http://www.faz.net/-gqz-74pvv

Appell zur Freilassung von Li Bifeng : Wie man sich Feinde schafft

  • Aktualisiert am

Wegen angeblicher „Wirtschaftdelikte“ zu zwölf Jahren Haft verurteilt: Li Bifeng Bild: Archiv

Die Justiz in China hat einen Mann, der für die Demokratie kämpft, zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Liao Yiwu fordert von der chinesischen Regierung die Freilassung des Schriftstellers Li Bifeng.

          Kaum war der Vorhang nach dem 18.Parteitag der kommunistischen Diktatoren Chinas gefallen, wurde der Untergrundschriftsteller Li Bifeng zu einer Freiheitsstrafe von zwölf Jahren verurteilt. Wir sehen darin das Signal für einen gefährlichen Rückschritt.

          Li Bifeng und der Schriftsteller Liao Yiwu haben sich im Gefängnis Nr.3 der Provinz Sichuan kennengelernt, wo man nach dem Massaker vom 4.Juni 1989 außer ihnen noch zwanzig weitere politische Häftlinge eingepfercht hatte. Sie waren die einzigen, die an diesem Ort wegen ihrer fatalen Liebe zur Literatur zueinanderfanden. Auch wenn sie bisweilen wegen unterschiedlicher Auffassungen über das Schreiben aneinandergerieten, blieben sie auch nach der Haftentlassung in freundschaftlichem Kontakt miteinander. Sie tauschten Manuskripte und ihre Ansichten über das Leben aus. Li Bifeng war Optimist; er wollte hoch hinaus und widmete sich neben dem Schreiben der Demokratiebewegung. Liao Yiwu war Pessimist; ihn zog es nach unten, wo er neben dem Flötenspiel in dunklen Spelunken in einem Berg von Schriftwerk unterging.

          Endlose Geheimverhöre

          Li Bifeng wanderte 1998 ein zweites Mal ins Gefängnis, weil er einen Bericht über die mutige Sitzblockade einer Autobahn durch eine Gruppe von Textilarbeitern in seiner Heimat Mianyang verfasst und im Ausland ansässigen Menschenrechtsorganisationen zugespielt hatte. Nach einem halben Jahr auf der Flucht vor den alarmierten Behörden wurde er schließlich gefasst. Dieses Mal hatten die kommunistischen Diktatoren ihre Strategie geändert und verurteilten ihn wegen angeblicher „Wirtschaftskriminalität“ zu weiteren sieben Jahren Haft.

          2011 sperrten sie ihn ein drittes Mal ein - zwei Monate nachdem Liao Yiwu heimlich über die chinesisch-vietnamesische Grenze außer Landes geflüchtet war. Noch während sich von September 2011 bis Mai 2012 die endlosen Geheimverhöre von Li hinzogen, erfuhr der inzwischen nach Deutschland gelangte Liao zufällig, dass Li Bifengs Verhaftung mit seiner eigenen Flucht zu tun habe. Schockiert musste er feststellen, dass die Polizei Li vorwarf, dieser habe durch finanzielle beziehungsweise aktive Hilfestellung die Flucht des Freundes ermöglicht. Tatsächlich hatte Li Bifeng mit Liao Yiwus Flucht nicht das Geringste zu schaffen.

          Teufelskreis aus Armut und Despotie

          Nun ist Li Bifeng abermals zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden - wieder wegen angeblicher „Wirtschaftdelikte“. Es handelt sich strategisch um einen besonderen Zeitpunkt, die Machtkämpfe sind vorläufig beendet, eine neue Garde betritt die Bühne und lässt die Muskeln spielen - und Tausende Kilometer von der Hauptstadt entfernt wird in einem Gerichtssaal der Kleinstadt Shehong in der Provinz Sichuan trotz des Plädoyers des Verteidigers, der darauf pocht, dass es in diesem Fall weder Beweise noch Geschädigte gab, nach mehrfacher Vertagung des Gerichtsverfahrens ein unbekannter Dichter zu einer schweren Strafe verurteilt. Li Bifeng ist 48Jahre alt und wird nach Ablauf dieser Haft 24 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht haben.

          Li ist zusammen mit Liu Xiaobo, dem inhaftierten Friedensnobelpreisträger des Jahres 2010, durch das Massaker vom Tiananmen-Platz vom Juni 1989 zu einer Symbolfigur der chinesischen Geschichte geworden. Liu Xiaobo allerdings ist ein typischer Vertreter der intellektuellen Elite, der in seinen Briefen an Liao Yiwu stets unverbrüchlich daran festhielt, ein chinesischer Václav Havel oder Martin Luther King sein zu wollen, und sich, ganz wie jene Idealisten, als Hoffnungsträger sieht. Im Gegensatz dazu erwartet Li Bifeng nicht mehr als das Schicksal der ganzen sozialen Bewegung Chinas auf Graswurzelebene.

          Sie besteht aus der großen schweigenden Masse, der es weder an den Idealen noch am Verantwortungsgefühl der intellektuellen Elite mangelt und die doch wie Ratten in schmutzigen Abwassergräben verborgen lebt. Diesen in einem Teufelskreis aus Armut und Despotie gefangenen Ratten wurde über Nacht ein ewiges Schweigegebot auferlegt, nachdem sie zuvor die Straßen unzähliger chinesischer Städte überflutet und für eine gerechte Sache demonstriert hatten, bis ihre hitzköpfige Empörung mit dem Kriegsrecht und den Gewehrsalven der staatlichen Armeesoldaten beantwortet wurde.

          Weitere Themen

          Einmischung unerwünscht

          China rüffelt Bundestag : Einmischung unerwünscht

          Dass der Bundestag über die Menschenrechtslage der Uiguren diskutiert, gefällt Peking nicht. Es setzt die Parlamentarier mit einem Brief sogar unter Druck – kurz bevor Außenminister Heiko Maas nach China reist.

          Käfer- und Katzen-Mumien Video-Seite öffnen

          Grabstelle in Ägypten : Käfer- und Katzen-Mumien

          Archäologen in Ägypten haben am Wochenende seltene Grabfunde vorgestellt. Sie fanden am Rand der Totenstadt von Sakkara mumifizierte Katzen und eine ganze Sammlung mumifizierter Skarabäen. Diese Käfer wurden als Symbol für den Sonnengott verehrt.

          Topmeldungen

          Migranten aus Mittelamerika klettern am 29. Oktober auf den Anhänger eines Lastwagens, während eine Karawane von Menschen ihren langsamen Marsch zur amerikanischen Grenze fortsetzt.

          Flüchtlingstreck nach Amerika : Endstation Mexiko?

          Tausende Menschen schieben sich aus Honduras durch Mexiko in einer langen Karawane Richtung Amerika. Doch Donald Trumps Drohung zeigt bei den ersten Flüchtlingen Wirkung.
          Quirinale: Sitz der italienischen Regierung.

          Euro-Tief : Italien schwächt den Euro

          Der Wechselkurs der Gemeinschaftswährung fällt auf den niedrigsten Stand seit Juni 2017. Am Markt herrscht Einigkeit: Schuld daran ist Italien. Und das Verhalten der populistischen Regierung in Rom verheißt auch für die Zukunft nichts Gutes.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.