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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Architektur Friedensstifter: Der Architekt der Zukunft

 ·  Wie lebt es sich im Jahr 2030? Und wie sieht der Baumeister der Zukunft aus? Antworten beim Welt-Architektenkongress in Berlin.

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Wie leben wir im Jahr 2030? Diese Frage stellten sich die Architekten auf ihrem Weltkongress in Berlin - und sie fanden durchaus positive, wenn auch nur verhalten innovative Antworten. Der Architekt der Zukunft jedenfalls soll ein sozial und ökologisch orientierter Wohltäter sein.

„Architekten helfen Menschen auf der Erde zu leben, zu wohnen, zu hausen.“ Diese Aufgabe sollten sie nach Ansicht des Altmeisters unter den Innovativen, Frei Otto, sehr ernst nehmen. Schließlich sei der Beruf wie jener des Bauern und Arztes ein klassischer Friedensberuf. Neben dem Schmieden von Waffen sei das Bauen eine der ältesten Leistungen der Menschheit, die ihr seit mindestens 10.000 Jahren zum Überleben dient.

Dienstleister und Friedensstifter

Bauten bieten nicht nur Schutz, sie beeinflussen unser Sehen, Hören, Fühlen. Sie wirken damit auf unsere gesamte Wahrnehmung. „Im Bereich der ästhetischen Innovation hat der Architekt die größte Freiheit, und die sollte er nutzen“, sagte Frei Otto, der sich seit Ende der 60er Jahre biologischen Studien widmet, um sie als Vorbild für Architektur sichtbar zu verarbeiten. Seine „schwebenden“ Dächer der Münchner Olympiabauten sind das beste Beispiel dafür.

Architekten sind und bleiben Dienstleister und Friedensstifter. Mit dieser Idee kann sich auch der 1960 in Düsseldorf geborene Christoph Ingenhoven identifizieren. Sein Büro Ingenhoven und Overdiek plant weltweit Geschäftsgebäude, aber auch Flughäfen und Bahnhöfe. Derzeit entsteht der neue Hauptsitz der Lufthansa in Frankfurt nach seinen Plänen.

Rational und doch schön

„Ich glaube, dass 2030 nicht mehr unsere Zeit sein wird“, begründete Ingenhoven seine leichte Abneigung gegenüber allzu deutlichen Prognosen. Dennoch schlüpft er in die Rolle des Vaters und erklärt, warum Architektur auch noch im Jahr 2030 wichtig sein werde. Seine optimistische Beschwörung nennt er „enthusiastischen Pragmatismus“. Mit ihren Werken sollten Architekten, so Ingenhoven, nur sehr behutsam in die Schönheit der Natur eingreifen; Bauen sei immer ein Wagnis, immer poetische Raumerfahrung, immer eine soziale und keine darstellende Kunst.

In Zukunft, glaubt Ingenhoven, werde es Gebäude geben, die ohne sekundäre Energie auskämen. Sie könnten zu Kollektoren werden. Architektur solle sanft sein und sich nicht nur formal, sondern vor allem inhaltlich an der Biologie orientieren. Architektur solle Leben in allen Bereichen erleichtern. Entschiedener als bisher müsse sie den Bedürfnissen der Nutzer dienen. Lieblose Schulkomplexe, wie sie dutzendfach in deutschen Großstädten errichtet wurden, beweisen das Gegenteil.

Berlins Schloss - eine Soap Opera

Ingenhoven will eine Architektur, die die Leute nicht beeindruckt, sondern es ihnen ermöglicht, sich wohlzufühlen. Das Berliner Stadtschloss, dessen Rekonstruktion jüngst beschlossen wurde, lehnt er folglich ab: Architektur, sagt Ingenhoven, sei keine „Soap Opera“.

Was Tradition und Innovation im wörtlichen Sinne bedeuten, wollte der 1965 in Santiago de Chile geborene Mathias Klotz für sich klären, als er begann, über das Bauen im Jahr 2030 nachzudenken: „Tradition heißt Weitergeben von Gewohnheiten. Innovation hingegen lässt zu, dass sich Dinge verändern, von denen man gemeint hat, dass sie unverrückbar sind.“ Auch Klotz geht von dem aus, was er selbst gebaut hat, wenn er an 2030 denkt. Architektur ist ein persönliches Bekenntnis, und das heißt bei Klotz: Entwicklung aus der Arbeit, nicht aus der Theorie heraus. Sorgfältiges Suchen nach den wesentlichen Punkten, der „Seele“ eines Projektes. Entwicklung im engen Dialog mit dem Nutzer.

Erster Auftrag von der Mutter

Der erste Auftraggeber war seine Mutter. Ihr stellte er eine Holzkiste auf die Klippen der kargen chilenischen Westküste. Kontrast hieß hier schon sein Motto. Das Haus könnte gelandet sein und jeder Zeit wieder abheben. Spuren blieben nicht zurück. Auch die nachfolgenden Holz- und Betonbauten mit großen Glasflächen bleiben auf Distanz zur Umgebung. Dabei spielt die 5. Fassade, das Dach, jeweils eine eigene Rolle. Auf den Spuren Mies van der Rohes betont Klotz zudem die seitliche Öffnung, so dass Innen und Außen in seinen formal schlichten Wohncontainern verwechselbar werden.

Inzwischen hat der Jungstar chilenischer Architektur Schulen und Diskotheken, private Wohnhäuser und eine Weinhandlung in Santiago gebaut. Entlang der spektakulären Terrasse, die Chile zum Pazifik hin bildet, setzt er architektonische Akzente, die mit Eleganz und Schönheit überzeugen. Zahlreiche Auszeichnungen beweisen, wie aktuell Klotz' Ansätze der Durchlässigkeit, Eigenständigkeit und strickten Nutzerdefinition sind. Dass diese Bauten recycelt werden, ist sowieso klar.

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