22.04.2002 · Jetzt bekommt auch Rom zeitgenössische Architektur: Renzo Pianos Auditorium ist der größte Musikkomplex Europas.
Von Esther Koppel, Rom„Klingt gut“, sagte der italienische Architekt Renzo Piano lakonisch, strahlte dabei aber über das ganze Gesicht. Rings um ihn herum waren die Menschen am Wochenende weitaus weniger gelassen, als das neue Auditorium der Stadt mit einem „Konzert für die Belegschaft“ inoffiziell eröffnet wurde. Elektriker und Architekten, Gärtner und Tontechniker, Bauzeichner Orchestermitglieder fielen sich um den Hals, lachten und weinten gleichzeitig und waren unendlich stolz auf die Arbeit, die sie in den letzten Jahren geleistet hatten. In ihren Ohren hatte Musik noch nie so gut geklungen.
Da steht es nun, das neue Auditorium der Stadt, eine avantgardistische Struktur mit drei Musiksälen (der größte, mit 2.700 Sitzplätzen wird im Dezember fertig gestellt werden), einer Freilichtbühne, Probe-, Konferenz- und Regieräumen, Restaurants und Geschäften - und für die Römer ist es fast ein Wunder. Und wenn Renzo Piano jetzt auch so gelassen tut, so kann er doch sicherlich nicht vergessen, wie viel Blut, Schweiß und Tränen das Projekt gekostet hat und wie oft er kurz davor war, endgültig das Handtuch zu werfen.
Seit über 60 Jahren wartet Rom auf einen Ort, an dem Musik gemacht werden kann. Die Stadt hat kaum Konzertsäle, und wenn der erste Auftritt der „Drei Tenöre“ 1990 während der Fußball-WM zwischen den Ruinen der Massenzius-Basilika im Freien stattfand, so war das sicherlich wunderschön anzusehen, aber doch eine absolute Notlösung - einen angemessenen Rahmen mit einer vernünftigen Akustik gab es in der Stadt einfach nicht. Dieser Mangel war umso schmerzhafter, als die Stadt ein Orchester von Weltruf hat - das Santa Cecilia - das bislang heimatlos war.
Praktisch alle Bürgermeister der Nachkriegszeit schmückten sich mit irgendwelchen mehr oder weniger phantasievollen Plänen, die dann aber doch alle an der Bürokratie und an Rom selbst scheiterten. Wo und wie will man in einer Stadt, die voll von Architekturgeschichte ist und in der jedes moderne Bauwerk wie die Faust aufs Auge oder zumindest wie ein Fremdkörper wirkt, einen riesigen Komplex errichten - wenn nicht irgendwo weit draußen, wo die ewige Stadt genauso hässlich ist, wie jede andere Metropole auch, wo so ein Musik-Park dann aber auch wenig mit dem eigentlichen Rom zu tun hat?
Schließlich - Mitte der 90er Jahre - fand man das geeignete Bauland am Rande der Innenstadt und auch einen Architekten, eben Renzo Piano, der sich nicht scheute, Akustik zu studieren und eine akzeptable Synthese zwischen alt und neu zu erarbeiten.
Doch 1995, als man gerade begonnen hatte, die ersten Fundamente auszuheben, kam der große Schock: die Arbeiter waren auf die Überreste einer alten römischen Villa gestoßen. Experten untersuchten die Ruinen, und nach einigen Monaten stand ihr Urteil fest: Diese Mauern aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. waren von unschätzbarem Wert und durften auf keinen Fall zugeschüttet werden. Das Auditorium drohte an Rom und seiner Geschichte zu scheitern - wie schon so viele Großbauprojekte davor und danach.
Wenn es in der italienischen Hauptstadt zum Beispiel viel zu wenig Parkplätze gibt, worüber sich jeder - zu Recht - beschwert, dann liegt das auch daran, dass man nirgends mehr als zwei, drei Meter graben kann, ohne gleich auf Überreste aus der Vergangenheit zu stoßen; Und moderne Parkhäuser sind neben dem Pantheon oder dem Kapitol natürlich auch nicht denkbar. Jeder Kilometer U-Bahn musste den Archäologen abgerungen werden, jede geplante Unterführung ist ein Glücksspiel mit der Geschichte, jede vermeintlich simple Strassenerweiterung ein Ding der Unmöglichkeit - außer man will es so machen, wie die Architekten von Mussolini, die für seine Parade- und Prachtstrasse Via dei Fori Imperiali einfach Teile des antiken Forums zubetonierten. „Das ist eben der Preis, den man dafür zahlen muss, wenn man in einer so einzigartigen Stadt wie Rom lebt“, war nach jedem Scheitern der resignierte Kommentar.
So schien auch das Schicksal des Auditoriums besiegelt, bis Piano sich zu einem gewagten Schritt entschloss: Er krempelte sein ursprüngliches Projekt komplett um und bezog die archäologischen Ausgrabungen mit ein. Mitten in dem Musik-Park, zwischen den drei Sälen, die an abnorme Skarabäus-Käfer erinnern, steht jetzt der alte römische Bauernhof mit angeschlossenem Museum. Eine perfektere Synthese zwischen Antike und Moderne wäre kaum möglich.
Schon in den letzten Wochen pilgerten Scharen von Römern zu der riesigen Baustelle - einfach nur so, um die neue Struktur zu begutachten und um davon Besitz zu ergreifen. Alle Konzerte der nächsten Zeit - „Qualitätsmusik, egal aus welcher Epoche“, lautet das Motto - sind schon ausgebucht. „Das Auditorium wird genauso berühmt werden, wie das Kolosseum“, schwärmen die Verantwortlichen in der ersten Euphorie. Sicherlich aber ist es nicht nur für Rom ein kleines Wunder, sondern auch der Beweis dafür, dass eine Stadt nicht auf ihre Wurzeln verzichten muss, um sich zu erneuern.