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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Apple in China Ohne iPad verliert man das Gesicht

 ·  Wie er in China seine Produkte herstellt und wie er sie dort verkauft, ist für den amerikanischen Kommunikationskonzern Apple die wichtigste aller Zukunftsfragen.

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© dpa Ein „Agent des Wandels“? Der neue Apple-Store in Peking

Kenner konventioneller Märkte wunderten sich, weshalb Apple noch einen dritten Laden in Peking eröffnet - in Schanghai hat der Konzern auch schon drei -, statt seine Geschäfte auf andere chinesische Großstädte auszuweiten. Doch wer den Ort des sechsten chinesischen Apple-Stores aufsucht, der zugleich der größte Asiens ist, sieht den Grund: Dieser Laden will nicht bestimmte Kundenmilieus bedienen, wie das die bisherigen Filialen in bevorzugten Einkaufsgegenden der gehobenen Pekinger Mittelschicht taten, sondern ein Zeichen setzen.

Das Geschäft befindet sich am Eingang der Wangfujing, Chinas berühmtester Fußgängerzone, in die täglich Zehntausende Besucher aus dem ganzen Land pilgern. Zusammen mit Verbotener Stadt (glorreiche Kultur!) und Tiananmen-Platz (glorreiche Politik!) markiert die Straße seit den kapitalistischen Reformen der achtziger Jahre das dritte zentrale Element jeder patriotischen Wallfahrt in die Hauptstadt: den glorreichen Konsum des Mutterlands. Das Apple-Logo und eine gigantische LED-Bildtafel, auf der zeitweise das neueste iPad zu sehen ist, nehmen die Vorderfront der dort schon seit längerem bestehenden Shopping-Mall ein, was den Eindruck erzeugt, das ganze Einkaufszentrum, ja die gesamte Fußgängerzone, die mit ihm beginnt, seien der Marke mit dem Apfel einverleibt.

„Der Himmel ist die Grenze“

In Wirklichkeit bilden die drei schmalen Apple-Stockwerke im gewohnt transparent-silbernen Design natürlich nur das Entree für das spektakulär hohe Atrium der Mall mit ihren im Übrigen nicht ganz so spektakulären Marken von McDonald’s bis zu C&A. Auch das Einkaufszentrum selbst hat mit den chinoiseriehaften Dachbaldachinen, die ihm wie vielen anderen Bauten der Stadt aus der Amtszeit eines mittlerweile wegen Korruption verurteilten Bürgermeisters appliziert wurden, etwas Kulissenhaftes. An einem normalen Werktag stehen viele der dreihundert Apple-Angestellten, die Kundenberater in ihren blauen T-Shirts ebenso wie die Schwarzhemden von der Security, beschäftigungslos herum, während die anderen Pekinger Läden des Unternehmens durchgehend gut gefüllt sind.

Hier scheint es auf etwas anderes anzukommen: auf den symbolischen Effekt, die Suggestion, dass Apple mit dem neuen China zu verschmelzen gewillt ist. Die Plakate des Rivalen Samsung auf der anderen Straßenseite, die bislang die Kreuzung dominiert hatten, nehmen sich da vergleichsweise mickrig aus.

Alles, was der Konzern dieses Jahr in China tut, scheint nicht nur einen geschäftlichen, sondern einen symbolischen Sinn zu haben. Nachdem Steve Jobs kein spezielles Interesse an dem Land gezeigt hatte, versorgen die Spin-Doktoren der neuen Führungsmannschaft die Welt mit der Idee, China könne Apples größter Markt werden - was den Konzern zugleich zum hervorstechenden Symbol der westlichen Beteiligung an dem, was man heute unter China versteht, machen würde. „Der Himmel ist die Grenze“, hat der Apple-Chef Tim Cook in einer quasichinesischen Formulierung über das chinesische Wachstumspotential gesagt.

Nun versteht Siri auch Mandarin und Kantonesisch

Im ersten Halbjahr 2012 hat der Konzern 12,4 Milliarden Dollar Umsatz in China gemacht, im gesamten vergangenen Jahr waren es bloß 13,3 Milliarden. Seit Juni spricht Apples Stimmenerkennungssystem Siri auch Mandarin und Kantonesisch, Safari bietet die chinesische Suchmaschine Baidu als Browser an, und es gibt eine verbesserte Methode der Schriftzeicheneingabe. Und noch etwas hat Cook gesagt. Als er im Mai eine der Produktionsstätten besichtigte, in denen der Konzern insgesamt 700000 chinesische Arbeiter beschäftigte, verkündete er, Apple wolle in China ein „Agent des Wandels“ sein. Aber was bedeutet das?

Keinen Zweifel kann es darüber geben, dass das Unternehmen so sehr den Geschmack der jungen chinesischen Mittelschicht geprägt hat, dass diese bereit ist, dessen Produkte als ihr bevorzugtes Erkennungszeichen zu benutzen. Legendär wurde in China kürzlich eine Szene aus einem Pekinger Geschäft, wo eine Studienanfängerin von ihrer verzweifelten Mutter verlangte, ihr das, wie sie es nannte, „obligatorische Apple-Studienset“, bestehend aus iPhone 4s, iPad 3 und Macbook, zu kaufen - andernfalls werde sie an der Hochschule ihr Gesicht verlieren. Tatsächlich stellte eine Untersuchung der Stanford-University an Pekinger Elite-Universitäten eine höhere iPad-Dichte als in Palo Alto fest.

Zeitschriften wie „Fortune“ rechnen Apple vor, dass seine Preise viel zu hoch seien, um ein Massenpublikum an Computer-Einsteigern zu erreichen. Doch an einer solchen Klientel zeigt das Unternehmen gar kein Interesse. Die Investment-Bank Sanford C. Bernstein schätzt, dass sich mittlerweile 270 Millionen Menschen in China Apple-Produkte leisten können, und jährlich kämen 57 Millionen hinzu. Allein in Peking leben neuesten Erhebungen zufolge 179000 Dollarmillionäre und 10500 Reiche mit einem Vermögen von mehr als hundert Millionen Yuan (etwa zwölf Millionen Euro). Das dürfte noch für den ein oder anderen iPad-Verkauf reichen.

Keine andere Wahl als Foxconn

Über die Ästhetik und die technische Perfektion hinaus, die die Geräte weltweit attraktiv machen, scheinen es in China gerade auch Vorstellungen von Kreativität und globalem Lebensstil zu sein, die für ihren Status-Vorteil in der Mittelschicht sorgen. Selbst Milieus, die sich bei Gelegenheiten wie dem Inselstreit mit Japan sonst gern nationalistisch abgrenzen, finden daher nichts dabei, nach wie vor ein westliches Produkt als kollektives Markenzeichen anzuerkennen. Doch Apples China-Präsenz spiegelt auch noch ein weiteres Merkmal dieser Schicht: ihr Desinteresse an anderen Teilen der chinesischen Gesellschaft.

Es ist schon öfter darauf hingewiesen worden, dass es in manchen anderen chinesischen Fabriken noch schlimmer zugehe als beim taiwanischen Hersteller Foxconn, bei dem Apple und andere westliche Elektronikunternehmen ihre Produkte fertigen lassen. Die niedrigen Löhne und die oft schikanöse Behandlung durch Vorarbeiter dort haben ihren Grund darin, dass eine große Schicht junger Arbeitskräfte vom Land bisher keine andere Wahl hatte, als dort anzuheuern.

Zukunftssehnsucht und verdrängtes Elend

Das Besondere an Foxconn ist indessen, dass es auch Unternehmen aus einer Weltgegend von dem dadurch möglichen Kosten-Nutzen-Kalkül zu profitieren erlaubt, die durch die Arbeitskämpfe und Reformen des vergangenen Jahrhunderts ganz andere Standards gewohnt ist: dem Westen. Foxconn wird genau deshalb ausgewählt, weil es günstige Preise mit effektiver Qualitätskontrolle verbindet.

Die zuletzt bekanntgewordenen Proteste und Arbeitsniederlegungen im Foxconn-Werk von Zhengzhou entsprangen eben diesem Wettbewerbsvorteil: Die Qualitätsprüfer hatten von den Arbeitern größere Sorgfalt bei gleichzeitig unverminderter Produktionsgeschwindigkeit verlangt, um die von manchen Käufern monierten 0,02 Millimeter tiefen Dellen im Gehäuse des neuen iPhone 5 zu vermeiden. Die chronische Überforderung beklagte auch Apple-Chef Cook, als er das Werk in Zhengzhou besuchte: Die Leute wollten viel zu viel arbeiten, das müsse geändert werden.

Er müsste wissen, wie das ginge. Sogar das britische Magazin „The Economist“ regte an, Apple solle von Henry Ford lernen: Er zahlte seinen Arbeitern so viel Gehalt, dass sie sich selbst einen Modell-T-Wagen leisten konnten. Da die Löhne zurzeit nur zwei Prozent der Verkaufspreise ausmachen, hätte das Unternehmen einigen Spielraum für vermehrte Investitionen in die Produktion. Die Löhne in China steigen ohnehin, so dass Foxconn schon Probleme bekommt, genügend Arbeiter für seine aufreibende Fließbandarbeit zu finden.

Wird also Apple tatsächlich ein Agent des Wandels werden und dazu beitragen, die Spaltung der chinesischen Gesellschaft zwischen Mittelschicht und Wanderarbeitern aufzuhalten? Noch ist davon keine Rede, wenn an diesem Samstag der siebte Apple-Store in China eröffnet werden wird: unweit der Grenze zu Hongkong, in Shenzhen, an dessen Peripherie die größten Foxconn-Fabriken stehen. So nah sind sich Zukunftssehnsucht und verdrängtes Elend, für die Apple in der chinesischen Gesellschaft steht, bisher sonst nirgendwo gekommen.

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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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