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Arabischer Frühling auf der Berlinale Revolutionsprojektionen

16.02.2012 ·  In der Sektion „übergreifender Schwerpunkt“ auf der Berlinale wird die Arabellion gewürdigt. Die Filme erzählen vom Tahrir-Platz, Demonstrationen und einem Reiseführer. Namir Abdel Messeeh aber erzählt von sich.

Von Bert Rebhandl
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Im Jahr 1968 wurde in der ägyptischen Stadt Zeitoun die Jungfrau Maria gesichtet. Mit letzter Sicherheit war sie nicht zu erkennen, es handelte sich um eine Lichterscheinung, die von skeptischeren Zeitgenossen auf Laserstrahlen der Streitkräfte zurückgeführt wurden. Die Armee hatte kurz nach dem verlorenen Sechstagekrieg jedenfalls Gründe, von der aktuellen Lage abzulenken, und Religion ist dafür ein probates Mittel. Der französische, aus einer äygptischen Familie stammenden Dokumentarist Namir Abdel Messeeh begann sich für diese Erscheinungen zu interessieren, nachdem auch seine Mutter die Jungfrau Maria sah - auf einem Videoband, in dessen unscharfen Bildern man allerdings alles Mögliche ausmachen konnte. Der Film „La Vièrge, les Coptes, et moi“ erzählt davon, wie Namir Abdel Messeeh auf der Suche nach der Wahrheit hinter den Erscheinungsberichten nach Ägypten reist.

In der heute allgemein geläufig gewordenen Manier vieler dokumentarischer Regisseure macht er sich selbst (und das Entstehen des Films) gleich zu dessen zweitem Thema - und zunehmend drängt es sich in den Vordergrund, bis es schließlich das erste Thema wird. Es geht dann nicht mehr um die Wirkung der Marienerscheinungen im Zusammenhang der religiösen Minderheit der Kopten in Ägypten, es geht auch nicht darum, dass es ein Muslim war, der in Zeitoun seinerzeit zum ersten Mal das Licht gesehen hatte. Es geht nun darum, dass Namir Abdel Messeeh in Oberägypten eine religiöse Seifenoper inszeniert, die seine armen Verwandten das Staunen über das Kino lehrt.

Der richtige Ort: Jemen

Auf der Berlinale läuft „La Vièrge, les Coptes et moi“ im Panorama, wo er großen Anklang fand. Zugleich zählt er zu einem die Sektionen übergreifenden Schwerpunkt, mit dem das Festival den „Arabischen Frühling“ würdigt, und zu einer Einschätzung der gegenwärtigen Situation im arabischen Raum beizutragen versucht. Dabei kommen sowohl Länder vor, in denen es Volksbewegungen und Veränderungen gab, wie auch solche, die bisher als weitgehend ruhig gelten. Von Marokko (“Death for Sale“ im Panorama) bis Jordanien (“Al Juma“ im Forum) reicht die Spannweite, den unmittelbarsten Bezug zur „Arabellion“ erreicht man dabei wohl in dem äpytischen „Reporting . . . A Revolution“ und in „The Reluctant Revolutionary“ des britischen Reporters Sean McAllister. In den Berichten vom Tahrir-Platz hat das Element des Medialen von Beginn an eine wichtige Rolle gespielt, in „Reporting . . . A Revolution“ kann man nun noch einmal im Detail sehen, wie sehr die Demokratiebewegung auch an einer Gegenöffentlichkeit gearbeitet hat.

Sean McAllister wiederum profitiert in „The Reluctant Revolutionary“ von dem zufälligen Umstand, dass er zur richtigen Zeit am rechten Ort war, in diesem Fall im Jemen - und dass er in seinem Reiseführer Kais einen großartigen Protagonisten hat, der die Spannungen eindringlich verkörpert, denen das Leben in revolutionären Situationen unterliegt. Während die Menschen am „Change Square“ von Sana’a gegen den Herrscher Ali Abdullah Saleh demonstrieren und ihn mit wütenden Parolen atackieren (“Ali, du bist eine Schande, unser Blut ist nicht billig!“), muss Kais auch noch versuchen, seine Familie zusammenzuhalten. „The Reluctant Revolutionary“ endet im Grunde bei Kriegsberichterstattung, eine ironische Abzweigung wie für Namir Abdel Messeeh ist für Sean McAllister nicht drinnen.

Von Sinndefiziten und Fairnessmängeln

Auch das ist etwas, was der Arabische Frühling verändert hat, denn „La Vièrge, les Coptes et moi“ stammt noch aus der Zeit davor, und sein Regisseur nimmt nicht ohne Grund den Opportunismus der Produzenten aufs Korn, die nun in allem nach Indizien für Revolution suchen. Das ändert nichts daran, dass er vor möglichen Indizien die Augen verschlossen hat. In Spielfilmen wie „Death for Sale“ von Faouizi Bensaidi oder „Al Juma“ bekommt man das Leben zu sehen, das unterhalb der aktuellen Ereignisse auf einer alltäglichen Ebene verläuft, und das unausdrücklich nach Veränderungen verlangt.

In Marokko werden die Jugendlichen wegen der schlechten wirtschaftlichen Möglichkeiten in Kleinkriminalität, Prostitution und Drogenhandel abgedrängt - daraus entsteht so etwas wie ein überzeitliches Szenario, das man aus den westlichen Nachkriegsgesellschaften durchaus ähnlich kennt, wo Halbstarke und „Müßiggänger“ (“I Vitelloni“) die Sinndefizite und Fairnessmängel der beginnenden Konsumgesellschaften sichtbar machten.

Unter den Spielfilmen zum „Arabischen Frühling“ auf der Berlinale ist allerdings am ehesten „Al Juma“ von Yahya Alabdallah hervorzuheben, in dem ein Taxifahrer aus Amman zu einem Repräsentanten all dessen wird, was in seinem Land (und in der Region) falsch läuft. Die Systemfrage wird hier ganz konkret zu einem Krankheitsbild, eine Operation wird zum Sinnbild jeglichen dramatischen Eingriffs. Was hier in Erscheinung tritt, ist die Natur des Lebens in Gesellschaft - und keine Jungfrau Maria vermöchte deren Komplexitäten zu überstrahlen.

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