03.05.2006 · Renzo Piano hat der New Yorker Pierpont Morgan Library einen gläsernen Kern gegeben. Das neue Ambiente läßt die einzigartigen Kostbarkeiten, die das Haus beherbergt, unwiderstehlich funkeln.
Von Jordan Mejias, New YorkLeichtigkeit heißt hier das Paßwort. Renzo Piano hat die schwere, bedeutsam historisierende Pracht, mit der sich der Bankier J. Pierpont Morgan und seine Nachfahren gleich dreimal der Mitwelt empfehlen und der Nachwelt dauerhaft einprägen wollten, in eine schwerelose Geometrie aus Glas und Stahl eingebunden. Seine zurückhaltende Verwandlungskunst läßt nun drei alte Solitäre aus einem neuen gemeinsamen Innen leuchten. Und dafür war eigentlich gar kein Platz.
Denn Piano fand an der Madison Avenue zwischen sechs- und siebenunddreißigster Straße ein unantastbares Ensemble aus drei denkmalgeschützten Bauwerken vor: als Hauptgebäude eine pompöse, im Zeichen der Beaux Arts nachempfundene Renaissancevilla, die dem alten Morgan als repräsentative Bibliothek diente; als Nebengebäude eine Galerie, sehr viel bescheidener ausgestattet von Morgans Sohn; und als dritten und ältesten Bau ein sandsteinbraunes Stadtpalais, in dem einst die Familie wohnte. Ohne diese separaten Elemente zu beeinträchtigen, so lautete die Hausaufgabe, waren sie zu erweitern und als harmonisches Ganzes oder, wie es der Auftraggeber wollte, als Campus neu zu erfinden.
Nichts war leichter
New Yorks jüngster Kulturcampus, offiziell „The Morgan Library and Museum“ genannt, strahlt nun Leichtigkeit auch in einem zweiten Sinne aus. Nichts, so macht er glauben, war leichter, als die anscheinend unlösbare Aufgabe zu lösen. Piano hat sich dafür auf die geometrischen Tugenden der klassischen Moderne und ihre bewährte Verträglichkeit mit allen Stilen und Epochen verlassen. Facettierte Stahlplatten führen ein geselliges Eigenleben, setzen sich klar und ehrlich von der Umgebung ab und verweisen gleichwohl mit ihrem Grauton, dem ein Hauch Rosa beigemischt ist, auf die Marmorwände der alten Gebäude. Farblich entzieht sich nur der ehemalige Familiensitz mit seinen warmen Sandsteintönen ihrer kühlen Umarmung.
Gilt auch der behutsame Umgang mit dem Bestehenden inzwischen als Voraussetzung jedes erfolgreichen An- und Umbaus, so wirkt Piano jetzt doch ein stilles, fast lakonisches Wunder. Mit Glas. In langen, rechteckigen Scheiben wächst der Bau aus der leeren Mitte heraus und schiebt sich an drei Stellen zwischen den bestehenden Gebäuden bis auf die Straßenfront hinaus. Der neue Eingang liegt an der Madison Avenue, zwischen Sandsteinromantik und Marmorpolitur. Wie Frank Lloyd Wright es empfahl, wird der Besucher in einem intimen Rahmen empfangen, bevor sich ihm die Höhepunkte des Hauses offenbaren. Bei Piano weitet sich das niedrige Entree bald in ein luftiges gläsernes Atrium. Nach oben, nach unten und zur Seite gibt es den Blick frei nicht nur auf die vertrauten Campusbauten, sondern auch auf eine unauffällige, bestenfalls zweckdienliche Backsteinlandschaft, die für Manhattan ebenso bezeichnend ist wie der Glamour der architektonischen Sensationen.
Alles ist aus Glas
Brüstungen an Balkonen und Treppen, Aufzugsschächte, Decken, die Wände der Verwaltungsräume, alles ist aus Glas. Eine solche Transparenz - schön und gut und wohlerprobt, wie sie sein mag - könnte freilich katastrophale Folgen haben, wenn Piano sich nicht abermals als Meister der Lichtregie erwiese. Bis hinunter ins Untergeschoß leitet er Naturlichtbahnen. Die Glasdächer der zentralen Halle, der neuen Forschungsbibliothek im zweiten Stock und eines neueingefügten Ausstellungswürfels sind mit einem Blendensystem versehen, das sich aus dem täglichen Angebot der Natur die Idealverhältnisse fürs menschliche Auge, aber auch für die Gesundheit der ausgestellten Preziosen heraussucht.
Helligkeit und Transparenz stoßen nämlich da an Grenzen, wo die lichtempfindlichen Kunstwerke die Regeln setzen. Von der Außenwelt abgeschirmt wie die alten Galerien und Prachträume, die jetzt aufgefrischten Marmorglanz verströmen, ist darum auch das neue Kabinett im zweiten Stock. Zu Stippvisiten lädt es Manuskripte und Zeichnungen ein, die sonst in den unterirdischen Tresorräumen schlummern. Ebenfalls tief ins Felsgestein von Manhattan wurde der Saal gesprengt, den der Kulturcampus für Konzerte und Vorträge braucht. Piano hat ihn mit galantem Kirschholz verbrämt und läßt seine Sitzreihen, ganz traditionell in dunkles Rot gekleidet, steil zur Bühne hinabsteigen.
Klarer, kühler Modernismus
Der atmosphärische Wechsel zwischen Lichtfluten und raunendem Dunkel, zwischen moderner Offenheit und verschwiegenen Schatzkammern setzt sich, heute unerläßlich, im Servicebereich des Gebäudes fort. Leibliche Nahrung findet der Besucher im ehemaligen Speisezimmer der Morgans oder in der Glashalle mit Blick auf einen Bambushain, der die Rückansicht der Stadt auf Distanz hält. Nie aber drängt sich Pianos klarer, kühler Modernismus, dessen Leichtigkeit aus einer strukturellen Strenge Gewicht bezieht, in den Vordergrund. Gerade in seinem Respekt vor den bestehenden Gebäuden und der Sammlung findet er zu einem Eigenleben, dem bei aller gestalterischen Autorität die Arroganz des Trendsetters völlig abgeht.
Nun ist Diskretion allein noch keine Garantie für große Museumsarchitektur. Piano ist unübertrefflich, wenn er im belebenden Dialog zwischen alt und neu wie selbstverständlich unsere Aufmerksamkeit auf die Kunstschätze richtet. Zur Wiedereröffnung zeigt sie die Morgan Library in einer Auslese, die den Atem verschlägt. J. Pierpont Morgan konnte sich für ägyptische Antiken nicht weniger begeistern als für mittelalterliche Illuminationen. Seitdem ist einiges hinzugekommen, aber der skurrile Eklektizismus des Gründers ging darüber dem Haus nicht verloren. Es ist der Ort, der drei Gutenberg-Bibeln und Bob Dylans „It Ain't Me Babe“, nicht unbedingt für die Ewigkeit auf Hotelpapier gekritzelt, zusammenbringt.
Auf verdoppelter Ausstellungsfläche beherbergt jedes Kabinett einzigartige Kostbarkeiten in luxuriöser Fülle. Hier die sublime Parade von Zeichnungen aus der Hand eines Leonardo, Raffael, Michelangelo, Rembrandt, Rubens und Picasso und Pollock, dort die Gold- und Edelsteinpracht des Lindauer Evangeliars, nicht weit davon das überirdisch schön illuminierte Stundenbuch der Katharina von Kleve und, eine Treppe höher, unter den immer wieder frappierenden Musikmanuskripten etwa Mozarts Haffner-Sinfonie, das noch in jener Silberschatulle aufbewahrt wird, in der sie Ludwig II. von Bayern zum Geburtstag überreicht wurde. Wer beim Anblick solcher Schätze das neue Ambiente vergißt, das sie so unwiderstehlich funkeln läßt, wird den Architekten sicher nicht beleidigen. Er macht ihm damit das schönste Kompliment.