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Architektur Ein Idyll der Lustlosigkeit

21.09.2006 ·  Der Architekt Gottfried Böhm hat den wichtigsten Kulturbau in Potsdam seit der Wende geschaffen: das Hans Otto Theater. Das Ergebnis zeigt Baukunst in Zeiten des Sparzwangs: Die Fassade ist facettenreich, doch das Bühnenhaus klobig.

Von Heinrich Wefing
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Der Blick hinaus ist betörend. Wie ein Bühnenbild breitet sich der Tiefe See vor den haushohen Glaswänden des Foyers in Gottfried Böhms neuem Hans Otto Theater in Potsdam aus. Rechts liegt der Brauhausberg mit der alten Kriegsschule von Franz Schwechten, heute Sitz des Brandenburgischen Landtags; gegenüber erhebt sich der Flatowturm wie ein neogotisches Ausrufezeichen, während die Glienicker Brücke linker Hand nur zu ahnen ist hinter Grün, Villen und Segelbooten. An lauen Abenden kann der Theaterbesucher aus dem lichten Foyer hinaustreten auf Terrassen und Treppen, hinunterspazieren zum Ufer; ein breiter, holzbeplankter Balkon schwebt dort über dem See. Das Wasser kräuselt sich, die Wipfel mächtiger alter Bäume rauschen im Wind. Ein Idyll.

Aber nicht nur die preußischblaue Landschaft ist sehenswert von hier unten. Wer am Ufer steht und sich umdreht, hat auch den vorteilhaftesten Blick auf das neue Theater, das dieser Tage fertiggestellt wird und Ende September mit gleich fünf Premieren eingeweiht werden soll. Als habe der Architekt mehrere Hutkrempen übereinandergestapelt, wogen und wellen sich drei rote Baldachine über der transparenten Fassade des Foyers, allesamt scharf gezackt, immer höher aufsteigend, wie ein geöffneter Blütenkelch über Glas. Es ist, leicht variiert, ein vertrautes Motiv aus der Arbeit des hochbetagten Böhm, dem das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt gerade eine Werkschau eingerichtet hat: die marianische Rose, die nicht nur in Kirchenfenstern und Wandgemälden auftaucht, sondern zusehends auch als dreidimensionales Element. In Potsdam fungiert sie als Hingucker, als Landmarke in bester Lage, auf einer Halbinsel, leicht erhöht über dem See, schwebend wie eine Schauspielerin, die sich am Bühnenrand in Pose wirft.

Wie eine beschwipste Pagode

So oder so ähnlich wird der Bau meist auch fotografiert. Aus leichter Untersicht, rotes Dach vor blauem Himmel. Beschwingt und heiter wie der Tanzpavillon einer Bundesgartenschau. Ein bißchen schräg wie eine beschwipste Pagode. Mancher Betrachter fühlte sich auch schon an die Oper in Sydney erinnert, und wer weiß, vielleicht hat sich Böhm hier tatsächlich ein amüsiertes Kopfnicken hinüber zum Kollegen Jorn Utzorn erlaubt, einen Gruß von Augenschmeichler zu Augenschmeichler gewissermaßen, über Kontinente hinweg. Was immer man auch assoziiert beim Betrachten der Seeseite des „HOT“, man schaut auf ein hübsches Bild. Doch leider ist es nur ein Ausschnitt.

Denn das gläserne Foyer mit dem großen Saal dahinter und dem munter geschwungenen Betondach darüber klebt an dem massigen Theaterbau wie ein Brillant an einem Klumpen Blei. Werkstätten, Malersaal, Depots, Kantine, Büros für den Intendanten und seine Mitarbeiter, eben alles, was ein deutsches Stadttheater neben einer Bühne sonst noch braucht, hat Böhm in eine wuchtige Kiste gesteckt, die mehr als doppelt so groß ist wie der tänzelnde Saalbau, aber nicht halb so beschwingt. Der einzige Schmuck ihrer stupiden Fassaden sind breite Streifen roter und schwarzer Farbe. Das wäre für ein Möbelhaus zwischen Gewerbegebiet und Autobahnanschluß vielleicht eine erträgliche Lösung gewesen, nicht aber für den wichtigsten Kulturbau in Potsdam seit der Wende.

Laubsägearbeit mit problematischer Akustik

Auch im Innern setzt sich der Eindruck der Lustlosigkeit fort. Der Haupteingang ist merkwürdig eingequetscht zwischen der gestreiften Box und einer zinnenbekränzten Zichorienmühle, deren konischer Turm samt Anbau auf Druck der Denkmalpflege erhalten werden mußte. Wer durch den Eingang tritt, findet sich in einem schlauchartigen düsteren Gang, der sich erst zum Foyer hin weitet. Die Sichtbetonflächen sind offensiv schlampig geschalt worden, als Handlauf eines Geländers darf es auch schon mal die Schiene einer Schmalspurbahn sein, die Beleuchterbühne im Saal erinnert an eine Laubsägearbeit, die Akustik sei mindestens problematisch, heißt es von den ersten Proben, und selbst der Vorhang hängt seltsam schlaff vor der Bühne.

Das alles könnte vielleicht einen gewissen ruppigen Charme entfalten, etwas dezidiert Unplüschiges, das die üblichen Erwartungen an stadttheaterhafte Eleganz unterläuft. Aber Böhm ist eben kein Anarchist, sondern eigentlich ein Mann von unbändigem Gestaltungswillen. Nur ist davon in Potsdam wenig zu spüren, dafür viel von dem Gezerre und dem Spardruck, dem das Projekt von Anfang an ausgesetzt war. Das ist nicht nur eine vertane Chance für den noblen Vorort Berlins. Es ist auch eine vertane Chance für die Architektur, dürfte das Hans Otto Theater doch der vermutlich letzte Theaterneubau in Deutschland für viele Jahre sein. Keine Kommune wird wohl so bald Geld für ein komplett neues Bühnenhaus aufbringen können.

Nasser Größenwahn

Auch in Potsdam stand der Bau, der hartnäckige Nachkriegsprovisorien ersetzt, lang in Frage, eine Weile gar das Theater insgesamt. Es sei unnötig, ja größenwahnsinnig, vor den Toren der Hauptstadt mit ihren vielen Bühnen ein eigenes Stadttheater zu errichten, wandten die Kritiker ein. Am Ende war es wohl vor allem der damalige Oberbürgermeister, der heutige brandenburgische Ministerpräsident Platzeck, der, gemeinsam mit vielen anderen, den Neubau durchsetzte und irgendwie die dafür veranschlagten 29 Millionen Euro auftrieb, allerdings auch entschied, das Philharmonische Orchester Potsdam aufzulösen. Für beides, für Theater und Musik, hieß es damals, reiche es nicht in der Landeshauptstadt.

Nun soll das neue Theater Mittelpunkt und Motor des „Kulturstandorts Schiffbauergasse“ werden. Seit ein paar Jahren versucht die Stadt Potsdam dort, auf einem alten Kasernengelände, zwischen Freiflächen, ehemaligen Reithallen und Tanzschuppen, eine Mischung aus Arbeiten und Unterhaltung, Büronutzung und freier Szene zu etablieren. Das Designstudio von Volkswagen konnte immerhin bereits angelockt werden, und in einem wuchtigen Industriebau aus Klinker sitzt mittlerweile das Software-Unternehmen „Oracle“.

Auch das Theater ist, um in dieser Mischwelt ein Plätzchen zu finden, dezidiert „multifunktional“ ausgelöst, wie derlei gern heißt. So kann der Zuschauerraum mit seinen 469 Sitzplätzen dank raffinierter Hubtechnik umstandslos in einen Ballsaal, eine Konferenzhalle oder einen Laufsteg für Modenschauen verwandelt werden. Das mag die Haushaltsrisiken mindern und die Betriebskosten überschaubar halten. Prägnante Architektur entsteht so nicht. Das ist, denkt man an die veritablen Raumwunder, die Gottfried Böhm in seinem langen Leben schon geschaffen hat, ein Jammer. Und so bleibt dem Zuschauer nur der Trost des Schauspiels. Oder der Blick hinaus auf das Wasser.

Quelle: F.A.Z., 21.09.2006, Nr. 220 / Seite 33
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