18.05.2005 · Abschied vom Jugendwahn: Der Arbeitsmarkt der Zukunft verlangt nach einer neuen Unternehmenskultur. Im neuen BMW-Werk in Leipzig hat man schon damit begonnen, das soziale Altern neu zu definieren.
Von Melanie MühlDie demographische Wirklichkeit regiert das neue BMW-Werk in Leipzig. Rudolf Reichenauer, der Personalchef, hat es so gewollt.
Unweit gelb leuchtender Rapsfelder, in einem raumschiffähnlichen Bau, revolutioniert er gerade ganz im Stillen die Personalpolitik unseres Landes. Ausgerechnet den angeblich untergehenden Osten wählte der Automobilbauer aus 250 Bewerberstandorten aus, um mit Blick auf die Alterung der Gesellschaft und den Geburtenrückgang endlich einmal von Anfang an alles richtig zu machen.
Einundsechzig Jahre ist der älteste Mitarbeiter bei BMW in Leipzig deshalb alt. Vor zwölf Monaten wurde er eingestellt, in einem bayerischen Werk einige Wochen geschult, und nun besetzt er eine Vollzeitstelle. Erst kürzlich unterschrieb eine neunundfünfzigjährige Frau einen unbefristeten Vertrag. Heute arbeitet sie in der Qualitätskontrolle.
Vierzehn Prozent Frauenanteil
Die Liste jener Menschen, die der Arbeitsmarkt eigentlich gar nicht will, weil sie alt, also vergeßlich, schwach, wettbewerbsunfähig und langsam (so lauten die Vorurteile) sein sollen, ließe sich fortführen. In Leipzig sind dreißig Prozent aller Werksangestellten älter als vierzig Jahre. Der Frauenanteil in der Produktion liegt bei vierzehn Prozent - eine unerhört hohe Zahl für die Automobilbranche.
In Leipzig ist man dabei, das soziale Altern neu zu definieren. Eine Konzernführung verzichtet plötzlich nicht mehr auf die Lebenserfahrung und die Fähigkeiten älterer Menschen. Mehr noch: Sie verlangt sogar nach älteren Mitarbeitern, bildet sie aus oder fort und setzt sie dann auf einen passenden Arbeitsplatz.
Abschied vom Jugendwahn
Warum aber verabschiedet sich ein Unternehmen vom Jugendwahn? Weil es weiß, was in fünf, was in zehn, was in zwanzig Jahren passiert. Weil man begriffen hat, wie es in unserem Land in naher Zukunft um den Nachwuchs bestellt sein wird. Die alarmierenden Zahlen sind bekannt: Schon 2008, prognostiziert Reichenauer, fehlen in Deutschland hochqualifizierte Nachwuchskräfte. Der Arbeitsmarkt spürt eine erste Erschütterung, die sich bald zu einem gravierenden Beben ausweitet. Die Jahrgänge, die ins Erwerbsleben eintreten, werden zahlenmäßig immer schwächer. Die Zahl der Schulabgänger und Akademiker sinkt.
Daß die Firmen bald um die besten Auszubildenden kämpfen müssen, ist keine Illusion. Bereits heute klagen zwanzig Prozent der Betriebe über Schwierigkeiten bei der Nachwuchssuche, wie eine Umfrage des Instituts der Deutschen Wirtschaft ergab. Im Osten des Landes ist die Lage noch dramatischer als im Westen. Seit 1990 fällt die Geburtenrate in den neuen Bundesländern, junge Menschen zieht es fort. 1,3 Millionen von ihnen hat der Osten schon verloren - eine Abwanderungswelle, die ganze Landstriche veröden und innerstädtische Quartiere verfallen läßt.
Mindestens achtzig Jahre bleiben
Noch ist es nicht zu spät. Noch könne man handeln, sagt Reichenauer. BMW will Abwanderer zurück in den Osten holen und die Zukunft des Standortes Leipzig sichern. Mindestens achtzig Jahre möchte der Automobilkonzern hier bleiben. Dafür brauche man die Älteren des Landes. Auf über vierzig oder fünfzig Jahre alte Mitarbeiter und deren Sicht der Dinge zu verzichten, sei fatal, meint der Personalchef.
Jener Fehler, den BMW in Regensburg beging, soll sich nicht wiederholen. Als der Automobilbauer dort in den achtziger Jahren ein Werk eröffnete, stellte man ausschließlich junge Mitarbeiter ein. Blickt man heute zehn oder fünfzehn Jahre in die Zukunft, kann man Angst bekommen. Denn was eine solche Personalpolitik für die Entwicklung eines Unternehmens bedeutet, ist klar: Die Belegschaft altert gemeinsam und geht auch gemeinsam in Rente. Jahrzehntelang verläßt niemand das Unternehmen, was Neueinstellungen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ausschließt und den Konzern in seiner Einheitlichkeit erstarren läßt.
Nur noch wenig Zeit
Es bleibt den Unternehmern hierzulande nur noch wenig Zeit, ihre Personalpolitik der vergreisenden Gesellschaft anzupassen. Spätestens von 2015 an werden die Risse im Arbeitsmarkt tiefer. Die geburtenstarken Jahrgänge, die Baby-Boomer, scheiden dann aus dem Erwerbsleben aus. Nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) wird die Zahl der Arbeitskräfte bis zum Jahr 2040 von heute rund 41 Millionen auf knapp 31 Millionen schrumpfen. Die ökonomischen Folgen sind katastrophal: Wachstumspotential und Produktivität sinken, Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit nehmen deutlich ab. Den wirtschaftlichen Druck verstärkt die Konkurrenz aus den osteuropäischen und asiatischen Ländern.
Jene seit langem kursierenden Altersstereotypen, die Menschen spätestens von Mitte Vierzig an als langsam, inkompetent, unzuverlässig und wenig produktiv brandmarken, stürzen zudem ganze Generationen in eine seelische Krise. Sie lösen erst die Minderwertigkeitskomplexe aus, die dann das Handeln bestimmen und die Klischees scheinbar bestätigen. Der gesellschaftliche Schaden ist groß: Menschen, die vierzig Jahre oder älter sind, hatten sich bei BMW in Leipzig erst gar nicht beworben. Die Angst vor Ablehnung und Jugendterror schien zu siegen.
Keine Altersgrenze
Das Unternehmen startete deshalb eine Kampagne und schaltete Anzeigen, um ältere Arbeitssuchende in ihrer inneren Isolation zu erreichen. „Es dauerte viele Monate, bis man uns überhaupt glaubte“, berichtet Reichenauer. Beim Auswahlverfahren half das Unternehmen nach und initiierte gemeinsam mit regionalen Partnern ein Arbeitslosenprojekt. Die Botschaft hieß: „Wir suchen Mitarbeiter ab vierzig. Eine Altersgrenze gibt es nicht.“ Der Glaube, daß Ältere über den technischen Stand nicht genügend wüßten und mit neuen Methoden der Datenverarbeitung nichts anzufangen wüßten, sei falsch.
Seit langem erliegen wir dem Glauben an die Minderwertigkeit älterer Menschen. Die Frühverrentung, von vielen als sozialer Tod empfunden, feiert man in Deutschland als Errungenschaft. Warum sollte man dann auch Arbeitsplätze so gestalten, daß Ältere sie besetzen könnten? Nur 37 Prozent der 54 bis 65 Jahre alten Menschen arbeiten hierzulande noch. In den Vereinigten Staaten sind es 57 Prozent, in Schweden sogar 67 Prozent. Mit sechzig Jahren geht ein deutscher Arbeitnehmer im Durchschnitt in Rente. Auf die alten Menschen als Arbeitskräfte zu verzichten, werden wir uns in Zukunft aber nicht mehr leisten können.