Home
http://www.faz.net/-gqz-36ly
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Architektengespräch Berliner Schloss: Neubau ja, aber keine Rekonstruktion

 ·  Carsten Gerhards: "Ich finde auf dem Niveau 'Barock versus Pop' sollte man nicht diskutieren"

Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (0)

In der Reihe der Berliner Architektengespräche über die zukünftige Gestaltung des Schlossplatzes, hat FAZ.NET mit Carsten Gerhards gesprochen. Er meint, man solle bauen, aber nicht eine Rekonstruktion sondern einen zeitgenössischen Bau im Bewusstsein und im Geist der Geschichte des Ortes.

Carsten Gerhards wurde 1966 in Bonn geboren. Von 1989 bis 1991 studierte er Architektur an der RWTH in Aachen und an der Bartlett School of Architecture in London. Gerhards hat unter anderen in den Büros von Joachim Schürmann und David Chipperfield gearbeitet. Für den Masterplan der Berliner Museumsinsel hatte er im Büro David Chipperfield bis 2000 die Projektleitung inne. Noch im selben Jahr gründete er zusammen mit Andreas Glücker ein eigenes Büro "gerhards glücker architekten" in Berlin.

Herr Gerhards, wie stehen Sie zu den Empfehlungen, die die Expertenkommission "Historische Mitte Berlin" ausgesprochen hat?

Ich finde auf dem Niveau „Barock versus Pop“ sollte man nicht über eine so wichtige Frage diskutieren. Wir haben im Büro ausführlich über die Schlossplatzgestaltung diskutiert. Es bestehen ziemlich viele Vorurteile. Wir plädieren dafür, dass die ganze Diskussion etwas entideologisiert wird.

Ihr Vorschlag?

Ich würde das Ganze gern wie einen Entwurfsworkshop angehen. Bevor man den Bleistift in die Hand nimmt, stellt man erst einmal eine Analyse an. Auf drei Ebenen möchte ich die Diskussion führen: Die Stadt, die Nutzung und die Form. Wobei die Form sehr eng mit unserem Verhältnis zur Geschichte verknüpft ist.

Wenn ich "Stadt" sage, meine ich erst einmal die historische Bedeutungsebene. Die Spreeinsel bildet den städtebaulichen Höhepunkt Berlins, seine Ost-West Achse.

Können Sie das noch etwas ausführen?

Nach Norden erstreckt sich die Museumsinsel. Nach Süden der ehemalige Schlossplatz. An diesem Ort waren alle staatstragenden Kräfte vorhanden. Das war ein konstruierter Ort, ein geistiger Ort: Der König mit dem Schloss, die Kirche mit dem Dom, das Militär mit dem Zeughaus und der Wache, die Kultur mit dem Alten Museum und die Wissenschaft mit der Universität. Dieses Gewicht hat sich jetzt verschoben. Die politischen Institutionen sind rausgewandert vor die Tore der Stadt, in die Nähe des Reichstags. In der Mitte Berlins klafft jetzt ein institutionelles Vakuum.

Und die Kultur hat sich auf die Museumsinsel begeben?

Ich habe im Büro von David Chipperfield den Masterplan gemacht und da ging es nicht nur um die Museumsinsel an sich, sondern auch um das städtebauliche Umfeld. Damals haben wir auch alle kulturellen und wissenschaftlichen Institutionen untersucht, die an diesem Ort liegen. Das heißt die ganze Straße „Unter den Linden“ ist ja eine Aneinanderreihung wissenschaftlicher und kultureller Einrichtungen. Das Deutsche Historische Museum, die Staatsoper usw.. Dort, wo früher die politischen Institutionen waren, sind heute die kulturellen.

Die Bedeutungsebenen haben sich in der Stadt verschoben. Nun besteht Berlin aus mehreren Zentren, aber hier liegt die höchste Bedeutungsdichte.

Was ziehen Sie für einen Schluss in Bezug auf das Schloss daraus?

Ich schließe daraus eine Nutzung, ein Programm für diesen Ort. Die Frage ist doch: was kann diese ehemals politische Mitte ersetzen? Das kann eigentlich nur eine Maximierung der Urbanität sein. Das darf jedenfalls nicht ein kommerzieller Ort werden.

Was meinen Sie mit Maximierung der Urbanität?

Damit meine ich, und insoweit kann ich den Vorschlägen der Kommission durchaus folgen, die Ansiedlung von kulturellen und wissenschaftlichen Einrichtungen. Der Name "Humboldt Forum" ist ja schon gefallen. Das halte ich für eine gute Idee.

Man soll Wissenschaft und Kultur also eine öffentliche Plattform schaffen?

Richtig. Und das meine ich nicht formal. Alle sprechen eigentlich die ganze Zeit nur über die Fassade. Das ist wie ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Nach dem Motto: wen finden Sie besser? Jenny Elvers oder Ariane Sommer? So kommt man nicht weiter, es sei denn, man diskutiert über Inhalte.

Was mir vorschwebt, um ein Beispiel zu nennen, ist ein Zentrum wie das Centre Pompidou in Paris. Das ist ein Gebäude mit maximaler Urbanität. Dort gibt es keine Barrieren, die Leute können einfach hineingehen und Bücher in die Hand nehmen. Nicht so wie bei uns, wo man erst hundert Hürden überwinden muss, wenn man in eine Bibliothek geht. Das Centre Pompidou wäre inhaltlich ein Bild für mich, was am Schlossplatz in Berlin passieren könnte, nicht formal.

Wer sollte das durchsetzen?

Ich sehe im Moment niemanden, der so eine Idee voranbringen könnte. Frankreich hat ja eine ganz andere politische Kultur. Der Präsident entscheidet einfach, was passiert. So eine Person haben wir in Deutschland nicht. Wir haben eigentlich niemanden, der sich für diese Fragen wirklich interessiert.

Sie brauchen also eine noch nicht vorhandene Lobby für Ihre Idee?

Es gab ja die Expertenkommission. Das ist schön und gut. Aber nach meinen Erfahrungen beim Masterplan ist so eine Planung ein viel aktiverer Prozess. Da haben wir nicht einfach gesagt: „Dies ist jetzt unser Entwurf, den könnt ihr ablehnen oder annehmen." Sondern da saßen alle Ebenen an einem Tisch: Die Museumsdirektoren, die Stadt, das Landesdenkmalamt und eben auch die Architekten. Ich habe den Eindruck, die waren in der Expertenkommission etwas unterrepräsentiert.

Wie stehen Sie nun zum formalen Aspekt des Schlossbaus?

Da muss ich erst einmal über unser Verhältnis zur Geschichte sprechen. Es gibt von Schinkel ein schönes Zitat: "Historisches ist nicht, das Alte allein festzuhalten oder zu wiederholen. Dadurch würde Historie zugrunde gehen. Historisch handeln ist das, welches das Neue herbeiführt und wodurch die Geschichte fortgesetzt wird. Aber dadurch eben, dass die Geschichte fortgesetzt werden soll, ist jetzt zu überlegen, welches Neue und wie dies in den vorhandenen Kreis eintreten soll."

Ich finde, das ist ein gutes Beispiel, weil Schinkel eine Balance sucht zwischen Wandel und Kontinuität, ein labiles Gleichgewicht zwischen Fortschritt und Tradition und das ist eigentlich der Kern der Frage: Wandel und Kontinuität. Die heroische Moderne wird doch immer so diskutiert, als würde sie mit den Traditionslinien brechen und sich zu neuen Ufern aufmachen. Diese Aufbruchseuphorie hat nichts mit der heutigen Diskussion in der Architektur zu tun. Über diese Zeit ist man hinweg. Da liegt der Ansatzpunkt.

Das klingt optimistisch

Jobst Siedler hat in seinem Buch "Phönix im Sand" geschrieben, dass er der Architektur eigentlich nicht zutraut für diesen Ort eine angemessene Lösung zu finden. Das ist eine passive Reaktion: etwas zu tun, weil man etwas anderes nicht will. Statt etwas zu tun, weil man es genau so will. Das klingt nach Resignation. Da entsteht für mich die Frage, ob die Mitte eine gebaute Resignation sein soll?

Sie suchen im Bewusstsein darüber, was war, deutlich den Blick nach vorn ?

Geschichte ist ein Prozess. Man kann nicht einfach so tun, als ob man sie zurückdrehen kann wie ein Videoband. Die letzten 50 Jahre sind die Zeit, in der meine Generation aufgewachsen ist.

Das Schloss war auch ein Zeugnis dieses Prozesses, ein Konglomerat aus Renaissance, Barock und Klassizismus. Nun steht da der Palast der Republik und je mehr ich nachdenke, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass man den Bau integrieren sollte.

Was wäre Ihr Vorschlag?

Dass der Prozess genau dort fortgesetzt wird, wo er geendet hat. Dass nun mit zeitgenössischer Architektur fortgefahren wird. Das ist, glaube ich, das Wesentliche. Jeder verantwortungsvolle Architekt wird das Gedächtnis dieses Ortes auch miteinbeziehen. Aber die Geschichte sollte transformiert werden und nicht wiederholt.

Mir fallen da zwei Beispiel ein, in denen dieses Verhältnis zwischen Wandel und Kontinuität umgesetzt wurde, ohne, dass es platt wirkt: Hans Döllgast mit seinem Wiederaufbau der Alten Pinakothek von 1957. Und als Zweites von Rudolf Schwarz, St. Anna in Düren. Dort wird der Stein zum Transmitter zwischen Historie und Zeitgenossenschaft. Das heißt, Schwarz baute aus den Steinen der zerstörten Kirche eine neue, zeitgenössische Kirche.

Das Gespräch führte Katja Blomberg.

Quelle: @blo
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Geklonter Murks

Von Joachim Müller-Jung

Die Studie des Gen-Forschers Shoukhrat Mitalipov zeugt von erheblichen Schlampereien. Aufgedeckt wurden sie auf einer Gutachterseite im Internet. Hatte Luzifer seine Hände im Spiel? Mehr 1