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Veröffentlicht: 14.12.2012, 15:21 Uhr

Archäologie Piraten vor Pergamon

SOS Archäologie: Die Zusammenarbeit zwischen der Türkei und Deutschland ist in der Krise. Die Türkei inszeniert sich als Opfer eines „Kulturimperialismus“.

von Hermann Parzinger
© mauritius images Diese Venus-Statue aus Allianoi wurde vor der Überflutung bewahrt

Mit großem Pomp wurde vor kurzem das neue türkische Botschaftsgebäude an der Tiergartenstraße in Berlin eröffnet. Diese größte Auslandsvertretung des Landes überhaupt, wie es heißt, soll auch die besondere Beziehung der Türkei zu Deutschland unterstreichen. Der türkische Ministerpräsident Recep Erdogan kam zur Eröffnung höchstpersönlich nach Deutschland. Er warb für einen Beitritt seines Landes zur Europäischen Union und sah die Türkei als Teil Europas.

Während Erdogan früher alle Versuche, in Deutschland lebende Türken zu einem besseren Erlernen der deutschen Sprache zu ermuntern, scharf kritisierte, hörte man nun ganz andere Töne: Die türkischen Bürger in Deutschland „sollten auch Hegel, Kant und Goethe verstehen“. Eine kulturpolitische Charmeoffensive also, aber gleich gekoppelt mit der Forderung nach der doppelten Staatsbürgerschaft.

Doch in den deutsch-türkischen Kulturbeziehungen ist derzeit von Charme wenig zu verspüren, vielmehr sind sie einer schweren Prüfung ausgesetzt. Türkische Kulturfunktionäre überziehen zahllose Museen weltweit mit Rückforderungen, ob sie nun begründet sind oder nicht. Alles soll an seinen Ursprungsort zurück, und der türkische Kulturminister Ertugrul Günay erklärt dieses Ziel sogar zu seiner „Herzensangelegenheit“.

Ob er in seinem Herzen aber auch jene Objekte aus Syrien, dem Libanon und anderen Teilen des ehemaligen Osmanischen Reiches trägt, die heute in türkischen Museen stolz zur Schau gestellt werden? Der Ton der Gespräche ist dabei wenig diplomatisch, was unter historisch so engen Partnern wie Deutschland und die Türkei irritieren muss.

Privileg der deutschen Archäologie

Die Strategie der Hardliner lässt es im Augenblick offenbar noch nicht einmal zu, ausgestreckte Hände zu ergreifen und nach einvernehmlichen Lösungen zu suchen. Das ist bedauerlich. Vom British Museum in London etwa fordert die Türkei die sogenannte Samsat-Stele aus dem 1.Jahrhundert vor Christus zurück, obwohl das British Museum das Stück 1927 in Syrien erworben hat. Wie man hört, wäre das British Museum durchaus bereit, das Objekt als langfristige Leihgabe der Türkei zu überlassen, allerdings in Verbindung mit einer engeren Museumszusammenarbeit. Solches Ansinnen wies die türkische Seite jedoch schroff zurück und bezichtigte umgekehrt das British Museum öffentlich der Kooperationsunwilligkeit. Zusammenarbeit gern, aber bitte schön zu den von der Türkei diktierten Bedingungen!

So ähnlich erging es den Staatlichen Museen zu Berlin. Wir erinnern uns: Die stark fragmentierte hethitische Sphinx aus Bogazköy, die 1917 zur Restaurierung nach Berlin kam, wurde im vergangenen Jahr an die Türkei übergeben, obwohl die Stiftung Preußischer Kulturbesitz dazu nicht verpflichtet gewesen wäre, weil die Aktenlage die Eigentumsfrage offenlässt. Ob es Absprachen über den Verbleib der Sphinx in Berlin gegeben hat, bleibt anhand der Quellen unklar. Uns schien die privilegierte Position der deutschen Archäologie in der Türkei seit fast 150 Jahren Grund genug, die ganz besonders engen und freundschaftlichen Beziehungen beider Länder durch die freiwillige Geste dieser Übergabe zu vertiefen.

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