umgekehrt.
Auch die kleinen Dinge brauchen Zeit
Das Schlusswort nach dem Gottesdienst spricht der Architekt, der bei der letzten Lage des Betons selbst mit Hand angelegt und in schwindelerregender Höhe im Blaumann die Kelle geschwungen hatte. Schon früh hatte er entschieden, auf ein Honorar zu verzichten und sich nur die Unkosten ersetzen zu lassen: „Sie können mich nicht bezahlen“, erklärte er den Scheidtweilers, war er doch, wie er 2003 in einem Vortrag gestand, „durch Bruder Klaus wieder katholischer geworden“. Das Credo, das er hält, richtet sich gegen die landläufige und einst auch von seinem Bauherrn gehegte Vorstellung, so etwas würde ihm zwischen Duschen und Frühstück einfallen: „Auch die kleinen Gebäude brauchen Zeit.“ Noch für die Beurteilung seines Bauwerks möchte Zumthor sie beansprucht wissen: „Wenn ihre Kinder sich in zwanzig Jahren dagegen wehren werden, dass man es abreißt, dann ist es gelungen.“
In Wachendorf hat es von der ersten Idee bis zur Einsegnung fast neun Jahre gedauert. Von Nikolaus von Flüe ist überliefert, dass er sich für ein „Vaterunser“ einmal fünf Tage Zeit genommen hat: Für Peter Zumthor wahrlich ein Bruder Klaus.