Sie stellen Ihre Fotografie jetzt in der Galerie Neue Meister in Dresden aus. Fühlen Sie sich dadurch als neuer Meister in Ihrem Fach?
Man soll ja nie über sich selbst urteilen. Viele sagen, ich hätte einen eigenen Stil entwickelt. Aber so etwas wie Stil wird ja durch die eigene Unfähigkeit und die Hindernisse geformt, denen man als Fotograf begegnet. Deshalb wird solch ein Handicap irgendwann die größte Stärke. Aber die Ausstellung hier in Dresden passt perfekt zu dem, was mich gerade als Fotograf interessiert. Nachdem ich achtzehn Jahre lang nur Musiker fotografiert hatte, habe ich nun eine Serie von Malerporträts in Arbeit. Mein Ansatz als Porträtfotograf war schon immer ungewöhnlich, besonders im Kontext der Musikszene. Er ist künstlerischer, und darum werden meine Bücher auch bei Schirmer/Mosel, also einem Verlag für künstlerische Fotografie, verlegt und nicht bei den großen englischen Häusern, wo man Rockmusik-Fotografie erwarten würde.
Gab es Vorbilder, an denen sich Ihre Fotografie orientiert hat?
Ursprünglich nicht, denn als ich anfing, wusste ich gar nichts über Fotografie. Mir ging es nur darum, nahe an die Musiker heranzukommen. Musik war meine erste große Liebe. Ich wurde auf einer Insel geboren, und das Einzige, was mir in den sechziger Jahren dort von außerhalb begegnete, war Musik. Ein Instrument spielte ich zwar, aber nicht gut, doch ich fand die Kamera meines Vaters. Und später habe ich dann einige andere Musik-Fotografen gefunden, die ich bewundere: Jim Marshall, David Gahr, Michael Cooper, Elliott Landy. Von ihnen habe ich gelernt, dass persönliche Nähe die besten Bilder ermöglicht.
Mit einigen Musikern verbindet Sie als Fotograf eine jahrzehntelange Zusammenarbeit. Das ist eine ziemlich einmalige Konstellation.
Ich kenne zumindest in den letzten Jahren keine andere. Früher, in den sechziger Jahren, war es üblich, dass Fotografen den Lebensweg einer Band kontinuierlich dokumentierten. Aber damals war das Musikgeschäft auch viel schnelllebiger. Jedes Jahr kam mindestens eine neue Platte heraus. Heute passiert das nur alle zwei oder drei Jahre. Deshalb muss man länger dabeibleiben. Wenn man wie ein Teil ihrer Familie wird, hat man bessere Aussichten auf den entscheidenden Moment. Leider aber interessieren sich die meisten Rockfotografen für nichts anderes. Ich sollte das Vorwort für den letzten Fotoband von Jim Marshall schreiben, aber als ich das Umschlagmotiv sah, habe ich abgelehnt. Er macht tolle Bilder, aber er predigt damit nur zu den bereits Bekehrten. Ich begreife meine Bilder als Porträts, die unabhängig davon interessant sein sollen, ob man die Porträtierten schätzt. Ich sehe mich durchaus in einer Traditionslinie, habe sie aber ausgeweitet. Und außerhalb der Musikwelt schätze ich die naheliegenden Fotografen: Robert Frank, Dorothea Lang, Man Ray und Diane Arbus am Anfang, später kamen dann Lee Friedlander, Gary Winogrand, Irving Penn und Richard Avedon dazu. Und ich mag die deutschen Fotografen: Wolfgang Tillmans besonders, aber auch Gursky und Ruff aus der Düsseldorfer Schule. Sie verschieben Grenzen. Es ist eine gute Zeit für Fotografie, auch wenn sich mit der Digitaltechnik heute jeder für einen Fotografen hält. Aber neben all dem Mist sind auch viele gute Leute aufgetaucht. So, das war jetzt eine sehr lange Antwort auf eine kurze Frage.
Haben Sie selbst Schüler?
Nein, der Rhythmus meiner Arbeit lässt das nicht zu. Es gibt ganze Wochen, in denen ich kein einziges Bild fotografiere. Ich könnte einem Schüler nicht zumuten, sich darauf einzulassen. Und eines darf man nicht unterschätzen: Wenn Sie als Fotograf allein zu einer Porträtsitzung kommen, ist das besser, als wenn Sie viele Leute mitbrächten.
Hat denn Ihre Familie akzeptiert, dass Sie selbst nach dem Schulabschluss keine Ausbildung mehr gemacht haben?
Mein Vater war Pfarrer, der hatte kein Verständnis für Fotografie. Er interessierte sich gar nicht für Kultur. Bis ich achtzehn war, hatte ich nur ein einziges Mal ein Museum besucht: das Rijksmuseum in Amsterdam, wo er mir Rembrandt zeigte. Das war der einzige Künstler, mit dem er etwas anfangen konnte, weil Rembrandt biblische Szenen malte. Dabei war sein Vater, mein Großvater, selbst Maler. Er unterrichtete an einer Kunsthochschule und malte ziemlich langweilig, wie ich leider sagen muss: Blumen- und Früchtestillleben, Kirchen. Akademisch. Ich musste mir also mein Kunstverständnis selbst beibringen.
Drückt sich das in Ihren Porträts von Malern aus? Wann haben Sie Ihre Nähe zu ihnen entdeckt?
Ich würde nicht von Nähe sprechen, sondern von Neugier. Der Weg dahin war nicht geplant. Als Captain Beefheart 1982 die Musik zugunsten der Malerei aufgab, blieben wir Freunde, und so kam ich in ersten Kontakt. Dann habe ich vor zwölf Jahren ein gemeinsames Buch mit der holländischen Malerin Marlene Dumas gemacht und bewundert, was sie dabei mit ihren Bildern ausdrücken konnte. Das gab meine Fotografie deshalb nicht her, weil man da sofort Entscheidungen treffen muss. Als Maler können Sie sich Zeit lassen, und das verschafft Ihnen Freiheit. Darauf war ich neidisch. Seitdem intensivierte ich meine Bemühungen, auch auf diesem Feld als Porträtfotograf tätig zu sein. Ich suche ständig nach neuen Wegen. So kamen die Porträts von Malern zustande und auch die Spielfilme, die ich gemacht habe. Von denen aber kostet mich jeder ein Jahr meines Lebens, also muss ich mir genau überlegen, was ich mir zeitlich leisten kann. Im Moment bin ich glücklich mit den Porträts der Maler als Menschen, deren Arbeit ich sehr schätze.
Wobei Sie ja noch in diesem Jahr Ihren dritten Spielfilm drehen werden: „A Man Most Wanted“, nach John Le Carrés Roman „Marionetten“.
Das stimmt. Aber die Fotografie ist wichtig, um mich immer wieder zu beruhigen. Sie gibt mir Frieden.
Wie suchen Sie die Maler aus, die Sie fotografieren?
Nach persönlichen Vorlieben. Wenn mich ein Bild besonders begeistert. Der erste Maler, den ich fotografiert habe, war Imi Knoebel, seitdem sind viele weitere dazugekommen, darunter Gerhard Richter, Lucian Freud und Anselm Kiefer. Wobei es viel schwieriger ist, von Malern eine Zusage für eine Porträtsitzung zu bekommen als von Musikern, wenn man mal von solchen Künstlern wie Jeff Koons oder Damien Hirst absieht. Sie nehmen auch beim Fotografieren ein viel aktivere Rolle ein. Aber auf einige meiner Lieblingsmaler habe ich zwei, drei Jahre warten müssen. Das macht aber nichts, ich kann sie sogar verstehen, weil ich selbst nicht gern fotografiert werde. Einige haben mich leider so lange warten lassen, bis sie gestorben sind.
Um wen handelte es sich dabei?
Zum Beispiel um Sigmar Polke und Cy Twombly. Die hatten unsere Porträtverabredung immer wieder verschoben.
Sind Sie es, der den Kontakt zu den Malern sucht?
Ja. Und für mich sind diese Begegnungen wie ein nachgeholtes Studium. Ich bin ja kein gebildeter Mann. Alles, was ich mit Malern mache, geschieht aus dem Wunsch, von ihnen zu lernen. Ich wäre gern ein Maler geworden, habe aber nie gemalt. Ich liebe den Pinselstrich als grafisches Element.
Mit Musikern gehen Sie zum Fotografieren meist ins Freie statt an die üblichen Orte wie Konzerthallen oder Musikstudios. Ist es bei Malern auch so, dass Sie bewusst ungewöhnliche Orte zum Fotografieren aufsuchen?
Nein, da ist es das Gegenteil. Ich bin fasziniert von der Situation im Atelier. Dort entsteht alles, auf einem weißen Blatt Papier oder einer Leinwand, aus dem Nichts. Das finde ich sehr mutig und wünschte mir, ich würde es auch einmal so hinbekommen, aber wir Fotografen müssen ja mit dem vorliebnehmen, was wir vorfinden. Ich glaube, dass ich das nicht schlecht mache, aber aus dem Nichts ein Bild entstehen zu lassen, das können wir nicht. Mit Musikern versuche ich alles, um gerade nicht in die Konzerte oder ins Studio zu müssen. Wirklich das genaue Gegenteil.
Wie viel Zeit brauchen Sie für eine Porträtsitzung?
So viel, wie man mir gibt. Bisweilen habe ich einen ganzen Tag, manchmal weniger. Ich arbeite schnell, und viele meiner Fotos entstehen in zehn bis zwanzig Minuten.
Neigen Maler als Bilderschöpfer eigenen Rechts dazu, Ihnen in die Bildgestaltung ihrer Porträts hineinreden zu wollen?
Überhaupt nicht. Sie sind vielmehr selbst neugierig. Auch das begeistert mich an ihnen. Und es sind ja auch ganz unterschiedliche Menschen. Gerhard Richter zum Beispiel ist im Kopf unglaublich jung geblieben. Als ich ihn traf, kam ich zuerst gar nicht mit seinem Atelier zurecht, also sagte er: „Ich nehme Sie in mein anderes Atelier mit.“ Es war an einem Samstag, außer uns war niemand da, und dort lief dann alles perfekt. Da entstand mein Foto von ihm, das er sehr schätzt und das jetzt auch hier in der Dresdner Richter-Ausstellung hing: die Aufnahme seines Kopfes von hinten. Weil er darin eine Parallele zu seinem berühmten Bild der Tochter Betty erkannte.
Bei Ihrer Auswahl von Künstlern liegt ein klarer Schwerpunkt auf europäischen Malern, und Sie verstehen sich als dezidiert europäischer Fotograf, auch wenn Sie in Amerika arbeiten. Was hat Ihnen die niederländische Bildtradition dabei mitgegeben?
Es ist eine sehr visuelle Kultur. Wie die deutsche auch. Dagegen weist England eine sehr literarische Tradition auf. Dort ist die Akzeptanz junger bildender Kunst nicht so groß wie in den Niederlanden oder Deutschland. Solche Rahmenbedingungen nimmt man unbewusst natürlich auf, auch wenn ich meine Fotografie nicht als spezifisch niederländisch bezeichnen würde. Aber sie ist protestantisch.
Wirkt sich das auch auf die Rezeption Ihrer Fotos aus?
Ja. Sie werden vor allem in Nordeuropa sehr geschätzt, also im protestantischen Teil des Kontinents. Außer in England, was ein Phänomen ist. Schließlich habe ich dreißig Jahre lang die dortige Kultur dokumentiert. Na ja, das hat mich lange Zeit geradezu obsessiv werden lassen, nun warte ich einfach ab. Und in Amerika tut man sich auch noch schwer mit meinen Fotos. Aber das wird jetzt langsam besser, seit ich als Filmregisseur bekannt geworden bin. Aber Film - das ist eine international ausgerichtete Kunstform. Dagegen ist Fotografie eine Amateurveranstaltung. Wenn Sie ein Bild gemacht haben, wissen Sie nicht, wie Sie es den Leuten, die es interessieren könnte, bekanntmachen sollen. Immerhin hat man dafür jetzt das Internet.
Wobei ich bei Fotografie im Internet immer das Formatproblem sehe - und die meist unzureichende Auflösung der Bilder.
Sehr richtig, aber zumindest bekommt man eine Vorstellung. Und das Schöne an Fotografie ist, dass man ein Bild auch noch zehn Jahre, nachdem es gemacht wurde, für sich entdecken kann. Beim Film dagegen werden gleich zu Beginn alle Hebel in Bewegung gesetzt, und man interessiert sich für nichts Vergangenes mehr. Als ich mit meinen Filmen nach Amerika kam, hatte ich eine fünfunddreißigjährige Karriere als Fotograf hinter mir und glaubte, mit einigen Bildern auch Eindruck gemacht zu haben, aber das interessierte dann niemanden.
Wenn Sie zuvor von „protestantischen Bildern“ sprachen, begreifen Sie sich dann auch als ein religiöser Mensch?
Nicht in dem Sinne, dass ich gläubig wäre. Aber ich bin eben tief protestantisch geprägt. Die Vergänglichkeit spielt eine große Rolle in meinen Bildern. Ich bewundere aber Menschen wie meinen Vater, die sich an der christlichen Morallehre orientieren. Wir brauchen heute Toleranz, Respekt und mehr Spiritualität - gerade weil die Religionen selbst derzeit so viel dazu beitragen, dass weltweit Intoleranz herrscht.
Anton Corbijn wird am 20. Mai 1955 in dem niederländischen Dorf Strijen auf der Insel Hoeksche Waard geboren. Als Sohn des dortigen Pfarrers wächst er in einer streng protestantischen Umgebung auf. -Im Alter von neunzehn wird Corbijn freier Fotograf. Mit dem Niederländer Herman Brood entwickelt sich die erste von mehreren jahrzehntelangen Arbeitsbeziehungen zwischen dem Fotografen und berühmten Musikern wie U 2, Depeche Mode, Herbert Grönemeyer, Tom Waits oder R.E.M. Fotografiert Corbijn zunächst nur Musiker, erweitert sich sein Spektrum in den neunziger Jahren. Aktuell fotografiert er vor allem Maler. 2007 entsteht sein erster Spielfilm, „Control“. 2010 folgt „The American“ mit George Clooney in der Hauptrolle. In Kürze beginnt Corbijn mit den Dreharbeiten zur Verfilmung von John Le Carrés Roman „Marionetten“. -Derzeit läuft in deutschen Kinos der Dokumentarfilm „Anton Corbijn - Inside Out“. Das Dresdner Albertinum zeigt eine Ausstellung mit Corbijns Porträts von R.E.M., die Berliner Galerie Camera Work eine Werkschau. Im Herbst erscheint ein Fotoband über und mit Tom Waits.