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Appell von Bernard-Henri Lévy : Verlasst Sotschi!

  • -Aktualisiert am

Nichts als ein Trugbild: Die Olympischen Ringe im Spiegel einer Pfütze im Olympiapark Bild: dpa

Während sich Olympia seinem Schlusspunkt nähert, wird in der Ukraine der europäische Traum beerdigt. Deshalb kann es jetzt nur eine Devise geben: die Abschlussfeier der Olympischen Spiele zu boykottieren!

          Zwei Bilder wechseln einander an diesem Mittwochmorgen in den Köpfen ab: das Bild des makellosen Schnees in den Bergen hinter Sotschi, auf dem Skifahrer sich unter dem Beifall der Welt in die Tiefe stürzen, und das Bild des blutbespritzten Schnees auf den Barrikaden des Majdan, des Unabhängigkeitsplatzes in Kiew, seit die Spezialeinheiten der ukrainischen Machthaber dort unter den gleichgültigen Augen der Welt und mit Billigung Putins den Angriffsbefehl erhalten haben.

          Es nützt nichts, an solche Dinge gewöhnt zu sein. Es nützt nichts, an die 130 000 Syrer zu denken, die dem mörderischen Wahn eines Baschar al Assad zum Opfer gefallen sind, gleichfalls unter dem Schutz Putins, desselben Herrn aller Reußen, der zahllose Tschetschenen „bis aufs Scheißhaus“ verfolgte, wie er es einmal so feinsinnig ausgedrückt hat. Es nützt nichts, im Gedächtnis zu behalten, dass von jeher - seit man das republikanische Spanien im Stich ließ, seit man Mitteleuropa aufgab und seit dem Satz „Natürlich werden wir nichts tun“ angesichts der Ausrufung des Kriegszustands in Polen Anfang der achtziger Jahre - die Demokratie grundsätzlich niemals ihre Werte verteidigt hat.

          Europas Embleme, mit Füßen getreten

          Dieses zufällige Zusammentreffen der Bilder, dieser nahezu vollkommene Einklang zweier Zeremonien, der Olympischen Spiele, die sich ihrem Schlusspunkt nähern, und der Beerdigung des europäischen Traums durch ein Volk, das noch daran glaubte, hat etwas an sich, das der Intelligenz ins Gesicht schlägt und das Herz zerbricht.

          Eine Frage an die Verantwortlichen dieses Europas, dessen Embleme und Fahnen in diesem Augenblick mit Füßen getreten werden, an Frau Ashton oder die Herren Barroso, Schulz und Konsorten: Ist ihr Platz nicht dort in Kiew, auf dem brennenden Majdan, den die Besetzer vor langer Zeit schon in Europaplatz umgetauft haben?

          Der französische Philisoph Bernard-Henri Lévy

          Ein Vorschlag an die Herren Hollande und Obama, ständige Mitglieder des Sicherheitsrats, auf dessen Tagesordnung die ukrainische Frage vergangene Woche in Washington stand, wie wir gestern Abend aus dem Munde des französischen Ministers für wirtschaftlichen Wiederaufbau, Arnaud Montebourg, erfahren haben: Diese Toten im Herzen Europas, diese in die Hunderte gehenden Verletzten, gejagt von Spezialkräften, die nach der Überzeugung von Beobachtern in Kiew bis zum Letzten gehen werden, diese Flammenwand, die in dem Augenblick, da ich dies schreibe, diesen großartigen, friedlichen, von einem Volk besetzten Platz zerteilt, dessen einziger Fehler es ist, seine Liebe zum Vaterland Jean Monnets, Edmund Husserls und Václav Havels zu bekunden - verdient all das nicht die Einberufung einer Dringlichkeitssitzung besagten Rates?

          Diese Provokation, diese Herausforderung, dieses kalte und selbstgewisse Verbrechen - machen sie es nicht notwendig, das Regime und seinen Schirmherrn in irgendeiner Weise zur Ordnung zu rufen?

          Putins zweites Gesicht

          Und eine Frage schließlich an die Vertreter der Nationalen Olympischen Komitees, die zurzeit in Sotschi weilen und weiterhin, als wäre nichts geschehen, blind und taub für die Tragödie, die sich ein paar hundert Kilometer entfernt vom Schauplatz ihrer Großtaten ereignet, ein olympisches Ideal feiern, für dessen Flamme in diesem Jahr der Mörder die Verantwortung trägt: Spüren sie nicht, dass ihre Medaillen nach Blut schmecken? Kommt ihnen niemals dieser andere, blutige Schnee in den Sinn, der ohne jeden Zweifel die ganze Aufmerksamkeit ihres Gastgebers in Anspruch nimmt?

          Und bemerken sie nicht, ich sage nicht einmal: die Obszönität, sondern die Absurdität, die man bis zur letzten Minute des letzten Tags dieser verdorbenen Olympischen Spiele wird erkennen können, dass es zwei Putins gibt: den schrecklichen, der am Dienstagnachmittag seinem Knecht Janukowitsch die Erlaubnis zum Töten erteilt hat, und den auf der Tribüne, der mit der gebührenden Großzügigkeit jene empfängt, die man einst die Götter des Stadions nannte?

          Die Spiele werden in einigen Tagen vorüber sein. Es bleibt nur wenig, sehr wenig Zeit, um aufzuhören, sich einem Schauspiel hinzugeben, das mehr als jemals zuvor einer traurigen Maskerade gleicht. Es bleiben nur wenige, sehr wenige Stunden, um wenigstens die Ehre zu retten und nicht einen Ruhm zu erwerben, der von Kompromiss und Schuld befleckt ist.

          Verlassen wir Sotschi, oder boykottieren wir wenigstens die Abschlussfeier und sorgen dafür, dass die 22. Olympischen Spiele nicht als die Spiele der Schande und Niederlage Europas in die Geschichte eingehen.

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