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Apple-Headquarter Wolkig ist besser

25.07.2011 ·  Ein Pentagon unserer Zeit: Der neue Apple-Hauptsitz in Cupertino soll bis 2015 im Silicon Valley entstehen - in Form eines ovalen Raumschiffes. Was sagt uns der neue Firmensitz?

Von Niklas Maak
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Vor kurzem verkündete Steve Jobs, der Chef der Firma Apple, er werde in Cupertino im Silicon Valley bis 2015 eines der größten Gebäude der Welt errichten: Das neue Headquarter von Apple. "Stellen Sie sich das vor", sagte Jobs, "ein einziger Bau, in dem zwölftausend Menschen arbeiten" - und das "in Form eines Raumschiffs". Das viergeschossige, kreisrunde Haus sieht ein wenig so aus, als sei der große Hadronenbeschleuniger des Cern durch eine Panne in Kalifornien wieder aus der Erde gekommen; es soll auf einem zweihunderttausend Quadratmeter großen Gelände gebaut werden, der Entwurf stammt angeblich von Norman Foster, und wenn man verstehen will, was dieser Entwurf bedeutet, lohnt sich eine kurze Rückblende ins Jahr 1976, in dem zwei weltverändernde Dinge auftauchten: Steve Jobs' erster Computer und das Space Shuttle.

1976 gründeten Jobs, Steve Wozniak und Ronald Wayne in Kalifornien die Firma Apple. Sie hatten einen VW-Bus und einen Hewlett-Packard-Taschenrechner verkauft und dafür 1750 Dollar bekommen, das war das Startkapital, mit dem 1976 der sogenannte Apple I entstand, der für den - auch für Satanisten anziehenden - Preis von 666,66 US-Dollar bei der Computerkette Byte Shop verkauft wurde. Zur gleichen Zeit, am 17. September 1976, wurde, ebenfalls in Kalifornien, das erste Space Shuttle enthüllt. Eigentlich sollte es "Constitution" heißen, aber am Ende wurde es - nach dem fiktiven Raumschiff aus der Fernsehserie "Star Trek" - "Enterprise" genannt. Bei der Präsentation des echten Raumschiffs war auch die Filmbesatzung der fiktiven Raumfähre anwesend; selten hatten sich die Fiktion und die Technologie einer Epoche so vermischt wie in diesem Bild.

Symbole des schrillen Geschmacks

Der folgende erste Aufstieg von Apple verlief zeitlich parallel zum Aufstieg des Weltraumprogramms der Nasa, und kaum eine andere Technologie hat die vergangenen Jahrzehnte so geprägt wie die Entwicklungen dieser beiden Institutionen. Was bedeutet es also, dass Jobs ausgerechnet zum Ende des amerikanischen Raumfahrtprogramms ein Gebäude in Form eines Raumschiffs vorstellt?

Das Bewusstsein einer Gesellschaft entsteht in den Geschichten, die sie sich erzählt, und in den Formen, die sie für ihre Zeit erfindet. Die amerikanische Mythologie des 19. Jahrhunderts war vom Treck nach Westen geprägt, ihr Narrativ war die horizontale Expansion: Der Bau der Eisenbahn, die Besetzung des Indianerlandes. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts folgte dieser horizontalen Expansion das Abenteuer der Vertikale: Das Amerika des frühen 20. Jahrhunderts hat den Wolkenkratzer erfunden, der amerikanische Held des 20. Jahrhunderts, der Cowboy der Vertikale, war der Astronaut. Heute sind klassische Hochhäuser, allen voran der 828 Meter hohe Burj Khalifa in Dubai, bestenfalls Symbole für den schrillen Geschmack sonderbarer Wüstenstaaten, und mit dem Ende des Shuttle-Programms ist auch die Besiedlung des Alls ausgeträumt. Was aber folgt jetzt, wenn die Epoche der vertikalen Expansion offenbar auch in der Symbolproduktion vorüber ist?

„iCloud“ als Sitz realer Macht

In das Vakuum der Bilder platzt Steve Jobs mit gleich zwei Super-Icons. Parallel zu seinem Verwaltungsraumschiff stellte er die sogenannte "iCloud" vor: Informationen werden nicht mehr auf dem Computer gespeichert, sondern extern, in einer virtuellen sogenannten Wolke, aus der man Fotos, E-Mails und andere gespeicherte Dinge auf jedes Apple-Gerät abrufen kann. Dieses virtuelle Machtzentrum "Wolke" zu nennen, war allein schon eine fast kryptotheologische Geste, die den technologischen Informationsdienst wie eine Naturgewalt erscheinen lässt. Die Wolke, die Erinnerungen an den Menschen sendet wie Zeus seine Blitze, ist das externalisierte Gedächtnis; "iCloud ist viel mehr als eine Festplatte in den Wolken", heißt es auf der Website von Apple, "iCloud speichert Deine Inhalte", und man kann gespannt sein, ob man aus den Wolken von Cupertino demnächst auch seine Identität mit einem kleinen "i" als optimierte iDentity angeboten bekommt.

Die iCloud ist vielleicht das eindringlichste Symbol eines Jahrzehnts der Unsichtbarkeit, das 2001 begann - in dem Jahr, in dem mit dem internationalen Terror ein Albdruck ständig gegenwärtiger, aber unsichtbarer Gefahr auftrat. Jedes geparkte Auto konnte eine Sprengfalle sein, in jedem Paket konnte Anthrax stecken. Der Terror des Unsichtbaren fand eine Parallele in den Finanzmärkten, an denen sich scheinbar erkennbare Werte als Illusionen entpuppten; schließlich beendete in Fukushima die unsichtbar ausströmende Strahlung den Glauben ans Atom. In dieser Zeit durchgehend bedrohlicher unsichtbarer Phänomene, von 2001 bis 2011, dematerialisierte Steve Jobs mit seinen i-Produkten unseren Alltag. Das iPhone ersetzte einen zimmerfüllenden Plattenschrank und einen Plattenspieler, eine Landkarte, ein Navigationssystem, ein Telefonbuch, einen Kalender, ein Telefon - Dinge mit einem Gesamtgewicht von mehreren hundert Kilogramm verschwanden, ohne vermisst zu werden. Es war auch diese Dematerialisierungsleistung, die Apple zur - mit einem Wert von rund 153,29 Milliarden US-Dollar - wertvollsten Marke der Welt machte. Mit der "iCloud" liefert die Firma jetzt das Signet zur Entmaterialisierung des Wahrnehmbaren; was der Wolkenkratzer war, Symbol einer Epoche und gleichzeitig Sitz realer Macht, wird die Wolke sein.

Vernetzung vieler kleiner Einheiten

Weil im alten Headquarter nur 2800 Mitarbeiter Platz finden, hat Apple heute mehr als dreißig Gebäude in der Umgebung angemietet, und so stellt man sich die Arbeitsweise des Unternehmens ja auch vor: Als Vernetzung vieler kleiner Einheiten, deren Datenströme sich in einer unsichtbaren Wolke treffen. Offenbar gibt es aber angesichts der allgemeinen Unsichtbarwerdung ein Bedürfnis nach großen architektonischen Gesten. Mit dem Raumschiff zitiert der 1955 geborene Jobs nicht nur nostalgisch das wichtigste kollektive Traumobjekt seiner Jugend und nicht nur die utopischen Großformen des Revolutionsarchitekten Étienne-Louis Boullée. Im Inneren des Apple-Baus dominiert Naturromantik. Hier soll ein "Urwald" wachsen, in dem der i-Mensch losgelöst von den Schrecken der echten Welt herumwandeln kann. Alle Autos verschwinden in einem riesigen unterirdischen Parkhaus, sie werden versteckt zugunsten einer Fiktion: Hier oben ist der Paradiesgarten für die Menschen mit den weißen Kabeln im Ohr. Apple, das Informationsunternehmen mit dem angebissenen Obst im Logo, baut sich den theologisch fehlenden Rest zum biblischen Szenario: Einen Garten Eden, um den sich das Bauwerk ringelt wie die biblische Schlange.

Amerikanische Kommentatoren haben das Apple-Ufo sofort mit dem Pentagon verglichen, das ein bisschen kleiner ist, und man kann Jobs' neue Zentrale natürlich auch als Ansage lesen, wo im Informationszeitalter die wahre Kontrollmacht sitzt - wobei sein um den Paradiesgarten herumgeschwungener Bau so gar nicht wolkenkratzerhaft in die Landschaft geduckt ist, dass man fast vergessen könnte, dass hier eine der größten Bewusstseinsmaschinen der Gegenwart sitzt, das Pentagon unserer Inhalte, sozusagen. Einen scheinbaren Paradiesgarten, der gleichzeitig Zentrum der Bewusstseinskontrolle ist, gibt es übrigens schon heute in einer literarischen Fiktion: In Friedrich von Borries' phantastischem Architekturroman "1WTC", der Ende August erscheint und dem jetzt schon der Preis für den besten Plot der Saison gebührt, wird im Fundament des neuen World Trade Centers eine aberwitzige Anlage geplant: Ein Architekt soll hier für den Militärgeheimdienst eine runde Idealsphäre bauen, in der islamischen Terrorverdächtigen nach kurzer Folter vorgegaukelt wird, sie seien schon im Paradies; ihr Wille soll durch scheinbare Wunscherfüllung gebrochen werden. Von solchen Szenarien ist die Apple-Zentrale weit entfernt - trotzdem sieht sie, wenn man sie von oben betrachtet, wie ein riesiger iPod mit einem gigantischen Scrollrad in der Mitte aus; so, als wäre die Erde eine gigantische Benutzeroberfläche, die sich von diesem Rad aus bedienen lässt.

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