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Architektur : Gleiche Sicht für alle

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Das neue „Centro Niemeyer” soll außer Ausstellungen auch Kongresse und Studienveranstaltungen beherbergen Bild: REUTERS

Die sanften Kurven von Avilés: In Asturien wurde das spektakuläre Centro Niemeyer eröffnet. Dabei schafft der weltberühmte Architekt Oscar Niemeyer so viel Raum wie möglich für unterschiedliche Gesellschaftsschichten.

          Der Meister wäre gerne zu seiner Geburtstagsfeier in die Stadt Avilés an der Atlantikküste Spaniens gekommen, wo am gleichen Tage das neue Oscar-Niemeyer-Zentrum eingeweiht wurde. Doch seit er die Grenze seiner hundert Jahre überschritten hat, verzichtet Oscar Niemeyer auf lange Flugreisen, und so verbrachte er den Tag, an dem er 103 Jahre alt wurde, in seiner Geburtsstadt Rio de Janeiro, wo er noch regelmäßig in seinem Studio arbeitet. Bei den ersten Besuchern seines letzten Werkes, des an eine Flussmündung am Meer geschmiegten Gebäudekomplexes des Kultur- und Kunstzentrums Oscar Niemeyer, meldete er sich per Filmaufnahme.

          Die Idee zu diesem Alterswerk stammt von dem großen brasilianischen Architekten selbst. Als er vor über zehn Jahren den spanischen Prinz-von-Asturien-Preis erhielt, fertigte er eine erste Zeichnung für die inzwischen gebaute Anlage an und schickte sie nach Asturien. Dort brach zunächst der übliche Streit der Lokalpolitiker aus, verschärft noch durch die Tatsache, dass die Regionalregierung von einem sozialistischen Präsidenten geführt wird, die regionale Hauptstadt Oviedo dagegen von einem konservativen Bürgermeister. Oviedo jedenfalls bestand darauf, dem geplanten Niemeyer-Zentrum Heimat zu geben, und so wählte die Regionalregierung unter Führung von Ministerpräsident Vicente Àlvarez Areces unter den drei großen Städten Asturiens - Gijón, Oviedo und Avilés - das von der Wirtschaftsentwicklung besonders hart getroffene Avilés aus.

          Architektur als Wirtschaftsfaktor

          In der zweihunderttausend Einwohner zählenden Stadt war die in der Franco-Zeit geförderte Stahlindustrie obsolet geworden und musste zum großen Teil bei den Strukturreformen in den achtziger Jahren abgebaut werden. Doch verfügt die alte Industriestadt über eine besonders reizvolle Flussmündung, in Nordspanien Ría genannt, am Atlantik. Das, und der Blick in die nahe baskische Stadt Bilbao gaben den Ausschlag: In ein enges Tal gezwungen und gleichfalls Standort aufgegebener Industrien, wurde Bilbao von Besuchern gemieden, bis es mit dem mitten im Industriehafen gebauten, spektakulären Guggenheim-Museum von Frank Gehry zu einem touristischen Anziehungspunkt in Nordspanien wurde.

          Es soll eine enge Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen geben

          Das neue „Centro Niemeyer“ soll außer Ausstellungen auch Kongresse und Studienveranstaltungen beherbergen. Die Vereinten Nationen wollen eng mit ihm zusammenarbeiten, wohl nicht zuletzt deswegen, weil Oscar Niemeyer der letzte Überlebende der Architekten ist, die das UN-Gebäude in New York errichtet haben. Merkmal des Neubaus ist, dass es nicht nur umbauten, sondern auch reichlich freien Raum bietet: Zwischen den parallel zum Fluss und den nahen Bergen sich hinziehenden Gebäuden in ihren geschwungenen, kurvenreichen, fast weiblichen Formen gibt es weite Areale, auf denen Tausende von Menschen bei Veranstaltungen unter freiem Himmel Platz finden können.

          Niemeyer ist ein überzeugter Kommunist

          Raum zu schaffen für viele Menschen unterschiedlicher Gesellschaftsschichten war immer ein Ziel des überzeugten Kommunisten Oscar Niemeyer. So sind denn in den Theatersälen alle Plätze gleich bequem und bieten von überall gleich gute Sicht. Wie bei vielen Alterswerken gibt es im „Centro Niemeyer“ manches Selbstzitat - das berühmte kelchförmige Museum für Zeitgenössische Kunst aus Niteroi gegenüber von Rio de Janeiro zum Beispiel ist in Avilés gleich zweimal vertreten.

          Der große Meister aus Brasilien, der mit Hilfe des Stahlbetons ganze Städte reformiert hat und andere, wie Brasilia, neu entstehen ließ, befindet sich, wie aus Rio zu erfahren ist, bei guter Gesundheit und hat die leichte Erkrankung vom vorigen Herbst überwunden. Es heißt, er zeichne an neuen Entwürfen.

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