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Architektur in Frankfurt Auf der Suche nach irgendwas, das bleibt

 ·  Bauen, so schnell wie das Internet rast: Das abrisswütige Frankfurt hat wie immer die Nase im Wind. Doch der Computer, der diesem Wettrennen der Kräne das Tempo vorgibt, hat auch Platz für die Gegner von Wegwerfarchitektur.

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Leben im freien Fall: Wie immer, wenn es um Verpöntes geht, spricht die Popmusik schamlos aus, was jedermann fühlt: „Gib mir'n kleines bisschen Sicherheit, in einer Welt in der nichts sicher scheint“, bettelt die Gruppe Silbermond und verzeichnet damit den bisher größten Hit ihrer Karriere. Die Architektur, seit je Inbegriff von Sicherheit, ist der Kronzeuge dieses Kleinmuts, der im Silbermond-Song bekennt, dass vorgetäuschte Sicherheit immerhin besser sei als gar keine. Denn in geradezu lächerlicher Folgerichtigkeit reagiert unser Bauen derzeit mit epidemischer Rekonstruktion auf die allgemeine Sehnsucht nach Bleibendem.

Beide, Musik und Architektur, antworten den Herausforderungen des Computerzeitalters: Kein Puls blieb ruhig, als Steve Jobs kürzlich den neuen iPad vorstellte. Unter anderem auch deshalb, weil das neue Gerät unsere Dauerunruhe verstärkt, immer wieder Entscheidendes zu versäumen, weil man es in den Wissensfluten des Internets gerade nicht auf dem Schirm hat. Die Furcht, mit der rasenden technologischen Entwicklung nicht mehr Schritt zu halten, flankiert von Ängsten angesichts der permanenten globalen Krisen, ist das Grundgefühl unserer Tage.

Altbauten geben uns wahren Halt

Nicht zufällig zeigt sich das ehemals kriegsverheerte Deutschland als Hochburg einer Architektur, die dieser allgemeinen Unsicherheit mit Rekonstruktionen ein Sich-in-Sicherheit-Wiegen entgegenstellt. Und es ist ebenfalls kein Zufall, dass Frankfurt dabei Vorreiter ist: Hier, wo in der Stadtmitte ein hektischer, der Moderne verschworener Wiederaufbau nahezu alle Bauten vernichtete, die die Bomben übrig gelassen hatten, entstehen derzeit Nachbauten des Verschwundenen in immer kürzeren Zeitabständen. Eine Nebeneffekt der darin aufscheinenden Panik ist die Blindheit dafür, dass selbst Frankfurt noch geschichtshaltige und damit Halt gebende Bauten besitzt.

Einer von ihnen ist die „Villa Helfmann“ am Untermainkai. Mit ihr klingt die Reihe von Villen und noblen Mietshäusern aus, in denen sich vom achtzehnten bis zum späten neunzehnten Jahrhundert begüterte Frankfurter niederließen, um die Vorteile der Innenstadtnähe mit denen der idyllischen Uferlage zu verbinden. Der Krieg hat hier große, meist mit banalen Bürobauten gefüllte Lücken gerissen. Er hat auch deutliche Spuren an der Villa hinterlassen: Von dem 1891 entstandenen Ursprungsbau sind nur das sandsteinerne neobarocke Erdgeschoss und zwei Drittel der üppig dekorierten Beletage übrig geblieben. Darüber erheben sich zwei 1952 gebaute Etagen und ein Attikageschoss. Die Materialknappheit der frühen Jahre hat dabei Schlichtheit erzeugt, keine Ärmlichkeit - die Proportionen sind maßvoll, die hölzernen Fensterkreuze fein ziseliert, die Fenstergruppen harmonisch geordnet.

Zwischen Gründerzeit, Krieg und Wiederaufbau

Wer sich vom Verfall, den zwanzig Jahre Leerstand und gezielte Vernachlässigung angerichtet haben, nicht abschrecken lässt, erkennt zweierlei in dem Altbau: die Geschichte der Stadt zwischen Gründerzeit, Krieg und Wiederaufbau - und den spröden Charme dieser alle drei Extremsituationen spiegelnden Collage. Ein sensibel sanierender Architekt könnte daraus ein Bauwerk zwischen Adolf Loos' berühmter, nobel dekorloser Prager Villa Müller von 1928 und dem barocken Torso des Palazzo Venier in Venedig machen, den die Peggy Guggenheim Collection 1947 modern ergänzte. Stattdessen steht der Abriss an: Nachdem sein Plan, dort ein Hochhaus zu errichten, scheiterte, will der Immobilienunternehmer Reza Selmi die Villa durch ein siebengeschossiges Geschäfts- und Wohnhaus ersetzen.

Das Architekturbüro Happ hat dafür einen trendigen Entwurf geliefert, die Großform ein Stabwerk aus hellem Naturstein, etagenhohe Fenster in Naturholzrahmen, ein kräftig vorspringendes oberes Gesims, darüber, nach Neuberliner Art, ein Staffelgeschoss, mit dem kaschiert wird, dass der künftige Bau nicht nur sein „Gartenhaus“ genanntes Hinterhaus, sondern auch die umliegenden Altbauten überragen wird. Besonders betroffen ist die benachbarte, zierliche „Villa Bonn“ von 1790, das letzte Bauwerk des achtzehnten Jahrhunderts am Untermainkai, das zu einem eingezwängten Zwerg degradiert würde.

Standardbau der Marke „gehobener Bedarf“

Für sich betrachtet ist der geplante Neubau gefällig und gediegen. Aber er ist einer von Dutzenden, ihm zum Verwechseln ähnlichen und profitablen Exemplaren, die seit etwa fünf Jahren in Frankfurts Innenstadt ebenso wie in München oder Köln, Leipzig, Hamburg oder Berlin entstanden sind. Mit anderen Worten: Ein Standardbau der Marke „gehobener Bedarf“ wird ein einzigartiges historisches Gebäude beiseitefegen, ein haltgebendes Bauwerk wird durch eines ersetzt werden, das trotz aller Solidität Wegwerfarchitektur genannt werden kann, flüchtig wie die Datenströme im Internet. Die Öffentlichkeit, die zunehmend lethargisch reagiert, weil dergleichen Verluste an der Tagesordnung sind, wird die Villa Helfmann vergessen. Nicht aber die diffuse Beklemmung, die ihr Verschwinden auslöst und das Gefühl, dass „nichts bleibt“, schürt.

„Sag mir, dass dieser Ort hier sicher ist“: Als die ältere und mittlere Generation Frankfurts so alt war wie die Silbermond-Musiker heute, zog der „Turmpalast“ sie an. Das Groß- und Premierenkino war Teil des ersten Apartmenthauses der Bundesrepublik, gelegen am gotischen Eschenheimer Turm im Stadtzentrum. Rings um das historische Wahrzeichen baute Frankfurt seine Zukunft in Gestalt einer Musterkollektion der Moderne. Es entstanden 1952 das „Bayerhaus“, mit schwebendem Pultdach ein Zitat von Erich Mendelsohns verbranntem „Columbia-Haus“ am Potsdamer Platz in Berlin, 1953 das Verlagshaus der Frankfurter Rundschau, dessen gläserner Treppenzylinder eine Hommage an Mendelsohns Mossehaus war, gefolgt 1955 von einem mit federleichten Segeldächern ins Wirtschaftswunder stürmenden Bankgebäude.

Leuchtreklamen sind Rettungsbojen

Den Anfang aber machte 1950 das Apartmenthaus samt Turmpalast. Als Tatort des Mordes an der Prostituierten Rosemarie Nitribitt, der sich zum größten Sittenskandal der jungen Bundesrepublik ausweitete, wurde es zu einer Sehenswürdigkeit besonderer Art. Die Architektur war spröder als die der Nachbarn - die südliche Seitenfront rhythmisiert von den innen liegenden Balkonen der Apartments, die nördliche kahl wie eine Brandmauer. Die Schaufront aber gestaltete man mit einem markanten Eckrisalit. Seine konkave Stirnseite blieb fensterlos, um Raum für Transparente und Leuchtreklamen zu gewinnen. Damals dynamische Leuchtzeichen der neuen Zeit, wecken sie noch heute Hochgefühle, sind mit dem hektisch rotierenden Strahlenkranz einer Detektei, neonblinkenden Schriftzügen samt beleuchteten Filmplakaten ein Splitter Times Square - und der allgemeinen Stimmung eine Rettungsboje im bürokratisch gesteuerten, energetisch einwandfreien Lichtermeer der neuen Energiesparlampenwelt.

„Vom Kartenabreißer haben wir am Samstag erfahren, dass der Turmpalast im Juni 2010 zumacht. Es kann sein, dass der ganze Gebäudekomplex im Zuge der Umgestaltung abgerissen wird. Man kann ohne weiteres daraus schließen, dass der Geschäftsleitung der Zustand des Kinos (zerschnittene Sitze etc.) egal ist.“ So lautet einer von vielen Kommentaren eines Internetforums zum Frankfurter Turmpalast, der als Kinocenter für Filme in Originalsprache ein Treffpunkt junger Frankfurter ist. Via Facebook hat sich inzwischen, initiiert von Architekten und Kino-Enthusiasten, eine Internet-Initiative formiert, die Widerstand gegen „die fortlaufende Zerstörung der Erinnerungs- und Identifikationsorte“ organisiert. Vorbild ist die Facebookseite der Abrissgegner des Hamburger Gängeviertels, die ihr Anliegen tatsächlich durchsetzen konnten.

Kitsch, wie er kitschiger kaum sein kann

„Ich glaube, dass die für die bauliche Stadtentwicklung verantwortlichen Politiker, Zirkel und Ämter in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren jeden Kredit verspielt haben, so dass auch beim Turmpalast mit dem Schlimmsten zu rechnen ist“, warnt ein Eintrag. Auch die Architektur des Turmpalasts leistet hinter dem Rücken der Betreiber Widerstand. Konkret: Vor einigen Monaten ließen diese die nördliche Seitenwand mit einem Wandgemälde versehen. Nach Art der perspektivischen italienischen Renaissancemalerei zeigt es Blicke in rundbogige Arkadenhöfe und auf Romeo-und-Julia-Altane. Kitsch, wie er kitschiger kaum sein kann. Doch das Werbeaperu lässt sich auch als groteske Klagemauer des Internet-Zeitalters identifizieren, in der sich die hilflose allgemeine Suche nach Halt manifestiert.

Sie hat in diesem Areal den logischen Platz, denn ringsum führt die Abrissbirne Regie - das Rundschauhaus wurde vor drei Jahren niedergelegt, ebenso sein südlicher Nachbar, der in den fünfziger Jahre erbaute und sofort zum Wahrzeichen aufgestiegene Fernmeldeturm samt einem Paketamt, dessen Halle 1956 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als „eleganteste der Bundesrepublik“ beurteilt wurde. Gegenüber dem nun bedrohten Turmpalast wartet ein schnittiges Geschäftshaus von 1962 leerstehend auf sein Verschwinden.

Dringend notwendiger Halt

Wie hier entsorgt Frankfurt in der gesamten Innenstadt momentan Großbauten der Wiederaufbaumoderne. Gegenwärtiges Prunkstück der Abschussliste ist ein Bankgebäude, das, 1947 mit elegantem Travertin, schmalkantigen Laibungen und noblen Kupferdächern errichtet, seinerzeit die Rehabilitation der eben noch verfemten klassischen Moderne war und kurz darauf ein Tagungszentrum der Währungsreform und damit Geburtsort der Bundesrepublik wurde. An seinem prominenten Standort mitten im Bankenviertel ist ein Hochhaus geplant; Höhe 160 Meter, Verkleidung (siehe Untermainkai) heller Sandstein.

Genug der Einzelbeispiele: Dass Frankfurt, wie immer der Vorreiter bundesweiter Tendenzen, die prägenden Zeugnisse der ersten Phase seiner Nachkriegsgeschichte ausradiert, ist bemerkenswert. Das eigentlich Alarmierende aber ist die Dickfelligkeit, mit der Bauämter und Immobilienunternehmen diesen Kurs gegen den Willen der Majorität durchhalten. Rekonstruktionen wiegen die Verluste nicht auf - und werden so tatsächlich zu jenem Scheintrost, den der Silbermond-Song fordert. „Gib mir in dieser schnellen Zeit irgendwas, das bleibt“: Die Verantwortlichen sollten öfter auf die iPods ihrer Kinder hören, ins Kino gehen - und im Internet die Bedürfnisse derer erforschen, in deren Namen sie handeln. Nur so lässt sich eventuell der reißende Datenfluss kanalisieren - und lässt sich nicht nur architektonisch der dringend notwendige Halt gewinnen.

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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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